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MAY B
(Maguy Marin)
Besuch am
24. September 2024
(Premiere)
Eigentlich ist das Düsseldorf-Festival ja darum bemüht, seinen Besuchern das ziemlich Neueste vom Neuen zu präsentieren. Uraufführung, Deutschland- oder wenn es gar nicht anders geht, wenigstens NRW-Premiere. Drunter machen es Christiane Oxenfort und Andreas Dahmen als Veranstalter des Festivals eigentlich nicht. Da verwundert es, dass sie tief in die Geschichte des zeitgenössischen Tanzes greifen und eine französische Compagnie nach Düsseldorf holen, die ihren größten Erfolg vor 43 Jahren hatte.
Am 4. November 1981 fand im französischen Angers die Uraufführung von May B statt. Pina Bausch hatte das Tanztheater in den vorangegangen Jahren zu internationalem Ruhm geführt, was aber nicht bedeutete, dass es neben ihr noch andere Götter gab. So konnte die damals 30-jährige Choreografin Maguy Marin in der westfranzösischen Provinz Anjou nicht ernsthaft damit rechnen, dass ihr Stück ein größerer Erfolg werden könnte. Der übliche Weg war auch damals schon: Ein bis zwei Aufführungen, mit ganz viel Glück noch ein paar Gastspiele, und dann verschwände das Stück wieder in der Schublade. Die Überraschung: Nicht so May B. Zunächst vom Publikum angefeindet, hat das Werk bis heute über 1.000 Aufführungen erlebt.
Es mag schon sein, dass sich Marin, die ursprünglich vom Ballett kam, von den Werken Samuel Becketts – darunter Warten auf Godot und Endspiel – inspirieren ließ. In May B muss man sich allerdings schon sehr bemühen, Verweise darauf zu finden, um nicht zu sagen, sie an den Haaren herbeizuzerren. Denn das Stück lebt nicht von Zitaten, sondern von der Fantasie der Choreografin.
Im Theaterzelt am Düsseldorfer Burgplatz ist auf der Guckkastenbühne die Rückwand vorgezogen. Noch vermag man nicht zu erkennen, dass sich in der Wand drei Abgänge befinden. Die Bühne wird dunkel, und der Leiermann aus Franz Schuberts Winterreise erklingt. Niemand Geringeres als Dietrich Fischer-Dieskau interpretiert ihn. Die Musik kommt also aus der Konserve, und das hört man der Klavierbegleitung auch an. Zehn Tänzer stellen sich auf der Bühne mit ersten Schritten vor. Sie sind lehmverschmiert. Das Thema der zweiten Haut des armen Mannes wird die Aufführung durchziehen, immer wieder werden Wölkchen getrockneten Lehms aufsteigen. Noch sind die Damen und Herren in Charentaises unterwegs, in warmen, gemütlichen Hausschuhen also. Die werden sie wenig später gemeinsam ablegen.
Marschmusik erklingt, und man versteht, warum Dahmen und Oxenfort so viel Arbeit investiert haben, das Stück nach Düsseldorf zu holen. Denn kaum etwas im zeitgenössischen Tanz könnte mehr an den Karneval im Rheinland erinnern als die Musik und der dargebotene Tanz. Vom Stippeföttche über die Kopulation bis zur Masturbation reichen die Bewegungen. Auch wenn die von Mutter Louise Marin ursprünglich entworfenen und genähten Kostüme keinerlei Anlass zu erotischen Gedanken geben, kann man sich leichterdings vorstellen, dass eine solche Bewegungssprache Anfang der 1980-er Jahre durchaus für Gesprächsstoff sorgte.

Dagegen wirkt die anschließende Dorfplatzszene mit ihren meckernden Weibern, dem Behinderten im Rollstuhl, dem Blinden, beide in Begleitung, und dem Hofherrn, der seinen Leibeigenen am Strick mit sich führt sowie der Dorfgemeinschaft geradezu normal. Es sieht so aus, als habe der Blinde Geburtstag, und so wird ihm eine Torte vorgehalten. Die allerdings wird unter den stärksten oder schnellsten Tänzern aufgeteilt. Da haben andere ihr Nachsehen. Währenddessen erklingt klassische Musik von Gilles de Binche. Schließlich begibt die Gemeinschaft sich, bestückt mit Koffern und anderen Gepäckstücken, hinaus in die Welt, noch immer zwischenzeitlich grunzend und murmelnd. Folgerichtig verlassen die zehn Tänzer das Zelt.
Durch die Türen in der Rückwand tauchen sie wieder auf, während Jesus‘ blood never failed me yet von Gavin Bryars erklingt. Eigentlich eine hoffnungsfrohe Botschaft, die aber durch ihre permanente Wiederholung zu nerven beginnt und in seltsamem Widerspruch dazu steht, dass die Reisegruppe zunehmend dezimiert wird, bis schlussendlich nur einer übrigbleibt. Der wiederholt die in der Eröffnung einzig verständlich gesprochenen Worte: „Es ist zu Ende. Es wird enden. Es wird vielleicht enden.“
Maguy Marins Choreografie besticht nicht durch tänzerische Höchstleistungen wie Sprünge, Hebungen oder Geschwindigkeit. Sie überzeugt ihr Publikum mit ungewöhnlichen Schrittfolgen, hoher Präzision, die immer wieder zu überraschenden Wendungen führt, und skurrilen Typen, die schon fast an Karikaturen ihrer selbst erinnern. Wenn ihre Fantasie den Zuschauer nicht ins rosarote Wolkenland führt, sondern nach vielerlei Hoffnungsschimmern, die zum Schmunzeln einladen, auf dem direkten Weg ins Verderben, wenn auch mit kleinen Schritten und langsamen Bewegungen, bleibt beim Betrachter ein zwiespältiges Gefühl zurück. Ob die knapp anderthalb Stunden nun lustig waren oder doch das – angedeutete – Drama sich im Kopf in den Vordergrund schiebt, mag ein jeder individuell empfinden. Und vielleicht ist das die größte Stärke des Abends, den die Tänzer in der Applausordnung konsequent weiter mit tippelnden Schritten beenden.
Jedenfalls, so bekundet es das Publikum mit langanhaltendem Applaus, darf sich das Düsseldorf-Festival einen weiteren Erfolg ans Revers heften. Dieses Mal mit altem Kram aus Frankreich. Oder nennen wir es doch lieber: zeitlos.
Michael S. Zerban