Kühle Winterreise

LIEDERABEND PATRICK GRAHL
(Franz Schubert)

Besuch am
18. Juni 2024
(Einmalige Aufführung)

 

Schuber­tiade, Angelika-Kauffmann-Saal, Schwarzenberg

Setzt ein Sänger die Winter­reise von Franz Schubert auf das Programm, stellt das schon per se ein großes Unter­fangen dar. In kaum einem anderen Werk der Zeit wird vom Inter­preten so viel Tiefe und Emotion verlangt, wie in den 24 Liedern dieses Zyklus‘. Und die Künstler, die sie schon mit ihrem ganzen Sein und dann auch umwer­fendem Erfolg auf die Bühne gebracht haben, stehen im Hinter­grund Pate.

Foto © Schuber­tiade Schwarzenberg

Der Leipziger Patrick Grahl ist Mitte dreißig und sang zunächst beim Thoman­erchor, um danach an der dortigen Musik­hoch­schule eine Gesangs­aus­bildung abzuschließen. Hochge­schätzt wird er als Orato­ri­en­tenor, 2016 gewann er zudem den 1. Preis beim XX. Inter­na­tio­nalen Johann-Sebastian-Bach-Wettbewerb in Leipzig. Er hat eine Stimme, die an der Musik Bachs geschult worden ist, leicht und hell.

Bei hervor­ra­gender Diktion trägt die klare, aber auch warme Stimme im Saal gut, ist unange­strengt und in den Höhen stark fokus­siert. Alles ist schla­ckenlos, rein und sehr beweglich, lässt aber eine gewisse Farbigkeit in der Stimme vermissen. Die 24 Lieder bewältigt der im Frack auftre­tende Sänger mit Blick in die Noten gesanglich mühelos in allen Bereichen und macht einen inten­siven Gestal­tungs­willen deutlich, der sich aber recht konti­nu­ierlich nicht im Ton nieder­schlägt, Ausdruck heißt bei ihm oft nur Forte.

Malcolm Martineau am Flügel kann den Eindruck von Kühle und Unnah­barkeit nicht vertreiben, in den Hinlei­tungen zum Sänger vermisst man zudem oft eine Eindeu­tigkeit. Bei den vielleicht inten­sivsten Liedern des Zyklus‘, bei Das Wirtshaus und den zwei letzten, Die Neben­sonnen und Der Leiermann, spürt man eine kleine Ahnung, was vielleicht in den nächsten Jahren bei dieser Stimme noch geschehen könnte.

Das Publikum, das erfreu­li­cher­weise dieses Mal keine Handys bimmeln lässt und mit keinem Zwischen­ap­plaus stört, spendet freund­lichen Applaus. Natürlich gibt es bei der Winter­reise keine Zugabe.

Jutta Schwegler

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