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TANGO MEETS KLEZMER
(Diverse Komponisten)
Besuch am
29. Oktober 2024
(Einmalige Aufführung)
Stell dir vor, du leitest ein Festival. Plötzlich musst du den Vorverkauf für eine Aufführung unter der Woche stoppen, die Abendkasse brauchst du gar nicht mehr zu öffnen, weil sich schon mehr Personen als feuerpolizeilich erlaubt angemeldet haben. Du stehst vor der Eingangstür, schickst die Leute weg, die Einlass begehren, und betest, dass nicht alle kommen, die sich angemeldet haben, weil du dann ein Problem hast. Dann weißt du, du bist im Internationalen Düsseldorfer Orgel-Festival und hast im Titel der Aufführung zwei Zauberworte stehen: Tango trifft auf Klezmer. Und im Saal gibt es nicht einmal eine Orgel.
Dafür wäre im Konzertsaal des Maxhauses heute Abend auch gar kein Platz. Bis in den letzten Winkel sind Stühle aufgebaut. Und alle sind besetzt. Das ist rekordverdächtig. So kann die Intendantin des Festivals, Frederike Möller, bester Laune das Podium betreten und erklären, dass man ein Akkordeon auch Handorgel nennt. Und damit gehört das Instrument eindeutig zu einem Orgel-Festival. Und darüber braucht man auch gar nicht zu diskutieren. Wenn die Auslegung dazu beiträgt, ein modernes, attraktives Orgel-Fest zu gestalten, ist das legitim. Schon erst recht, wenn es Möller gelungen ist, zwei solch hervorragende Musiker zu verpflichten.

Marko Kassl schloss sein Akkordeon-Studium in Österreich und Deutschland 2006 mit dem Konzertexamen ab. Seither gestaltet er nicht nur eine erfolgreiche internationale Karriere, sondern gibt sein Wissen auch an der Musikhochschule Detmold und am Amsterdamer Konservatorium weiter. Ihm zur Seite steht Robert Beck. Der studierte Klarinette an der Folkwang-Universität Essen und an der Musikhochschule Hanns Eisler in Berlin. Nach einigen Jahren der Festanstellung ist er heute als freischaffender Künstler in verschiedenen Ensembles unterwegs und bildet unter anderem ein Duo mit Kassl. Die Einladung der beiden Musiker zum IDO-Festival verknüpfte Möller mit der Bedingung, dass sie selbst an dem Auftritt mitwirken dürfe, erzählt die Intendantin lächelnd. Und selbstverständlich waren die Herren damit einverstanden. Eine der Stärken der Pianistin ist ja, dass sie selbst keine Repertoire-Grenzen kennt. So steht heute Abend ein exzellentes Trio auf dem Podium im Maxhaus, das sichtlich Spaß daran hat, die Besucher auf eine Reise mitzunehmen, bei dem ein Komponist einen eindeutigen Schwerpunkt bildet.
Mit Astor Piazzolla geht es dann auch los. Nach seiner Romance del Diablo, die das Trio gemeinsam präsentiert, spielen Kassl und Beck den Tango Tour Court von Dirk Brossé. Eindrucksvoll die Leistung von Möller, die täglich unterwegs ist, um die 50 Konzerte des Festivals zu begleiten, also eigentlich mehr als ausgelastet sein dürfte, sich aber nicht nehmen lässt, dazu beizutragen, dass es an diesem Abend ordentlich vibriert. Da sieht man ihr gern das Spiel vom Blatt nach, wenn sie Piazzollas Valsissimo mit Verve zu Gehör bringt. Beck und Kassl legen mit Che Tango Che von Piazzolla nach.
Bei der Ankündigung des nächsten Titels ist die politisch korrekte Unsicherheit zu spüren. „Ein Titel, den man heute sicher nicht mehr so wählen würde“, behauptet Kassl, als er den Zigeunertanz von Robert Schumann annonciert, den Möller am Klavier aufführt. Das Publikum interessiert sich herzlich wenig für die Bedenken einzelner bei der historischen Sprachwahl, sondern begeistert sich viel mehr für Möllers Interpretation. Anschließend spielt das Duo die Aria von Eugène Bozza und das Pièce en forme de habanera von Maurice Ravel, beide Stücke im Rhythmus der Habanera, ehe mit dem Café 1930 aus der Geschichte des Tangos ein weiterer Schlager von Piazzolla zu hören ist. Bevor dann der erste Teil mit dem Libertango schließt, den Kassl wirklich nicht mehr vom Notenblatt abzulesen braucht, nehmen sich er und Möller noch Zeit für den Tango pour Claude von Richard Galliano.

Nach der Pause ist endlich Zeit für Klezmer. Zwei traditionelle Stücke erklingen, bevor Kassl die eigene Komposition Die Katze des Rabbiners aufführt. Ein wunderbar witziges Werk, dem der Akkordeonist die Bemerkung voranstellt, dass es sich bei der Katze offenbar um das intelligenteste Wesen im Haushalt handele. Ob das so ist, bleibt dahingestellt, sicher ist, dass es sich bei dem Stück um einen der absoluten Höhepunkte des Abends handelt. Mit Nanos und Chajes von Gijs Levelt, bei dem Beck erstmalig zur Bassklarinette greift, ist auch schon wieder Schluss mit Klezmer. Da hätte man sich sicher ein bisschen mehr gewünscht, aber wer wollte dafür schon auf die noch folgenden Dauerschlager von Piazzolla verzichten? Zunächst einmal aber wechselt Kassl zum Bandoneon, nicht ohne eine kurze Einführung zu dem Instrument zu geben, das bekanntermaßen aus Krefeld stammt, von Heinrich Band als Orgelersatz für die Kirchen am Niederrhein entwickelt, seinen Siegeszug in den Rotlichtmilieus von Buenos Aires mit dem Tango feierte. Von Klaus Paier stammen die Recuerdos a Piazzolla, also die Erinnerungen an den Komponisten, deren drei Sätze Kassl auf seinem schönen alten Instrument spielt.
Für Oblivion in einem eigenen Arrangement wählt Kassl in Kombination mit dem Flügel eine Accordina. Erstmals 1897 als Entwicklung von Carl Adolf Meinel aus Untersachsenberg erwähnt, lässt André Borel sich die Accordina 1943 in Frankreich patentieren. Sie ist, wenn man so will, ein Mini-Akkordeon als Blasinstrument. Sieht ziemlich schräg aus, erlaubt aber einen schönen Klang, wie Kassl beweist. Zu Le Grand Tango, dem letzten Stück des Programms, nimmt das Trio noch einmal auf dem Podium Platz: Mit Flügel, Bass-Klarinette und Bandoneon klingt der Tango nuevo sehr authentisch.
Nach zweieinviertel Stunden applaudiert das Publikum frenetisch. Dafür bedankt sich das Trio mit Piazzollas Ave Maria als Zugabe.