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PARSIFAL
(Richard Wagner)
Besuch am
5. August 2019
(Premiere am 25. Juli 2016)
Uwe Eric Laufenbergs Inszenierung von Richard Wagners Parsifal zum Vierten auf dem Grünen Hügel in Bayreuth. Stark umstritten bei der Premiere 2016, vor allem wegen ihrer allzu plakativen Bezüge zur weltpolitischen Lage und deren aktionistischer Umsetzung auf der Bühne, gebieten die sich seitdem weltpolitisch überstürzenden Ereignisse der Regie Satisfaktion.
So alt eine Inszenierung auch sein mag, man sieht sie mit jeder Aufführung mit neuen Augen und Ohren, bestimmt durch die Aktualität von Alltag und Weltgeschehen. Ein Tag vor der Aufführung überrascht der türkische Präsidenten Tayyip Erdogan mit der Grundsteinlegung für den Bau eines syrisch-orthodoxen Gotteshauses. Einem ersten christlichen Kirchenneubau seit Gründung der Republik 1923. Dem allgemeinen Staunen der Öffentlichkeit darüber hält er entgegen, dass auch die aramäischen Christen den gleichen Gott wie die Muslime anbeten würden. Allah ist Gott, und Gott ist Allah. So die einfache, populistisch religiöse Gleichung Erdogans.
So einfältig einfach macht es sich Laufenberg natürlich nicht. Wagners Überzeugung, dass die Menschheit vom Grunde her erlösungsbedürftig sei, alle Religionen dafür aber nicht taugten, ist ihm Grundlage für sein inszeniertes pan-religiöses Tableau.
Mit dem nach einer extremen Generalpause wiederholten Parsifal-Motiv in der Ouvertüre öffnet sich die Bühne. In einer stark beschädigten Kirche, die an die Zerstörungen im syrischen Aleppo erinnert, bitten die Gralspriester die dort Lagernden, offensichtlich Flüchtlinge, die Kirche nach der Nachtruhe zu verlassen. Noch rechtzeitig, bevor eine Soldateska die Kirche inspiziert, kann sich auch Kundry, angetan mit einem Hijab, verstecken.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Noch bevor Gurnemanz als so genannter Notar des Geschehens seine Erzählung um Kundry, Amfortas und Klingsor beginnt – und schlussendlich allein nur noch Hoffnung für die gebrochene Gralsgemeinschaft in seinem Traumgesicht Durch Mitleid wissend der reine Tor Ausdruck findet – wird klar, wie desolat die Lage ist. Hoch unter dem Bühnenhimmel schwebt hinter einem Gitter wie eine Miniatur der ewige Wanderer, der Ahasver, über allem. Ein Szenarium, das das Unmögliche einer endgültigen Erlösung signalisiert.
Die Inszenierung Laufenbergs zeichnet sich durch akribische Detailarbeit von Bild und Musik sowie durch feinsinnige Personenführung aus. Die Protagonisten, auch dann, wenn sie für den Moment nicht zentral agieren, bleiben wesentlicher Teil der Szenerie. Das Bühnenbild Gisbert Jäkels sowie die Kostüme Jessica Karges setzen den Regieentwurf Laufenbergs mit viel empathischem Fingerspitzengefühl um.
Wagner erzählt im Parsifal die Geschichte einer Gralsgesellschaft, die zu ihrer Stärkung und damit für ihr Bestehen das Blut eines der ihren – er hat in der Vergangenheit ihre Regeln durchbrochen und den Verlust des heiligen Speers zu verantworten – im religiösen Ritus als Opfer nutzen und in Wein verwandeln.
Laufenberg antizipiert die zerstörte Weihestätte als Ausgangspunkt für eine Erneuerung. Er schreckt dabei nicht vor blasphemischen möglichen Missverständnissen zurück. Indem die Priesterschaft Jesus Christus vom Kreuz abnimmt, das leere Kreuz in die Ecke stellt, Amfortas mit gestischem Furor sich aus einem riesigen Weihwasserbecken ans Kreuz sehnt, aber gleichzeitig die Vergeblichkeit eingestehen muss, baut Laufenberg eine Struktur, an deren Ende alle Kreuze, Kruzifixe und religiös aufgeladenen Andachtsobjekte von Parsifal, mit einem Stein beschwert, begraben werden.

Das zuvor von Gurnemanz gegenüber Parsifal gedeutete Problem – Du siehst, mein Sohn, zum Raum wird hier die Zeit – unterstreicht Wagner mit einer ingeniösen Zwischenmusik, die Gerard Nazin mit einem Video- Zoom von der Kapelle in den Wüstengebieten des Nahen Ostens bis in die Weiten des Alls und zurück zur Erde als Verwandlungsmusik überzeugend bebildert.
Ebenso affin zur Musik überspült Nazin im dritten Akt zu Gurnemanz‘ Erlösungs-Verheißung – Die Stund ist da – mit einem Video-Clip auf den Vorhang die Totenmasken der Wagner-Familie im wogenden Wasser, stellvertretend für den Tod Titurels, Kundrys und Klingsors. Das Alte vergeht. Eine neue Kreatur wird geboren.
In diese männerbündnerische Auseinandersetzung hat Wagner Kundry, dem Weib, paradoxe Wesenszüge angeheftet. Sie reichen von der Schlangenallegorie der Genesis bis zur dienenden, sündigen Maria Magdalena. Diesen einseitigen, Wagnerschen weiblichen Ahasver löst Laufenberg auf. Kundry wirft nicht nur den Hijab ab, hat selbst im Bild der dem Klingsor hörigen femme fatale etwas Sympathisches, das selbst in ihrer greisen Hinfälligkeit zum Schluss von Parsifal mit seiner ersten Taufhandlung geradezu liebevoll geadelt wird.
Von daher ist es konsequent und stringent, wenn Laufenberg Klingsors Zaubergarten in einem orientalischen Hamam ansiedelt, wo die Blumenmädchen, zunächst sowohl mit Hijab als auch mit Burka kostümiert, sich in erotisierenden Bikinis zu Parsifals Verführerinnen verwandeln. Er widersteht, und es gelingt ihm, als reiner Tor auch den Verführungskünsten Kundrys zu entgehen und den heiligen Speer zu entwenden. Der Weg ist frei für den Erlöser Parsifal.
Der kommt als Schwarzer Krieger in die von Schlingpflanzen bedrängte Kirche der Ordensgemeinschaft. Er bringt die Erlösung, die sich im Karfreitagszauber durch tropischen Regen und darin tanzende nackte Menschen auf der Bühne Bahn bricht. Kundry erfährt Erlösung, nachdem sie dem Ritter die Füße gewaschen hat und ihre Sünde – sie hatte einst den kreuztragenden Jesus verlacht – gesühnt ist. Der Gral muss nun nicht mehr erglühen. Vielmehr bringen die Menschen aller Religionen ihre Insignien zum Sarge Titurels, begraben somit symbolisch ihre Kriege.
Semyon Bychkow am Pult des Bayreuther Festspiel-Orchesters spürt mit seinem Dirigat die Intensität des ständigen Wandels, ihre andauernde Transformation mit einem akzentuierten Fließen der orchestralen Klangfarben nach. Gleichermaßen überzeugend der Chor in einer differenziert abgemischten Klangfarbigkeit. Wie seit vielen Jahren einstudiert und geführt von Eberhard Friedrich, ist die große, 151-köpfige Choristen-Familie ein Garant für musikalische Extraklasse. Friedrich bettet noch jede Inszenierung in Bayreuth mit sicheren Händen.
Das exzellente Sängerensemble überzeugt durchgängig. In der Rolle des Gurnemanz zeigt Günther Groissböck seine hervorragende Fähigkeit, mit seinem Bass weitgreifend sowohl als Erzähler der langen Gralsgeschichte als auch dramatisch starke Akzente zu setzen. Der Amfortas von Ryan McKinny ist nicht nur sängerisch, sondern auch dramatisch von erlesener Ausdrucksstärke. Sein Leiden lässt das Publikum den Atem anhalten, obwohl McKinnys kraftvoll sichtbare Physis dem Nahen des Todes fern zu sein scheint. Wer könnte sich der Wirkung des Jammers und gleichzeitig der wenig verhüllten Brutalität der Ordensbrüder entziehen?
Andreas Schager hat seine Stimme in den letzten Jahren hörbar zum Heldentenor reifen lassen. Dieser Parsifal dominiert mit seinem Spiel und der natürlichen Bühnenpräsenz über lange Strecken die Szene, auch wenn Elena Pankratova als enigmatisch eindrucksvolle Kundry ihm keineswegs nachsteht. Wunderbar wandlungsfähig, auch in den Höhen sicher, nie schrill überreizt, fasziniert sie mit der gesamten Klaviatur von der bedürftigen Betenden über die hocherotische Verführerin bis zur Büßerin. Im Duett mit Schager breiten beider wunderbare Stimmen den Klangteppich der Emotionen prachtvoll aus.
Derek Weltons Klingsor stürzt aus seiner Parallelwelt der Kruzifixe dramatisch ab und mit ihm seine krude Sammlung, die polternd vom Bühnenhimmel fällt. Welton gibt dieser eigentlich kleinen Rolle mit seiner Stimme und besonders auch der präzisen Textverständlichkeit eine besondere Färbung. Wilhelm Schwinghammer nutzt als Titurel die kurzen Gelegenheiten, seinen wohltönenden Bass zum Klingen zu bringen.
Noch bevor der Chor mit Erlösung dem Erlöser den Schlusspunkt unter die Aufführung setzt, schwenkt Reinhard Traub das Bühnenlicht in den Zuschauerraum. Indem gleichzeitig das Saallicht angeht, könnte man meinen, Laufenberg verweise mit Wagner auf Arthur Schopenhauers Mitleid-Notate. Nur wenn sich jeder Einzelne den ganzen Schmerz der Welt zu eigen machte, gäbe es Hoffnung auf Erlösung.
Das Publikum dankt dann auch mit kaum enden wollendem, lautstarkem Beifall, ehe es in die regnerische Schwüle dieses Sommerabends hinaus geht. Ob es dabei Schopenhauer in Gedanken mitnimmt, ist eher zu bezweifeln. Aber wer aufmerksam war, hat den Miniatur-Ahasver, der wie ein Menetekel weiterhin über der Bühne figuriert, gesehen und sich gefragt: Bin vielleicht ich das auch?
Peter E. Rytz