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ROMEO UND JULIA
(William Shakespeare)
Besuch am
8. Juli 2019
(Premiere)
Es ist der letzte Besuch beim Shakespeare-Festival in Neuss für dieses Jahr. Bei 18 Grad Außentemperatur und wolkenverhangenem Himmel findet eine „ganz normale“ Aufführung statt. Eingeladen ist für diesen und die beiden folgenden Abende das Theater Poetenpack Potsdam, das heuer sein 20-jähriges Bestehen feiert und bereits zum vierten Mal zu Gast in Neuss ist. Ein junggebliebenes Theaterensemble, das den Shakespeare-Klassiker schlechthin in neuer Fassung interpretiert. Romeo und Julia feierte seine Premiere Ende Juni in Hundisburg und Anfang Juli in Potsdam.
Regisseur Andreas Hueck inszeniert vergleichsweise aufwändig, vor allem, was die Bühne angeht. Und genau damit überrascht er. Es liegt nahe, den ersten Balkon einzubeziehen, um die berühmte Szene dort zu realisieren. Das reicht Ausstatterin Janet Kirsten nicht. Sie integriert beide Balkone und vergrößert den Zugang um zunächst zwei, später drei Treppen, die zu den Balkonen emporführen. Damit gelingt es ihr, die Spielorte respektive Zugänge zu erweitern, ohne den Reiz der Balkonszene zu schmälern. Weiße Würfel scheinen bei den Requisiten auf der Bühne gerade im Trend zu liegen. So auch hier. Zu beiden Seiten der Bühne sind Perkussionselemente untergebracht. Durch diesen Raum führt Hueck die Menschen im Großen und Ganzen geschickt, wenn man davon absieht, dass ihm zu Romeo mit seinen Monologen nicht so arg viel eingefallen ist. So geht es auch Kirsten mit den Kostümen. Abgesehen vom Schuh-Fetischismus, werden die Kostüme zwar den Funktionen gerecht, aber so richtig überzeugen sie nicht. Capulet in schwarz und Montague in weiß ist auch nicht besonders aufregend. Im Umgang mit den Waffen gibt es zwei Aspekte. Da will sich Hueck zum einen partout nicht an den Text halten, wenn Waffen, von denen die Rede ist, absolut nicht auf der Bühne zu sehen sind. Und andererseits hat Stefan Lenz Kampfszenen einstudiert, die ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit erreichen.

Den Schauspielern gelingt es, mit wenigen Hasplern durch den Text zu steigen, der insbesondere bei den Beschimpfungen ein wenig übertrieben wirkt. Florian Bamborschke zeigt sich als Romeo engagiert, leidet aber unter der Einfallslosigkeit des Regisseurs. Mit Julia Borgmeier agiert eine Julia auf der Bühne, die über eine enorme Ausdrucksvielfalt verfügt und der man gerne beim Atmen zuschaut, wenn sie in der Gruft aufgebahrt ist. Als Lady Montague bekommt Gislén Engelmann wenig Gelegenheit, sich überhaupt zu bewegen. Das kann sie als Amme, die für einige Schmunzler gut ist, wettmachen. Auch die zweite Dame des Abends, Andrea Seitz als Lady Capulet, bleibt eher im Hintergrund, darf aber ein interessant geschnittenes Kleid tragen, das viel Bein zeigt. Bruder Lorenzo bekommt den ersten Auftritt und geleitet das Publikum durch die Handlung. Dafür wäre kaum jemand besser geeignet als Reiner Gabriel, der nicht nur in Mimik und Gestik, sondern vor allem dann überzeugt, wenn er seinen Text nicht vorträgt, sondern sehr glaubhaft spricht. Ähnliche Qualität erreicht André Kudella, der vor allem durch Intonationsvielfalt besticht. Eine Doppelrolle besetzt auch Felix Isenbügel. Als Tybalt wirkt er eher einer Martial-Art-Serie entsprungen denn als übermütiger Pubertierender, als Graf Paris gelingt es ihm, exaltiert zu erscheinen, ohne ins Alberne abzurutschen. Andreas Klopp hat da als Mercutio weniger Glück. Kotzszenen auf der Bühne sind einfach überflüssig. Klopp rettet mit der ihm eigenen Souveränität, aber er hätte die Betrunkenen-Szene vermutlich auch ganz gut ohne den unästhetischen Ausfall über die Bühne gebracht. Markus Braun liefert einen ordentlichen Benvolio ab. Insgesamt ein überragendes Ensemble, das die Geschichte mit Sicherheit auch völlig ohne Klamauk sehr überzeugend erzählt hätte.
Eine Sonderrolle nimmt Arne Assmann ein. Neben Sampson übernimmt er nämlich äußerst gelungen den musikalischen Part mit seinem Saxofon und teilt sich mit Engelmann die Bedienung der Perkussionselemente. Eine der wirklich guten Ideen des Regisseurs, dem es auch gelingt, einen Schluss zu gestalten, der unter die Haut geht. Da verabschiedet sich das Publikum zu Recht mit ausgiebigem Applaus.
Michael S. Zerban