Gotteslob aus dem gar nicht so grauen Mittelalter

ROMANISCHE NACHT – DIAPHONIA
(Leoninus, Perotinus und andere)

Besuch am
23. September 2019
(Einmalige Aufführung)

 

Festival Alte Musik Knecht­s­teden, Klosterbasilika/​a>

Unabhängig vom überge­ord­neten Motto des 28. Festivals Alte Musik Knecht­s­teden, Bach & Mendelssohn, hält das tradi­ti­ons­reiche neuntägige Fest auch in diesem Jahr etliche Nischen für leise, intime und besonders kontem­plative Töne bereit. Und die können mindestens ebenso inter­es­sante Überra­schungen bereit­halten wie die spekta­ku­lären Großpro­jekte des Festivals. In diesem Kontext verdient der Auftritt des achtköp­figen Tiburtina-Ensembles Aufmerk­samkeit, das zu einer Romani­schen Nacht in die Kloster­ba­silika einlädt und den vom ersten bis zum letzten Ton faszi­nierten Besuchern unter dem Titel Diaphonia Einblicke in „Die Geburt der frühen Mehrstim­migkeit“ bietet.

Mit anderen Worten: Zu hören gibt es rund 70 Minuten lang A‑cap­pella-Gesang auf der Basis Grego­ria­ni­scher Choräle. Das ist an sich nichts Neues. Doch die Präsen­tation in Knecht­s­teden unter­scheidet sich doch in wesent­lichen Punkten von üblichen Darbie­tungen klöster­licher Scholae. Ungewöhnlich ist die Besetzung des Prager Ensembles mit acht perfekt ausge­bil­deten und mitein­ander harmo­nie­renden Sänge­rinnen, wodurch das Missver­ständnis zurecht­ge­rückt wird, klöster­licher Gesang wäre im Mittel­alter Domäne der Mönche gewesen. Dass die Frauen­klöster musika­lisch nicht minder aktiv gewesen sind, wird kaum zur Kenntnis genommen.

Und wenn man erlebt, mit welcher innerer Ausge­gli­chenheit und welch anste­ckendem Charisma die Leiterin des Prager Oktetts, Barbora Kabátková, emotionale Vitalität und konzen­trierte Inspi­ration in Einklang bringt und ihre Mitstrei­te­rinnen zu leben­digen, diffe­ren­zierten und auch farblich fasset­ten­reichen Vorträgen der Gesänge motiviert, verliert sogar die vielleicht strengste Gattung mittel­al­ter­licher Musik die letzten Reste matter Grauschleier.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Publikum



Chat-Faktor



Auf diesem Niveau wirkt die Begegnung mit den vielfäl­tigen Formen der frühen Mehrstim­migkeit von etwa 800 bis 1200 auch für heutige Hörer wie ein kreatives Experi­men­tierfeld. Stücke aus frühen Theorie­bü­chern und Chorsamm­lungen wie der Musica Enchi­riadis oder dem Codex Callix­tinus bis hin zu komplexen, polyphonen Gesängen der Notre-Dame-Meister Leoninus und Perotinus fügen sich so zu einem ebenso infor­ma­tiven wie ästhe­tisch anrüh­renden Kalei­doskop innova­tiver Neuerungen, die alles andere als antiquiert klingen. Von ersten Versuchen mit ostinaten Liege­tönen oder paral­lel­ge­führten Organa über kanonische Gehver­suche bis hin zu ausge­prägten polyphonen Modellen der Note-Dame-Schule präsen­tieren sich die Prager Gäste auf erstklas­sigem vokalem Niveau, wobei auch die wechselnden Beset­zungen vom Einzel­vortrag über Duette bis zu verschie­denen Forma­tionen des Gesamt­ensembles an die Experi­men­tierlust der frühen Meister erinnert.

Im Programmheft wird auf das Zitat von Perotins Choral Viderunt omnes in Umberto Ecos Kultroman Der Name der Rose hinge­wiesen. So farbig und lebendig das Mittel­alter in dem dicklei­bigen Roman erscheint, so klingt es auch in den Darbie­tungen der acht jungen Sängerinnen.

Der Beifall in der nahezu vollbe­setzten Kloster­ba­silika fällt entspre­chend lang und nachhaltig aus.

Pedro Obiera

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