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Lohengrin im Regen

LOHENGRIN
(Richard Wagner)

Besuch am
7. August 2019
(Premiere am 26. Mai 2019)

 

Bayreuther Festspiele

Wer an diesem Mittwoch wie gewohnt den Grünen Hügel in erwar­tungs­froher Stimmung erklimmen möchte, sieht sich durch den Wettergott betrogen. Seit Stunden rauscht starker Regen vom Himmel. An innere Besinnung und Einstimmung auf den Lohengrin ist kaum zu denken. Und doch – der von Nässe dampfende Park am Festspielhaus in Bayreuth begleitet das Publikum auf wundersame Weise in die feuchte, von Wolken verhangene, sumpfige Welt der Elsa, die auf ihren Erlöser wartet.

Schon die Ouvertüre gibt einer diffusen Spannung Raum, die die Insze­nierung von Yuval Sharon mit Versatz­stücken einer feminis­tisch bemühten political correctness vorzeichnet. Christian Thielemann schichtet im oft parodierten Vorspiel das Blech des Festspiel­or­chesters mit sublimen Legato geheim­nisvoll überein­ander. Dezidiert betonte General­pausen dehnen die blaue Blume der Lohengrin-Romantik zu einem Klang­zauber, der sich nach Sharons Konzeption dem Märchen­haften eigentlich verweigern sollte.

Den weltlichen C‑Dur-Auftakt, der die Vorge­schichte erzählt, zeichnet Thielemann filigran nüchtern. Lohen­grins von Licht­blitzen umwölkte Landung aus dem univer­sellen Nirwana im düster verhan­genen Brabant malt er kontras­tierend mit dirigis­ti­schem Verve. Die hell leuch­tende Verhei­ßungs-Welt des Grals versus die dunkel intri­gante Ortrud-Welt. Das märchenhaft Heilige zeigt sich beständig, beharrend als ein geheim­nisvoll ungenannt Bleibendes, selbst­re­fe­ren­tiell nicht erklärbar. Für die Sehnsucht nach Glück und Liebe gibt es kein leben­diges Fundament.

Von Anfang an läuft Wagners Musik mit Thielemann am Pult auf einer eigenen Schiene neben Sharons Insze­nierung im Blau von Neo Rauchs Bühne. Was für Friedrich Nietzsche viel blaue Musik, für Thomas Mann eine blausil­berne Musik, für Charles Baude­laire das mit keinem Wörterbuch Übersetzbare ist, belichtet Sharon mit einem Mix von Delfter Blau und blauem Neon-Licht. Es scheint, als hätte er sich mit seiner Idee, unbedingt einen ganz neuen Lohengrin zu kreieren, in die Fallstricke des Namens seines Bühnen­bildners, des Malers Neo Rauch verheddert. Mit Neo das Neue per se zu assozi­ieren, geht nicht wirklich auf, bleibt letztlich eine blassblau getünchte Attitüde.

Sharons Lesart des Lohengrin überstimmt Wagners Libretto-Text. Das Lohengrin-Mosaik, zusam­men­gefügt aus Märchen, Teilen von Wolfram von Eschen­bachs Erzählung und eigener Fantasie mit einem ausge­prägten Sinn für musika­lisch drama­tur­gische Effekte, verschiebt Sharon in eine Welt, die allein durch Fremd­ener­gie­zu­führung eine glück­liche Welt sein kann. Dass sie vor allem geschlech­ter­ge­recht sein muss, ist der blauor­an­ge­farbene Faden, den Sharon für seine Insze­nierung gestrickt hat.

Wo Wagner beharrt und Elsa erhofft – „Es gibt ein Glück, das ohne Reu‘.“ – behauptet Sharon emanzi­pative Vorbe­din­gungen. Lohengrin betritt im Astro­nauten-Blaumann das in der Königs­nach­folge zerstrittene Brabant, wo Elsa als Bruder­mör­derin anklagt ist. Der Mann aus dem Nichts verschafft Elsa nicht nur Recht, sondern verspricht Glück und Frieden. Von Landvolk und Soldaten – von Rosa Loy in einer Mischung aus einer mittel­al­ter­lichen Welt und der Epoche Wagners, in deren schweren Kleidern die Zeit wie Blei zu hängen scheint, kostü­miert – zunächst bedin­gungslos als Held gefeiert, säen Telramund und Ortrud den Zweifel. Ein schick­sal­haftes Tun, das Sharon in merkwürdige Seilschaften ein- und verbindet.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Sharon wider­spricht Wagners Diktion, dass nur, wer ohne Zweifel glaubt, Liebe als etwas Höheres, jenseits des Menschen­ver­standes, begreifen kann. Bewahrt Lohengrin anfangs Elsa vor dem Feuertod, so glaubt er sie von seinem Glücks­ver­sprechen als ewig Namen­loser, nur durch martia­lische Fesselung mit einem feuer­far­benen, Gold gewirkten Seil, mit Gewalt zu überzeugen. In gleicher Weise fesselt Ortrud Telramund nach seiner Demütigung durch Lohengrin, der ihn in einem von Star Wars animierten und von Kindern ausge­führten Luftkampf besiegt hat. Sie bindet ihn in dem Selbst­ver­sprechen, sich von der Schmach zu befreien.

Seilschaften sind, wie uns die Geschichte lehrt, auf Dauer nur bedingt konsti­tutiv. Vor allem, wenn sie sich durch Gewalt selbst legiti­mieren wollen, müssen sie fast zwangs­läufig scheitern. So verflüch­tigen sich Sharons Lohengrin-Seilschaften angesichts der blauen Meeres­welle, die sich im nächsten Moment über die Bühne zu ergießen und alles mit sich fortzu­reißen scheint. Rauchs Bildkosmos, von Reinhard Traub illusio­nis­tisch ins Licht gesetzt, schafft mythische Schat­tie­rungen. Sie zeichnen eine unsichere Grenz­linie von modrigem Schilf zwischen Meer und Land. Das Märchen­hafte subli­miert sich in Ahnungen jenseits einer nachbuch­sta­bier­baren Wirklichkeit.

Vor dem Hinter­grund des riesig sich wölbenden Bühnen­bildes dominiert ein futuris­tisch anmutender Turm als ein kleines Kraftwerk. Ein umgekippter Konden­sator deutet an, dass hier nichts mehr geht, kein Strom mehr fließt. Das Volk von Brabant flankiert den Raum statua­risch in geome­tri­scher Zentral­per­spektive, wie zu alten Bayreuth-Zeiten. So wenig beweglich von Sharon positio­niert, singt dazu im Unter­schied der von Eberhard Friedrich vorzüglich gestimmte Festspielchor dynamisch beweglich.

Mit einem Schwert, designt als Blitz-Schwert, fällt Lohengrin dem König Heinrich schick­salhaft in den Arm. Georg Zeppe­nfeld singt und spielt einen König, der seine Souve­rä­nität zu verlieren scheint, mit wunderbar artiku­lie­rendem Bass. Er ist, man ist geneigt zu sagen, wie immer häufiger, in seinen Rollen auch hier ein verläss­licher Anker der Inszenierung.

Foto © Enrico Nawrath

Mit Piotr Beczala hat Bayreuth nach der dubiosen Absage von Roberto Alagna vor der Premiere 2018 einen Lohengrin gewonnen, der sich bereits einen festen Platz nicht nur in der Bayreuther Musik­ge­schichte gesichert hat. Sein Tenor malt klang­farbig aus einer leise gestimmten Mitte. Wie als würde eine Fontäne angestellt, sprudeln die Töne erst sanft, gewinnen zunehmend an Strahl­kraft und münden in einen mäandrie­renden Erzähl­strom. Sharons konzep­tio­nelle Lohengrin-Energie findet in Beczalas Tenor ein breit gefächertes Energie­re­servoir. Kraftvoll betonend Lohen­grins Beharren, namenlos geliebt und als gefei­erter Held akzep­tiert zu werden, lyrisch geschmeidig in seinem Werben um Elsas Einver­ständnis, ihn ohne Namen und Art zu nennen zu lieben.

Allein Elsa verweigert den ihr abver­langten Gehorsam: „Ist dies nur Liebe?“ In der Rolle dieser ungehor­samen Elsa ist Camilla Nylund eine ideale Besetzung. Ihr kraft­voller Sopran lässt die eher statische Rollen­führung der Regie zumeist vergessen.

Ohne Ortrud hätte diese Elsa kaum den Mut, vom Baum der Erkenntnis mit der Gewissheit zu essen und zu schmecken, dass Gott es so nicht gemeint haben kann. Elena Pankratova verkörpert eine Ortrud, die das Spinnennetz der patri­ar­chalen Dominanz hinter­fragt. Im Duett mit Nylund behauptet sie sich mit kraft­vollem Melos und darstel­le­ri­schem Verve, der sie neben dieser und Beczala zum dritten Star dieses Abends werden lässt.

Friedrich von Telramund als Gefan­gener seiner selbst ist in Sharons Insze­nierung gleich­zeitig Gefan­gener von Ortruds Selbst­ver­ständnis als Frau. Thomas J. Mayer, einge­sprungen für Tomasz Konieczny, singt mit stilsi­cherem Tessitura-Tempe­rament und großer Überzeu­gungs­kraft. Eglis Silins als Heerrufer des Königs reiht sich in die formi­dable Solisten-Riege wie selbst­ver­ständlich ein.

Nachdem in Sharons Insze­nierung Elsa den verlo­renen Bruder in einem grünen Ampel­männchen wieder­erstehen lässt und damit das Mystische ins Lächer­liche dehnt, brandet gewal­tiger Jubel auf.

Unbestrit­tener Star des Abends ist Piotr Beczala. Das Publikum feiert ihn als den strah­lenden Helden­tenor auf ganz besondere Weise. Die beiden Solis­tinnen werden ebenso bejubelt wie das gesamte Ensemble im Rausch des Beifalls­sturms, der das alte Haus wieder zum Beben bringt. Erschöpft, aber glücklich strahlend nehmen sie den rauschenden Applaus an. Nicht zuletzt nimmt der wohl begnadete Dirigent Christian Thielemann die Huldigung dankbar entgegen.

Peter E. Rytz

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