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Foto © Christoph Krey

Wenn der Tod Frieden schafft

ROMEO UND JULIA
(William Shakespeare)

Besuch am
8. Juli 2019
(Premiere)

 

Shake­speare-Festival, Globe-Theater Neuss

Es ist der letzte Besuch beim Shake­speare-Festival in Neuss für dieses Jahr. Bei 18 Grad Außen­tem­pe­ratur und wolken­ver­han­genem Himmel findet eine „ganz normale“ Aufführung statt. Einge­laden ist für diesen und die beiden folgenden Abende das Theater Poetenpack Potsdam, das heuer sein 20-jähriges Bestehen feiert und bereits zum vierten Mal zu Gast in Neuss ist. Ein jungge­blie­benes Theater­en­semble, das den Shake­speare-Klassiker schlechthin in neuer Fassung inter­pre­tiert. Romeo und Julia feierte seine Premiere Ende Juni in Hundisburg und Anfang Juli in Potsdam.

Regisseur Andreas Hueck insze­niert vergleichs­weise aufwändig, vor allem, was die Bühne angeht. Und genau damit überrascht er. Es liegt nahe, den ersten Balkon einzu­be­ziehen, um die berühmte Szene dort zu reali­sieren. Das reicht Ausstat­terin Janet Kirsten nicht. Sie integriert beide Balkone und vergrößert den Zugang um zunächst zwei, später drei Treppen, die zu den Balkonen empor­führen. Damit gelingt es ihr, die Spielorte respektive Zugänge zu erweitern, ohne den Reiz der Balkon­szene zu schmälern. Weiße Würfel scheinen bei den Requi­siten auf der Bühne gerade im Trend zu liegen. So auch hier. Zu beiden Seiten der Bühne sind Perkus­si­ons­ele­mente unter­ge­bracht. Durch diesen Raum führt Hueck die Menschen im Großen und Ganzen geschickt, wenn man davon absieht, dass ihm zu Romeo mit seinen Monologen nicht so arg viel einge­fallen ist. So geht es auch Kirsten mit den Kostümen. Abgesehen vom Schuh-Fetischismus, werden die Kostüme zwar den Funktionen gerecht, aber so richtig überzeugen sie nicht. Capulet in schwarz und Montague in weiß ist auch nicht besonders aufregend. Im Umgang mit den Waffen gibt es zwei Aspekte. Da will sich Hueck zum einen partout nicht an den Text halten, wenn Waffen, von denen die Rede ist, absolut nicht auf der Bühne zu sehen sind. Und anderer­seits hat Stefan Lenz Kampf­szenen einstu­diert, die ein hohes Maß an Glaub­wür­digkeit erreichen.

Foto © Christoph Krey

Den Schau­spielern gelingt es, mit wenigen Hasplern durch den Text zu steigen, der insbe­sondere bei den Beschimp­fungen ein wenig übertrieben wirkt. Florian Bamborschke zeigt sich als Romeo engagiert, leidet aber unter der Einfalls­lo­sigkeit des Regis­seurs. Mit Julia Borgmeier agiert eine Julia auf der Bühne, die über eine enorme Ausdrucks­vielfalt verfügt und der man gerne beim Atmen zuschaut, wenn sie in der Gruft aufge­bahrt ist. Als Lady Montague bekommt Gislén Engelmann wenig Gelegenheit, sich überhaupt zu bewegen. Das kann sie als Amme, die für einige Schmunzler gut ist, wettmachen. Auch die zweite Dame des Abends, Andrea Seitz als Lady Capulet, bleibt eher im Hinter­grund, darf aber ein inter­essant geschnit­tenes Kleid tragen, das viel Bein zeigt. Bruder Lorenzo bekommt den ersten Auftritt und geleitet das Publikum durch die Handlung. Dafür wäre kaum jemand besser geeignet als Reiner Gabriel, der nicht nur in Mimik und Gestik, sondern vor allem dann überzeugt, wenn er seinen Text nicht vorträgt, sondern sehr glaubhaft spricht. Ähnliche Qualität erreicht André Kudella, der vor allem durch Intona­ti­ons­vielfalt besticht. Eine Doppel­rolle besetzt auch Felix Isenbügel. Als Tybalt wirkt er eher einer Martial-Art-Serie entsprungen denn als übermü­tiger Puber­tie­render, als Graf Paris gelingt es ihm, exaltiert zu erscheinen, ohne ins Alberne abzurut­schen. Andreas Klopp hat da als Mercutio weniger Glück. Kotzszenen auf der Bühne sind einfach überflüssig. Klopp rettet mit der ihm eigenen Souve­rä­nität, aber er hätte die Betrun­kenen-Szene vermutlich auch ganz gut ohne den unästhe­ti­schen Ausfall über die Bühne gebracht. Markus Braun liefert einen ordent­lichen Benvolio ab. Insgesamt ein überra­gendes Ensemble, das die Geschichte mit Sicherheit auch völlig ohne Klamauk sehr überzeugend erzählt hätte.

Eine Sonder­rolle nimmt Arne Assmann ein. Neben Sampson übernimmt er nämlich äußerst gelungen den musika­li­schen Part mit seinem Saxofon und teilt sich mit Engelmann die Bedienung der Perkus­si­ons­ele­mente. Eine der wirklich guten Ideen des Regis­seurs, dem es auch gelingt, einen Schluss zu gestalten, der unter die Haut geht. Da verab­schiedet sich das Publikum zu Recht mit ausgie­bigem Applaus.

Michael S. Zerban

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