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SONGS OF REBELLION
(Brigitta Muntendorf)
Besuch am
27. September 2019
(Uraufführung)
Das Ballhaus Ost im Prenzlauer Berg versteht sich als Plattform für freies Theater, Performance und Tanz. Jetzt ist es Spielstätte für das Berliner Festival für aktuelles Musiktheater, kurz BAM! Für den heutigen Abend steht eine Uraufführung auf dem Programm. Aktuelles Musiktheater mit der Musik einer Komponistin – gibt es eigentlich gar nicht. Traurig, aber wahr. Selbst in der so genannten Freien Szene ist so etwas ein Unikum. Gut, dass BAM! sich um die Fakten nicht kümmert und gleich bei der dritten besuchten Aufführung eine zweite Komponistin aufbieten kann. Brigitta Muntendorf, die gerade vor einer knappen Woche einen außerordentlichen Erfolg mit ihrer musikalischen Mitarbeit bei den Bilderschlachten der Choreografin Stephanie Thiersch in Bonn verzeichnen konnte, bei der sie allerdings herzlich wenig eigenes Material bot, hat die abendfüllende Musik zu Songs of Rebellion geschrieben. Der Titel ist so wenig ansprechend wie der verquaste Vorankündigungstext – und trotzdem hatten offenbar viele Leute ein gutes Gefühl dabei. Der Abend ist ausverkauft.
Empört Euch! Mit seiner Streitschrift rief Stéphane Hessel 2011 zum friedlichen Widerstand auf. Etliche Autoren folgten, unter ihnen auch durchaus solche, die das Wort „friedlich“ wegließen. Und wer sich mit Hessels Broschüre beschäftigte, konnte seinen lebenserfahrenen Worten mehr als bloße Sympathie entgegenbringen. Sich aus der Umklammerung von Kapitalismus und Neoliberalismus zu befreien, erschien plötzlich als etwas wie eine Option. In einer erodierenden Gesellschaft allerdings wird man vorsichtig mit den Forderungen nach einer neuerlichen Revolution. Da steht man plötzlich an der Seite von Leuten, mit denen man vielleicht nichts zu tun haben möchte. Und der Klimaschutz als neue Weltreligion ist schneller beim Ablasshandel angelangt, als die katholische Kirche es sich je hätte träumen lassen. Ach ja, und dann gibt es da noch diese revolutionären Lieder, diese verführerischen Musiken, die zu hochgereckten Fäusten einladen und eine bessere Welt versprechen.

Die Revolution frisst ihre Kinder. Das ist keine neue Erkenntnis, aber eine erschreckende. Die wird in Songs of Rebellion verhandelt. Vor Beginn der Aufführung werden die Besucher gebeten, sich nicht gleich zu setzen, sondern sich im Raum zu bewegen. Regisseur Michael Höppner hat nämlich die Figuren des Stücks auf Podeste am Rande der Spielfläche aufgestellt. In der Mitte des Raums ist eine silberfarbene, überdimensionale Kugel aufgebaut, die den Blick auf den gesamten Saal – bewusst – verstellt. Vor Kopf ist eine Bühne aufgebaut, auf der Schlagwerk und elektronische Orgel Platz finden und die Rückwand eine riesige Leinwand für die eindrucksvollen Projektionen von Andreas Huck und Roland Nebe darstellt. Im hinteren Teil des Saals sind die Mischpulte aufgestellt. Zwei, drei Kameraleute versuchen, die Handlung, die sich durch den gesamten Saal zieht, zu erfassen. Julia Saworski hat die sieben Darsteller in fantasievolle Kostüme gewandet, die so martialisch daherkommen, dass an eine friedliche Lösung nicht zu denken ist. Das gilt auch für die Masken, die die Darsteller bis zur Unkenntlichkeit entstellen. Es ist ein Abend der ironischen Brechungen, die sich nicht jedem Zuschauer erschließen und damit für Verwirrung sorgen.
Die Darsteller bewegen sich musizierend durch den Raum, mal entlang der Laufpodeste an den Seiten, mal mitten durch den Saal. Einzelne Darsteller, die zugleich als Musiker fungieren, bleiben an verschiedenen Stationen zurück. So entsteht ein schillerndes Panoptikum, das zunächst die Gesellschaft feiert, an der sie später zerbricht. Die Vision wird zur unerreichbaren Utopie. Letztlich wird auch die Kugel beiseitegeschoben. Um Platz zu schaffen. Für die Apokalypse. Die kommt aber erst später.

Großartig, was die Darsteller leisten. Carola Schaal spielt die Klarinette. Till Künkler führt die Posaune zum Mund. Louis Bona vollbringt mit seiner Bratsche so manches waghalsige Manöver. Besonders eindrucksvoll zeigt sich Malgorzata Walentynowicz an den Synthesizern. Evdoxia Filippou ist für die Schlagwerke zuständig. Und neben Michael Höppner ist auch Brigitta Muntendorf als Darstellerin beteiligt. Wenn Regisseur und Komponistin selbst an der Aufführung teilnehmen, gewinnt selbige noch einmal deutlich an Authentizität. Egal, ob sich einzelne Darsteller in Einzelpositionen produzieren oder die Gruppe den rebellischen Sound gemeinsam erzeugt, aufregend bleibt es von Anfang bis Ende. Ende heißt in diesem Fall, dass Zuschauer auf dem Fußboden liegen. Der Friedhof am Ende der Rebellion ist riesig. Das stimmt nachdenklich. Bleibt also alles chancenlos? Ist die Rebellion gegen Kapitalismus und Neoliberalismus vergebens? Eine erschreckende Erkenntnis, zumal die Alternativen ausbleiben.
Musikalisch bleibt der Abend als Versatzstück in Erinnerung. Wieder konzentriert sich Muntendorf darauf, bei wenig Eigenleistung bekanntes Material zu verwenden. Das funktioniert. Die Musik ist eingängig, schwingt sich zum Punk auf, wenn nicht gerade leise Gesänge angesagt sind. Möchte man es bösartig, gewinnt die Beliebigkeit. Sieht man es positiv, untermalt die Musik die Freude an der Revolution, um ihr zugleich die Lust zu entziehen. Songs of Rebellion beunruhigt, wirft Fragen und Perspektivlosigkeit auf. Eine ungesunde Mischung. Und vielleicht gerade deshalb ein aufreibendes Stück, das über den Tag hinauswirkt.
Das Publikum in der ausverkauften Aufführung lässt sich von der darstellerischen Leistung, Multimedialität, kurz der suggestiven Kraft der Bilder blenden und applaudiert nachhaltig, ohne über die fehlenden Perspektiven einer Rebellion nachzudenken.
Michael S. Zerban