O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © O-Ton

Die Revolution frisst ihre Kinder

SONGS OF REBELLION
(Brigitta Muntendorf)

Besuch am
27. September 2019
(Urauf­führung)

 

BAM!, Ballhaus Ost

Das Ballhaus Ost im Prenz­lauer Berg versteht sich als Plattform für freies Theater, Perfor­mance und Tanz. Jetzt ist es Spiel­stätte für das Berliner Festival für aktuelles Musik­theater, kurz BAM! Für den heutigen Abend steht eine Urauf­führung auf dem Programm. Aktuelles Musik­theater mit der Musik einer Kompo­nistin – gibt es eigentlich gar nicht. Traurig, aber wahr. Selbst in der so genannten Freien Szene ist so etwas ein Unikum. Gut, dass BAM! sich um die Fakten nicht kümmert und gleich bei der dritten besuchten Aufführung eine zweite Kompo­nistin aufbieten kann. Brigitta Muntendorf, die gerade vor einer knappen Woche einen außer­or­dent­lichen Erfolg mit ihrer musika­li­schen Mitarbeit bei den Bilder­schlachten der Choreo­grafin Stephanie Thiersch in Bonn verzeichnen konnte, bei der sie aller­dings herzlich wenig eigenes Material bot, hat die abend­fül­lende Musik zu Songs of Rebellion geschrieben. Der Titel ist so wenig anspre­chend wie der verquaste Vorankün­di­gungstext – und trotzdem hatten offenbar viele Leute ein gutes Gefühl dabei. Der Abend ist ausverkauft.

Empört Euch! Mit seiner Streit­schrift rief Stéphane Hessel 2011 zum fried­lichen Wider­stand auf. Etliche Autoren folgten, unter ihnen auch durchaus solche, die das Wort „friedlich“ wegließen. Und wer sich mit Hessels Broschüre beschäf­tigte, konnte seinen lebens­er­fah­renen Worten mehr als bloße Sympathie entge­gen­bringen. Sich aus der Umklam­merung von Kapita­lismus und Neoli­be­ra­lismus zu befreien, erschien plötzlich als etwas wie eine Option. In einer erodie­renden Gesell­schaft aller­dings wird man vorsichtig mit den Forde­rungen nach einer neuer­lichen Revolution. Da steht man plötzlich an der Seite von Leuten, mit denen man vielleicht nichts zu tun haben möchte. Und der Klima­schutz als neue Weltre­ligion ist schneller beim Ablass­handel angelangt, als die katho­lische Kirche es sich je hätte träumen lassen. Ach ja, und dann gibt es da noch diese revolu­tio­nären Lieder, diese verfüh­re­ri­schen Musiken, die zu hochge­reckten Fäusten einladen und eine bessere Welt versprechen.

Foto © O‑Ton

Die Revolution frisst ihre Kinder. Das ist keine neue Erkenntnis, aber eine erschre­ckende. Die wird in Songs of Rebellion verhandelt. Vor Beginn der Aufführung werden die Besucher gebeten, sich nicht gleich zu setzen, sondern sich im Raum zu bewegen. Regisseur Michael Höppner hat nämlich die Figuren des Stücks auf Podeste am Rande der Spiel­fläche aufge­stellt. In der Mitte des Raums ist eine silber­farbene, überdi­men­sionale Kugel aufgebaut, die den Blick auf den gesamten Saal – bewusst – verstellt. Vor Kopf ist eine Bühne aufgebaut, auf der Schlagwerk und elektro­nische Orgel Platz finden und die Rückwand eine riesige Leinwand für die eindrucks­vollen Projek­tionen von Andreas Huck und Roland Nebe darstellt. Im hinteren Teil des Saals sind die Misch­pulte aufge­stellt. Zwei, drei Kamera­leute versuchen, die Handlung, die sich durch den gesamten Saal zieht, zu erfassen. Julia Saworski hat die sieben Darsteller in fanta­sie­volle Kostüme gewandet, die so martia­lisch daher­kommen, dass an eine fried­liche Lösung nicht zu denken ist. Das gilt auch für die Masken, die die Darsteller bis zur Unkennt­lichkeit entstellen. Es ist ein Abend der ironi­schen Brechungen, die sich nicht jedem Zuschauer erschließen und damit für Verwirrung sorgen.

Die Darsteller bewegen sich musizierend durch den Raum, mal entlang der Laufpo­deste an den Seiten, mal mitten durch den Saal. Einzelne Darsteller, die zugleich als Musiker fungieren, bleiben an verschie­denen Stationen zurück. So entsteht ein schil­lerndes Panop­tikum, das zunächst die Gesell­schaft feiert, an der sie später zerbricht. Die Vision wird zur unerreich­baren Utopie. Letztlich wird auch die Kugel beisei­te­ge­schoben. Um Platz zu schaffen. Für die Apoka­lypse. Die kommt aber erst später.

Foto © O‑Ton

Großartig, was die Darsteller leisten. Carola Schaal spielt die Klari­nette. Till Künkler führt die Posaune zum Mund. Louis Bona vollbringt mit seiner Bratsche so manches waghalsige Manöver. Besonders eindrucksvoll zeigt sich Malgorzata Walen­ty­nowicz an den Synthe­sizern. Evdoxia Filippou ist für die Schlag­werke zuständig. Und neben Michael Höppner ist auch Brigitta Muntendorf als Darstel­lerin beteiligt. Wenn Regisseur und Kompo­nistin selbst an der Aufführung teilnehmen, gewinnt selbige noch einmal deutlich an Authen­ti­zität. Egal, ob sich einzelne Darsteller in Einzel­po­si­tionen produ­zieren oder die Gruppe den rebel­li­schen Sound gemeinsam erzeugt, aufregend bleibt es von Anfang bis Ende. Ende heißt in diesem Fall, dass Zuschauer auf dem Fußboden liegen. Der Friedhof am Ende der Rebellion ist riesig. Das stimmt nachdenklich. Bleibt also alles chancenlos? Ist die Rebellion gegen Kapita­lismus und Neoli­be­ra­lismus vergebens? Eine erschre­ckende Erkenntnis, zumal die Alter­na­tiven ausbleiben.

Musika­lisch bleibt der Abend als Versatz­stück in Erinnerung. Wieder konzen­triert sich Muntendorf darauf, bei wenig Eigen­leistung bekanntes Material zu verwenden. Das funktio­niert. Die Musik ist eingängig, schwingt sich zum Punk auf, wenn nicht gerade leise Gesänge angesagt sind. Möchte man es bösartig, gewinnt die Belie­bigkeit. Sieht man es positiv, untermalt die Musik die Freude an der Revolution, um ihr zugleich die Lust zu entziehen. Songs of Rebellion beunruhigt, wirft Fragen und Perspek­tiv­lo­sigkeit auf. Eine ungesunde Mischung. Und vielleicht gerade deshalb ein aufrei­bendes Stück, das über den Tag hinauswirkt.

Das Publikum in der ausver­kauften Aufführung lässt sich von der darstel­le­ri­schen Leistung, Multi­me­dia­lität, kurz der sugges­tiven Kraft der Bilder blenden und applau­diert nachhaltig, ohne über die fehlenden Perspek­tiven einer Rebellion nachzudenken.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: