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Der Tannhäuser ist Richard Wagners Schmerzenskind geblieben. Bis zu seinem Tod. Und die Theater tun sich mit dem Werk nicht leichter. Auch nicht in Bayreuth. Schlüssige und musikalisch runde Aufführungen gab es in den letzten drei Jahrzehnten auch auf dem „Grünen Hügel“ nicht zu sehen. Weder in der Biogas-Anlage von Sebastian Baumgarten noch auf der Teletubby-Weide von Philippe Arlaud und auch nicht in Wolfgang Wagners altbacken frömmelnder Deutung. Immerhin blieb das Werk unter dem gescholtenen Alt-Prinzipal, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre, noch erkennbar, was man von Tobias Kratzers mit großer Spannung erwarteter Neuinszenierung zur Eröffnung der 108. Bayreuther Festspiele nicht sagen kann. Das Publikum reagiert zwar gespalten auf die Regie, jedoch überwiegend zustimmend wie auch auf das Bayreuther Debüt des russischen Star-Dirigenten Valery Gergiev, dem man den ehrenvollen Besuch von Altkanzler und Putin-Amigo Gerhard Schröder verdanken darf. Einhellige Begeisterung löste die in der Tat nahezu sensationell starke Sänger-Crew aus.
Wenn im Tannhäuser so laut gelacht wird, dass auch die letzte Rücksicht auf die Musik vergessen wird, ist das nicht nur ärgerlich, sondern auch irritierend. Bereits das ist ein Zeichen, dass Kratzer mit dem Original wenig anfangen kann und will. Er kreierte eine in sich schlüssige Konzeption, arbeitete sie detailliert und handwerklich sorgfältig aus, so dass sein Talent nicht in Frage gestellt werden darf. Das Problem: Wagner hat – wieder einmal – den falschen Text und die falsche Musik zur Inszenierung geschrieben. Die Schwierigkeiten, die das Werk bereitet, werden durch flotte Video-Einblendungen, platte Gags und ablenkende, anstatt verständnisfördernde Überraschungs-Attacken lediglich verdrängt, aber nicht gelöst.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Der Sängerkrieg dreht sich – bei Wagner – um die Frage nach dem „wahren Wesen der Liebe“ und eskaliert im Konflikt zwischen Tannhäusers Ruf nach „freier Liebe“ und den restriktiven Moralvorstellungen der Gesellschaft und Kirche. Sexualität und Religion bilden die Substanz des Konflikts. Kratzer ist der fragwürdigen Auffassung, solche Themen könnten heute niemand mehr in Unruhe versetzen und sucht nach anderen Konfliktstoffen. Den konstruiert er in der Konfrontation Tannhäusers als anarchischer Zirkusclown einer alternativen Künstlertruppe mit fest eingefahrenen Institutionen wie den Bayreuther Festspielen als Ikonen der Hochkultur. Im Stil eines üppig mit Video-Einblendungen aus Thüringen und Franken illustrierten Roadmovies tuckern Tannhäuser mit der hyper-erotischen Venus, einer stummen Drag-Queen und dem kleinen Oskar Matzerath aus Günter Grass‘ Blechtrommel durch die Landschaft und finden sich im Bayreuther Festpeilhaus ein, wo es zum „Sängerkrieg“ kommt. Die obere Hälfte der Bühne nehmen hier überflüssige Video-Einblendungen vom Treiben hinter der Bühne ein, während unten in der Dekoration der Wartburg die Sängerschlacht kreuzbieder abgeliefert wird. Dass Tannhäuser als Kunst-Anarchist den Staat so drastisch herausfordert, dass er gleich von einem SEK-starken Polizeitrupp verhaftet werden und das nächste Jahr nicht auf der Pilgerreise nach Rom verbringen muss, sondern im Knast, raubt der zentralen „Rom-Erzählung“, an deren Ende Tannhäuser vom Papst wegen dessen „böser Lust“ auf ewige Zeit verdammt wird, jeden Sinn. Dass Wagner die mitleidlose Härte des Papstes durch den Eingriff Gottes und das Opfer Elisabeths aufhebt, dafür bleibt in Kratzers Konzeption kein Platz. Elisabeth nimmt sich das Leben. Weshalb, bleibt in diesem Kontext unklar. Dass Wagner mit dem Tannhäuser bereits sein später im Parsifal präzisiertes christliches Weltbild vorwegnimmt mit der zentralen Forderung, als Essenz des Christentums im Menschen nicht den Sünder zu sehen, sondern ihn durch Mitleid stärken zu wollen, diese Perspektive negiert Kratzer.
Dabei überhört der Regisseur, dass die sexuellen und religiösen Dimensionen eng mit der musikalischen Struktur und Tonsprache des Werks verbunden sind. Choral und sinnlich gleißende Klänge inklusive entrückter Apotheose: Musik, die in der banalisierten Kratzer-Version aufdringlich überhöht, pathetisch und damit unglaubwürdig wirkt, was nicht sein darf.
Nicht besonders mächtig, bisweilen geradezu unterbelichtet leise tönt es allerdings aus dem Orchestergraben. Valery Gergiev nimmt seine Aufgabe offenbar zu leicht, wenn er glaubt, mit ein paar Orchester- und Bühnenproben, zu denen er häufiger zu spät kam, zeitliche Lücken während seiner Salzburger Aktivitäten nutzen und damit den akustischen Tücken des Festspielhauses Paroli bieten zu können. Zu hören war ein insgesamt routiniertes, wenig differenziertes, unausgewogenes Klangbild und oft unpräzises Zusammenspiel mit der Bühne. Probleme, die erheblich mehr Interesse an den spezifischen Arbeitsbedingungen und auch am Stück erforderten. Christian Thielemann zeigte am Vorabend mit der „Rom-Erzählung“ im Rahmen des Festakts zum 100. Geburtstag von Wolfgang Wagner, was aus dieser Musik zu holen ist. Bezeichnend, dass bereits jetzt feststeht, dass Gergiev im nächsten Jahr nicht mehr auf dem „Grünen Hügel“ erscheinen wird. Axel Kober, Generalmusikdirektor der Deutschen Oper am Rhein und mit dem extrem komplexen Holländer in Bayreuth positiv hervorgetreten, dürfte es besser machen.

Von Weltklasse ist in Bayreuth nur selten die Rede. Was die Sängerbesetzung angeht, darf man sich diesmal jedoch guten Gewissens auf dem Olymp des Wagner-Gesangs fühlen. Stephen Gould in der Titelrolle verwächst von Jahr zu Jahr stärker und intensiver mit der Rolle, bewältigt die strapaziöse Partie nahezu mühelos mit strahlenden Spitzentönen und anhaltender Intensität. Ein Konditionswunder, das in diesem Jahr auch noch den Tristan stemmen wird. Als „Jahrhundertstimme“ wird derzeit die norwegische Sopranistin Lise Davidsen gehandelt, die in diesem Jahr auch ihr Debüt an der New Yorker Met absolvieren wird. Eine blutjunge Stimme mit der Strahlkraft der jungen Birgit Nilsson, die die Brünnhilde und Isolde der Zukunft werden könnte, wenn sie ihre stimmlichen Reserven klug einteilt. Als Elisabeth überwältigt sie mit ihrem stimmlichen Glanz auf voller Länge. Auch die kurzfristig eingesprungene Elena Zhidkova verkörpert eine ungewöhnlich junge Venus mit ihrer frischen Stimme und knisternden Bühnenpräsenz. Selbst kleinere Rollen sind mit Daniel Behle als Walther von der Vogelweide geradezu luxuriös besetzt. Am Wolfram von Markus Eiche können sich die Geister scheiden. Ein Wunder an warmtönender Legato-Kultur vollbringt er nicht. Dafür aber eine kraftvolle Interpretation der eher passiv angelegten Partie. An den Wundern der überwältigend präsenten Chöre darf man sich jedoch ohne jede Einschränkung erfreuen.
Überwiegend positive Zustimmung, bisweilen auch mit der fragwürdigen Begründung, „man habe noch nie so viel gelacht in Bayreuth“, für eine vokal, aber auch nur vokal vollauf überzeugende Neuproduktion eines heiklen Stücks.
Pedro Obiera