O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Rheinische Kantorei und Kleines Konzert - Foto © Thomas Kost

Die Tempomacher

ERÖFFNUNGSKONZERT H‑MOLL MESSE
(Johann Sebastian Bach)

Besuch am
20. September 2017
(Einmalige Aufführung)

 

Festival Alte Musik Knecht­s­teden, Basilika

22.05 Uhr am Abend der Eröffnung des Festivals Alte Musik in Knecht­s­teden. Gerade ist das Dona nobis pacem, die finale Chorse­quenz, in Johann Sebastian Bachs Messe h‑Moll für Soli, Chor und Orchester in der romani­schen Kloster­ba­silika verhallt und in eine beredte Stille überge­gangen. Neun Sekunden, immerhin, währt die Chance des Innehaltens, des Nachschwingens. Eine Gabe des Publikums an sich selbst. Dann bricht, einer Befreiung aus der Erstarrung gleich, tosender Beifall aus. Wie 1992 bei der Premiere des Festivals bestätigt die Aufführung von Bachs zeitlosem Vermächtnis die Schlüs­sigkeit der program­ma­ti­schen Idee, in der rheini­schen Provinz einen Ort für Alte Musik zu etablieren. Einen Ort, um Musik des Barock und der frühen Klassik „in einer der Gegenwart angemes­senen Art zu präsen­tieren“. Knecht­s­teden hat sich vor allem dank der Inspi­ration seines Gründers Hermann Max den Ruf erarbeitet, ein Erfül­lungsort für Alte Musik zu sein, „Experi­men­tierfeld und Impuls­geber mit seinen verschie­denen Formaten“. Alles bestens mithin auch in 2019? Nicht ganz. Die Wiedergabe des letzten Vokal­werks Bachs ist vieles. Doch kein Erlebnis, das noch Jahre nachklingen könnte.

Unter dem Leitmotiv „Visionäre Bach und Mendelssohn“ bietet das Festival bis zum 29. September unter dem zentralen Vorzeichen der Histo­ri­schen Auffüh­rungs­praxis ein bezie­hungs­reiches Programm, das von der Papierform her mit Bachs h‑Moll Messe kaum ambitio­nierter hätte starten können. Max kann mit seinen eigenen Gründungen, der Rheini­schen Kantorei und dem Ensemble Das Kleine Konzert, auf zwei ausge­zeichnete Forma­tionen bauen, denen die Tage von Knecht­s­teden wie dem Menschen die DNA einge­woben sind. Dazu ein ausge­zeich­netes Festival-affines Solis­ten­quintett, dem der Standort wie das Renommee des jährlichen Musiktreffens ebenfalls eine persön­liche Verpflichtung zu sein scheinen. Indes, so engagiert Sänger und Instru­men­ta­listen an ihre noble Sache heran­gehen, so aufmerksam und akribisch Max die musizie­renden Akteure durch das Konzert führt, so sehr bleibt die Wiedergabe im Vagen, Unbestimmten. Um es auf eine simple Formel zu bringen – was sich unter der mächtigen Kuppel der Basilika entwi­ckelt, „packt“ nur bedingt. Das Werk von den Weltkul­turerbe-Dimen­sionen, das alle instru­men­talen und kanti­lenen Verhei­ßungen einer musika­li­schen Hochsprache erfüllt, verharrt in dem inneren Radius einer einmal festge­legten Konvention. Die großen emotio­nalen Momente, wie sie sich – pars pro toto – mit den Chorpas­sagen Cum Sanctu Spiritu sowie Et resurrexit tertia in jeder Aufführung quasi automa­tisch einzu­stellen pflegen, wollen sich nicht ergeben. Emotionen ja, Ergrif­fenheit hier und da, auch ja. Aber in Maßen.

Stefan Klatte – Foto © privat

In erster Linie ist der retar­die­rende Gesamt­ein­druck eine Folge des Einheits­tempos, des Tempo maggiore, für das sich Max entschieden hat. Es ist zwar auf ein perma­nentes Allegro bis Prestissimo ausgelegt, befördert aber nicht die Dynamik, die die Partitur, die Summe von Bachs Lebenswerk, verlangt. Es eröffnet kaum den Gestal­tungsraum für mögliche und wünschens­werte Diffe­ren­zie­rungen in Klangbild und Stimmung. „Zumindest im Barock“, gibt Max im Knecht­s­tedener Programmheft zu bedenken, „beginnt Kompo­nieren mit Bildern im Kompo­nisten-Kopf.“ In der Aufführung bleiben solche Musik-Bilder die Ausnahme. Stellt sich beim Kyrie eleison vielleicht die Assoziation eines wogenden Kornfeldes ein, entstehen daraus in der Folge keine spontanen visuellen Vorstel­lungen zu den tragenden Oberstimmen. Viel Stoff, um ein Bild zu bemühen, aber kaum Anmutungen von Leinen, Samt, Seide und Brokat.

Handwerklich musiziert und intrin­sisch inter­pre­tiert wird insgesamt mit hoher Profes­sio­na­lität. Das Kleine Konzert ist con affetto bei seiner exqui­siten Sache, offenbart seine eminente Erfahrung und Einfühlung auf dem Feld der Histo­ri­schen Auffüh­rungs­praxis. Großartig gelingen die heraus­ra­genden Solis­ten­partien wie die Solovioline beim Sopransolo Laudamus te und das Solohorn bei der Bass-Arie Quoniam tu solus sanctus. Apropos Horn: Stephan Katte erschafft mit seinem Naturhorn, einem Instrument in Eigen­nachbau, eine außer­or­dentlich einneh­mende, auch berüh­rende Atmosphäre. Die Rheinische Kantorei bestätigt auch in der doppel­chö­rigen Aufstellung einmal mehr ihren über Jahrzehnte erarbei­teten heraus­ra­genden Ruf in der Szene der Alten Musik. Max bevorzugt die choreo­gra­fierte Formation, in der die Solisten je nach Auftritt aus dem Ensemble heraus­treten und wieder in dasselbe zurück­kehren. Ein indirektes Bekenntnis zum Primat des vokalen Mitein­anders und eine Absage an mögliche Starat­ti­tüden Einzelner. Wie auch das Ganze im Dienst der Kunst steht, bei Bach der Transzendenz, und nicht als Podium für etwaige Alphatiere.

Das Solis­ten­en­semble ordnet sich mit starkem indivi­du­ellem Willen zur kollek­tiven Homoge­nität der überge­ord­neten Maxime unter. Die Soprane Veronika Winter und Verena Gropper überzeugen durch eine akkurate Intonation und eine angenehme Stimm­führung. In ihrem Duett Christe eleison harmo­nieren sie prächtig. Der Vortrag aller­dings gerät beiden in der Körper­sprache doch zu unruhig. Altistin Margot Oitzinger besticht durch die beherrschte Art ihres Auftrittes. Ihre technisch versierte Stimme verströmt gerade im Agnus Dei Bonität und Hingabe. Jetzt ist auch ihre etwas zu zurück­hal­tende Perfor­mance im Duett Et in unum Dominum mit Winter überwunden.

Die beiden Partien für Männer­stimmen sind vorzüglich besetzt. Der Tenor Tobias Hunger bewegt sich souverän auf der Linie der Bachschen Melodik. Sein Duett Domine Deus mit Winter avanciert zu einem der Höhepunkte des Abends. Felix Schwandtke imponiert mit seinem stilsicher geführten, gefäl­ligen Bass. Seine zweite Solo-Arie Et in spiritum sanctum – ohne luxuriöse Horn-Unter­malung – weist ihn als Könner seines Fachs aus.

Das Publikum strömt nach zwei geschla­genen Stunden hoher Konzen­tration und Anspannung in das Dunkel eines wolken­losen Spätsom­mer­abends, der die Menschen mit rasch zuneh­mender Kühle in die Niede­rungen der Realität zurückholt. Irgendwie auch ein Kommentar, jetzt der Natur, zu dem Erlebten. Transzendenz scheint etwas Flüch­tiges zu sein, jeden­falls etwas Rares.

Ralf Siepmann

Teilen Sie O-Ton mit anderen: