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Als die Ballettpantomime Der Schneemann 1908 an der Wiener Hofoper uraufgeführt wird, ist der Komponist Erich Wolfgang Korngold gerade mal elf Jahre alt. Ganz überraschend kommt der Durchbruch nicht, denn hinter dem Jungen steht ein ehrgeiziger Vater. Der berühmt-berüchtigte Kritiker Julius Korngold erkennt das Talent des Sohnes und unternimmt alles, um ihn zu fördern. So schickt er kompositorische Kostproben an berühmte Musiker, die sich alle positiv äußern. 1916 bestätigt Korngold die in ihn gesetzten Erwartungen mit den Einaktern Der Ring des Polykrates und Violanta, und 1923 erobert er sich mit Die Tote Stadt die deutschsprachige Opernwelt. Bis Anfang der 1930-er Jahre wird das Werk auf fast 80 Bühnen gespielt. Auch Operettenbearbeitungen von Klassikern wie Nacht in Venedig oder Die schöne Helena tragen zu Korngolds Ruhm bei. Erst das Aufkommen des Nationalsozialismus stoppt seinen Siegeszug, der jüdischstämmige Komponist geht ins amerikanische Exil. In Hollywood baut er sich eine zweite, mit zwei Oscars gekrönte Karriere als Filmkomponist auf. Nach dem Weltkrieg versucht er, in Österreich erneut Fuß zu fassen. Doch seine letzte Oper Die Kathrin fällt bei der Wiener Wiederaufführung durch, und die Bemühungen, weitere Theater für sein Werk zu interessieren, scheitern. 1951 zieht sich Korngold desillusioniert nach Amerika zurück, wo er 1957 stirbt. Seine Frau Luzi überlebt ihn um fünf Jahre. In dieser verbleibenden Zeit verfasst sie unter dem Titel Ein Lebensbild eine Biografie über ihren Mann – die bis in die 1990-er Jahre die einzige bleibt.
Im Zuge der zunehmenden Beschäftigung mit Exilkünstlern hat auch Korngold eine Renaissance erlebt: Die Tote Stadt wird regelmäßig gespielt, Das Wunder der Heliane wurde gerade in Berlin glanzvoll wiederentdeckt. Mehrere Biografien erschienen, von denen sich die aktuellste Publikation dem Komponisten auf besondere Weise nähert. Dear Papa, how is you?, so der Titel des Bandes, folgt Korngolds Werdegang mittels seiner Briefe und die seines familiären und künstlerischen Umfelds. Dafür hat die Österreicherin Lis Malina, Gesangspädagogin, Musiktherapeutin und ‑wissenschaftlerin in einem, die bereits vorliegende Korrespondenz, die die gesamte Lebensspanne Korngolds umfasst, gesichtet und ausgewertet.
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Einen breiten Raum nimmt der Schriftwechsel zwischen Korngold und seiner späteren Gattin Luise von Sonnenthal, genannt Luzi, ein. 1917 lernen sich die beiden kennen. Die anfänglichen Briefe sind schwärmerisch-naiv: „Meine liebe, alte Puppenperücke“ beginnt Luzis erster Brief. Sie heiraten 1924 und führen bis zum Tode Erichs eine glückliche Ehe. Dabei hat Luzi zu kämpfen: gegen ihre Schwiegereltern, die sie nicht akzeptieren und ihr Intrigen vorwerfen. Als mal wieder eine Eskalation droht, schreibt sie 1934: „Liebe Eltern – ich glaube, mein Prinzip, möglichst immer zu schweigen, ist doch falsch. Es hat sich in diesen 10 Jahren ein derartiger Wust von falschen Vorstellungen, Missverständnissen und Missdeutungen Eurerseits ergeben, der kaum zu entwirren ist.“
Neben den familiären Konflikten muss das Paar auf die politische Lage reagieren. Die antisemitischen Ressentiments durch das Aufkommen des Nationalsozialismus machen ein Bleiben in Österreich unmöglich. Die Entwurzelung und – nach 1945 – die Enttäuschung über die ausbleibende Anerkennung in der Heimat sind Schicksalsschläge, die sie zu meistern haben. Ihre Briefe in schweren Zeiten sind auch Ausdruck einer tiefen, den Umständen trotzenden Liebe.
„Dear Papa, how is you?“ So schreibt George, Korngolds jüngerer Sohn, 1943 – der kleine Fehler verweist auf die sprachlichen Unsicherheiten vieler Exilanten. Auf solche Feinheiten macht Lis Malina in ihrem Vorwort aufmerksam. Es steht für die Sorgfalt, mit der das Buch ediert wurde. Inbegriffen sind Fotos, Kurzbiografien der beteiligten Personen, eine Zeittafel, ein Werkverzeichnis – erstaunlicherweise ohne die Operettenfassungen – sowie einige von Luzi gezeichnete Karikaturen. Sie vervollkommnen diese geglückte Biografie in Briefen.
Karin Coper