O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
IN COUNTERPOINT
(Carl Philipp Emanuel Bach, Florence Price)
Besuch am
16. September 2024
(Einmalige Aufführung)
2015 in Hamburg gegründet, hat das Ensemble Reflektor heute seinen Sitz in Lüneburg und dort 2019 auch das Festival ultraBach ins Leben gerufen. Wie jedes Orchester muss es sein Alleinstellungsmerkmal bestimmen, um sich am Markt behaupten zu können. Sehr originell hat es dabei die Komponistinnen der Vergangenheit für sich entdeckt. Wäre die Angelegenheit nicht so moralinsauer, könnte es ja sogar Spaß machen, die alte Musik auch als Hörer für sich zu entdecken. Also hat das Düsseldorf-Festival das Ensemble eingeladen, in der Neanderkirche in der Düsseldorfer Altstadt aufzutreten, einer der beliebten und traditionellen Spielstätten des Festivals.
1684 wurde die „Hinterhofkirche“, heute zwischen der Bolker und der Andreasstraße gelegen, in Betrieb genommen. Ihre spartanische Ausstattung, einem calvinistischen Weltbild geschuldet, und der Umstand, dass der Altarraum den Mittelpunkt des Kirchenschiffs darstellt, ergibt eine Akustik, die den Raum für Kammermusik prädestiniert.
In Counterpoint nennen die 15 Streicher vom Ensemble Reflektor ihr Programm – und meinen damit nicht nur die Kompositionstechnik, die Johann Sebastian Bach zur Meisterschaft entwickelte, sondern auch die Idee, zwei Komponisten einander gegenüberzustellen. Im Vorfeld hat Joosten Ellée, Mitgründer und Konzertmeister, erläutert, was das Ensemble an der Kompositionstechnik so fasziniert. „Auf einer Metaebene ist das Schöne an einem Kontrapunkt, dass eigenständige Stimmen in ein Verhältnis gesetzt werden, zwar nach Regeln, aber doch auch teilweise gegeneinander, und trotzdem alles in einem harmonischen Gebäude wieder aufgeht“, sagt der Musiker.

Beschäftigt hat sich damit Carl Philipp Emanuel Bach. Der studierte zunächst Jura in Frankfurt an der Oder, ging dann für drei Jahrzehnte an den Hof Friedrichs des Großen nach Potsdam, ehe er als Organist an die Hamburger Hauptkirche wechselte und damit sein eigentliches kompositorisches Schaffen entwickeln konnte. Heute gilt er als Hauptvertreter des empfindsamen Stils. Dabei geht es darum, „intensiven Gefühlen einen Platz im alltäglichen Leben zu geben und dafür künstlerischen Ausdruck zu finden“.
Gut 170 Jahre nach dem „Hamburger Bach“ wird in Little Rock, Arkansas, Florence Beatrice Smith geboren. Mit vier Jahren beginnt sie das Klavierspiel, mit elf Jahren wird ihre erste Komposition veröffentlicht. Sie studierte und heiratete den Rechtsanwalt Thomas J. Price, von dem sie sich nach 19 Jahren wieder scheiden ließ. Ihren Durchbruch als Komponistin feierte sie 1933 mit ihrer Sinfonie in e‑Moll, die vom Chicago Symphony Orchestra unter der Leitung von Frederick Stock uraufgeführt wurde. Damit war sie die erste Afroamerikanerin, deren Werk von einem großen US-Orchester gespielt wurde. Trotzdem gelang es ihr zeitlebens nicht, einen Platz im Kanon der amerikanischen Musikgeschichte zu finden. „Ich habe zwei Handicaps. Ich bin eine Frau, und ich habe auch schwarzes Blut in meinen Adern“, schrieb sie dem Dirigenten Sergei Kussewizki. Mit ihrer Auseinandersetzung mit Kontrapunkttechnik, die sie unter anderem auf amerikanische Folksongs anwendet, schafft sie eine Verbindung zwischen amerikanischer und deutscher Musik, die dafür sorgt, dass das Ensemble Reflektor sie als Antipodin zu Carl Philipp Emanuel Bach auswählt.

Wir zeigen denen jetzt mal, was Rock’n’Roll in der klassischen Musik heißt. Man kann sich leicht vorstellen, dass Ellée genau eine solche Losung an seine Kollegen ausgegeben hat, bevor sie gutgelaunt die Treppen von der Empore heruntersteigen, um den wenigen Besuchern ein quirliges Programm zu präsentieren. Von C.P.E. Bach gibt es einen Querschnitt durch seine Hamburger Sinfonien, und wer danach als musikalischer Laie nicht zumindest eine Ahnung davon hat, was Kontrapunkt meint, muss Ohrenstöpsel tragen. Zwischen die einzelnen Sätze sind Werke von Price gemischt. Aus den Five Folksongs In Counterpoint erklingen Drink To Me Only With Thine Eyes, Go Down Moses, Calvary, Swing Low Sweet Chariot und Shortnin’ Bread, aus den Negro Folksongs In Counterpoint For String Quartet gibt es zudem Somebody’s Knockin’ At Yo Do. Zwei der Folksongs dürften auch Deutsche kennen, zu erkennen ist nur eine Passage für den musikalischen Laien. Ein zusätzliches Qualitätsmerkmal.
Ebenso wenig zu erkennen ist übrigens bei keiner Komposition die Hautfarbe oder das Geschlecht. Die Priorität bei der Programmauswahl sollte sich also womöglich nicht am Geschlecht, sondern an der Qualität der Musik bemessen. Und wenn sich da die Frauen der Vergangenheit nach vorne drängen, geht das ja in Ordnung. Ansonsten wäre viel erfreulicher, wenn die Komponistinnen der Gegenwart mehr Beachtung fänden.
Glücklicherweise beweist das Ensemble Reflektor an diesem Abend mehr Zeitgefühl in der Musik als in der Programmauswahl. Nach 50 Minuten ist das für 70 Minuten angekündigte Programm abgespielt. Da hilft auch die zweiminütige Zugabe als Wiederholung nicht weiter. Das Publikum nimmt es nicht krumm und feiert die Musiker, die mit Spielfreude und guter Laune überzeugen.
Michael S. Zerban