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Dass ein Kritiker im Laufe seines Lebens weit mehr einsteckt als austeilt, war mir ohnehin schon lange klar.“ Es sind Sätze wie dieser, die ein unverständliches Selbstmitleid in der Autobiografie von Gerhard Bauer durchscheinen lassen und den Lesegenuss deutlich schmälern. 1940 in Wien geboren, absolviert Gerhard sein Abitur, scheitert aber am Musikstudium. Trotzdem will er irgendwas mit Musik machen – und wird Musikjournalist. Als er das Angebot vom Kölner Stadt-Anzeiger bekommt, verabschiedet er sich vorerst vom Wiener Musikbetrieb und geht nach Köln. Als er dort anfängt, hängt der Himmel im Prinzip voller Geigen. Der Musikkritiker einer lokalen Tageszeitung ist in den 1960-er/70-er Jahren eine der wichtigsten Personen der Stadt. Das prägt das Selbstverständnis eines Berufsstandes. Und erklärt vielleicht auch die Verletzlichkeiten eines Angestellten mit Vorgesetzten. Er, der sich dem Höheren widmet, muss sich von Chefredakteuren in die Niederungen des Zeitungsverlages ziehen lassen. Gar dem kulturellen Unvermögen eines Zeitungsbarons aussetzen, Alfred Neven DuMont, der in seiner selbstgefälligen Art den Status des Musikkritikers ignoriert, weil er längst die Meinungshoheit in einer Großstadt besitzt.
Was der Journalist allerdings in seiner 175-seitigen Autobiografie „Huch, ein Kritiker!“ mit dem Untertitel Leben und Lieben eines Wiener Journalisten in Köln abliefert, lässt oft genug an den literarischen Fähigkeiten des Verfassers zweifeln. Es ist völlig legitim, wenn nicht gar modern, eine Biografie nicht chronologisch zu verfassen, befreit aber nicht von der Notwendigkeit, klare Strukturen zu schaffen. Bauer fühlt sich völlig frei davon und springt in seinem Leben herum, ohne dass der Leser ein Anrecht auf zeitliche Zusammenhänge bekäme. Und so ist der Leser immer wieder gezwungen, historische Kontexte selbst zu finden und sich vor allem die Rosinen selbst herauszupicken. Wie etwa das Verständnis Bauers von Kritik. „Dass es einen Unterschied zwischen Werk und Wiedergabe zu bedenken und zu vermitteln gäbe, dass ein Konzert oder ein Kunsterlebnis, welcher Art auch immer, nicht bloß eine punktuelle Feierabendbeschäftigung ist, sondern als ein Mosaiksteinchen unter tausend anderen ein Panorama der lokalen Kulturszene entfaltet und dadurch mithilft, das kulturelle Klima einer Region zu zeichnen, zu formen, zu entwickeln.“ Diese Auffassung hat er beispielsweise weitergegeben an Wolfram Goertz, heute bei der Rheinischen Post, oder Michael Struck-Schloen, der seit Jahrzehnten beim Westdeutschen Rundfunk untergekommen ist. Dass Bauer solche Namen nennt, ist legitim. Ansonsten nervt das name-dropping, das Kulturjournalisten so gern anwenden, um ihre eigene Kompetenz zu signalisieren, und das hier oft genug noch den Eindruck des unangenehmen Nachkartens vermittelt. Ein Personenregister am Ende des Buches allerdings fehlt, das Übersicht schaffen könnte. Wie auch das Buch als solches sich handwerklich qualitativ am unteren Ende befindet. Sparsames Foto-Material in schwarzweiß und stark verkleinert bringt wenig Spaß an Erinnerungen, die ohnehin nur spärlich eingestreut werden.
Die fehlenden zeitlichen Strukturen sind natürlich auch hilfreich. Da muss man nicht erklären, wieso der Journalist einer lokalen Tageszeitung quer durch die Welt reist, zumal Bauer auch immer wieder private mit beruflichen Reisen mischt. Dass er dabei auf Personen der Zeigeschichte trifft, ist interessant, aber doch für seinen beruflichen Werdegang ebenso wenig erhellend wie die oberflächlichen Schilderungen aus seiner Stätte der Berichterstattung.
Seine persönlichen Lieben werden hier bewusst außen vorgelassen, weil sie kaum weiterführen. Dass Bauer heute von einem Alkoholismus berichtet, ist genau so geschenkt wie die Kettenraucherei, von der ihn seine Frau abgebracht hat. Dass er heute über eine große Familie verfügt, ist ein Glücksfall für ihn, für den Leser aber vielleicht nicht so spannend.
„Es war vor allem die zunehmende Verschlampung von Sprache die schlimmste. Und stärker noch, dass die Gleichgültigkeit der Sprache gegenüber, jenem Wert also, für den ein Journalist, der für drei Kreuzer Anstand hat, leben und sterben sollte.“ Da allerdings hat der Autor Recht, und es wäre schön gewesen, wenn er auf die Sorgfalt in der Sprache weiter eingegangen wäre. Weil das eines der wenigen Dinge ist, die bis heute Bestand haben.
Schließlich ist sein Blick in die Vergangenheit so was von vergangen, dass es dem Leser wirklich nur noch ein historisches Interesse abnötigt. Kultur findet in den Tageszeitungen nur noch rudimentär und in den seltensten Fällen in der Berichterstattung von festangestellten Redakteuren statt.
Die Wirklichkeit sieht längst anders aus. Da sind viele qualifizierte Musikjournalisten im Internet unterwegs und geben die Richtung vor. Gerhard Bauer stammt aus der vorletzten Generation, die sich in verkrusteten Strukturen bewegt habt. Und da fehlt ihm auch der Blick nach vorn. Die Entwicklung moderner Techniken betrachtet und schildert er als Bedrohung für die alte Welt, in der Redakteure ein vernünftiges Einkommen hatten und Drucker außerordentlich gut verdienten.
Heute müssen wir den Menschen erklären, warum die journalistische Einordnung wichtig und bezahlenswert ist – im Internet. Damit diese Menschen auf ihrem Smartphone dieselbe Begeisterung für die Musik erfahren, die sie einst empfanden, als sie die nach Druckerschwärze riechenden Seiten ihrer Tageszeitung aufschlugen. Und so ist auch die devote Haltung gegenüber Opernsängern längst einer Auseinandersetzung auf Augenhöhe gewichen. Das, so sagt die allgemeine Erfahrung des Musikjournalisten und der Opernsänger heute, ist auch eine gute Entwicklung.
So riecht die Autobiografie von Bauer nach einer Vergangenheit, die wir heute nicht mehr brauchen. Und wenn wir heute von Bauer noch etwas lernen können, dann ist es der sorgfältige Umgang mit der deutschen Sprache. Da allerdings geht er mit schlechtem Beispiel voran.
Michael S. Zerban