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Der 6. Januar 1949 war rückblickend ein ereignisreicher Tag. Im ungarischen Nyiregyhaza wurde Stefan Soltész geboren, der sich später einen Namen als Dirigent und Intendant machen sollte. Im amerikanischen Cottonwood, Arizona, starb an diesem Donnerstag Victor Fleming, der zehn Jahre zuvor bei gleich zwei cineastischen Meisterwerken Regie geführt hatte: Der Zauberer von Oz und Vom Winde verweht. Und in New York empfing Leonard Bernstein den Produzenten Jerome Robbins in seiner Wohnung. Es wurde die Geburtsstunde eines Welterfolges, der bis heute anhält. Zwei Tage dauerte es, bis Robbins Bernstein von seiner Idee überzeugt hatte. Romeo und Julia in der Großstadt, aber bloß nicht als Oper. Schon in der darauffolgenden Woche wurde Arthur Laurents mit dem Drehbuch beauftragt. Später kam noch Stephen Sondheim hinzu, der die Liedtexte verfasste. Allerdings sollte es noch mehr als acht Jahre dauern, bis die West Side Story im National Theatre in Washington das Licht der Welt erblickte. Der Rest ist Geschichte.
1984 trat die Deutsche Grammophon an Bernstein heran. Zwar hatte es schon vorher Schallplattenaufnahmen gegeben. Nach der Einspielung noch im Jahr 1957 mit der Original-Broadway-Besetzung, gab es 1961 selbstverständlich ein Soundtrack-Album zum Film. Aber eine Studio-Einspielung mit Lenny Bernstein als Dirigent? Fehlanzeige. Bernstein dachte größer.
Denn eines war ihm bisher versagt geblieben. Eines der größten musiktheatralischen Werke der Gegenwart blieb den großen Opernsängern vorenthalten, weil auf der Bühne Jugendliche stehen mussten. Bei einer Studio-Aufnahme war es egal, wie alt die Akteure waren. Also besetzte er kurzerhand Spitzenkräfte. Und die Deutsche Grammophon versprach, die Entstehung des Albums filmisch mit Unterstützung von BBC und Unitel zu dokumentieren. Es entstand einer der großartigsten Dokumentarfilme der Musikgeschichte.
Christopher Swann ist hier seiner Zeit um einiges voraus. Geradezu minimalistisch erzählt er eine Geschichte ohne Off-Stimme, mit kurzen Schnitten, schafft eine intensive Authentizität und höchste Glaubwürdigkeit, indem er die Wirklichkeit wenig schönt. Die chronologische Erzählung erzeugt Spannung, die letztlich eher im Grenzgang Bernsteins als in einer schlüssigen Pointe Auflösung findet. Wie nicht anders zu erwarten, ist die Doku eine Huldigung des großen Maestros, die aber meisterhaft durch ihn selbst gebrochen wird.
Die Prominenz reist an. Kiri Te Kanawa wird unter Stimmproblemen leiden, weil sie mit den exzessiven Klimaanlagen New Yorks nicht zurechtkommt. Trotzdem wird sie eine brillante Maria abgeben. José Carreras wird zeitweilig an Maria scheitern, seine Wut kaum beherrschbar sein; wunderbar diese Bilder des verwundeten Menschen, die aus Carreras einen von uns machen: Einer, der das Beste in seinem Beruf zu erreichen versucht und so richtig sauer ist, wenn es ihm nicht auf Anhieb gelingt. Immerhin gibt er nicht anderen wie etwa dem Dirigenten die Schuld. „Jede seiner Bewegungen ist Musik. Er sagt den Interpreten mit seinen Gesten, mit seinen Augen, mit seinem Körper, was er will. Niemand auf der Welt kann das so wie er.“ Ähnlich begeistert von der Zusammenarbeit mit Bernstein ist Tatiana Troyanos, die in der Rolle der Anita glänzt. Und Bariton Kurt Ollmann bewährt sich als Riff, noch ganz am Anfang seiner Karriere, die durch den Maestro beflügelt werden wird.
Anschließend gibt es eine Vorbesprechung mit den Damen des Ensembles, die alle ganz selbstverständlich vom Maestro bei seiner Ankunft auf den Mund geküsst werden. Der Zeitgeist regiert. Und leider auch die Kamera, die jedem der Akteure viele Pfunde auf die Hüften hievt. Aber die Kamera fängt auch Bernstein immer wieder in seiner unvergleichlichen Art zu dirigieren ein. Hier ist nicht der Clown am Pult der Abendveranstaltung gefragt, sondern der Dirigent, der das Orchester zu höheren Weihen führt und die Sänger behutsam begleitet. Das Orchester entlastet weitestgehend den Dirigenten. Es ist ein so genanntes Muckenorchester, zusammengestellt aus den besten Musikern, die zu der Zeit verfügbar sind.
In der Technik sind fünf Menschen tätig. Welch ein Luxus. Und welch ein Genuss sind die Dialoge zwischen Bernstein und den Spezialisten aus der Tontechnik. Von zynisch bis süffisant geht das. Herrlich. Kaum ist man dem Dirigenten näher gewesen als in diesen knapp 80 Minuten, kann seine Begeisterung und Erschöpfung spüren. Begeisterung schon deshalb, weil er in dieser Einspielung verwirklichen kann, was ihn drei Jahrzehnte nach der Entstehung musikalisch immer noch fasziniert. Da werden andere Akzente gesetzt als in der Bühnenfassung. Die Erschöpfung ob der zahlreich abzuhörenden Takes wirkt im Rückblick symptomatisch. Fünf Jahre später ist das Leben des Genies, wie ihn die Solisten dieser Einspielung bezeichnen, beendet.
Wer diesen großartigen Film noch nicht besitzt, sollte beim Kauf gewitzt sein und nach der Spezial-Edition Ausschau halten. Da gibt es nämlich ein Buch mit der Einspielung und dem Making of als Dreingabe für denselben Preis wie für die DVD, die in einer sehr uncharmanten Standard-Ausgabe erhältlich ist.
Michael S. Zerban