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Zwischen den Welten

Elīna Garanča schildert in ihrem Buch Zwischen den Welten, das am 21. Februar bei Ecowin erschienen ist, ihren eindrucks­vollen Lebensweg – vom letti­schen Bauernhof bis an die Metro­po­litan Opera. Da ist nicht immer alles Gold, was im Leben einer Opern­sän­gerin glänzt. Andreas H. Hölscher hat sich das Werk zu Gemüte geführt und ist beein­druckt von den gewährten Einblicken. Für Fans ist dieses Buch ein Muss. 

https://www.ecowin.at/autor/garanca-elina/

Zwischen Kuhstall und Met

Wenn eine erfolg­reiche Sängerin wie Elīna Garanča, die mit 42 Jahren noch nicht den Zenit ihrer Karriere erreicht hat, ihre Autobio­grafie vorlegt, dann stimmt das erstmal nachdenklich. Denkt da jemand über sein Karrie­reende nach, ist es lediglich eine Marke­ting­stra­tegie oder möchte die Sängerin einfach ihr Leben mit ihren Fans teilen? Eine Frage, die sich nach der Lektüre ihrer am 21. Februar 2019 erschienen Biografie Zwischen den Welten – Mein Weg auf die großen Opern­bühnen nicht eindeutig beant­worten lässt. Es ist sicher von allem etwas. Zumindest gewährt Garanča dem Leser durchaus private Blicke hinter die Kulissen des Opern­alltags und in ein von Reise- und Bühnen­stress beein­flusstes Privat­leben. Und fast auf den Tag genau vor 20 Jahren, nämlich am 13. Februar 1999, machte sich die junge Elīna mit dem Bus auf den Weg von Riga nach Meiningen, wo sie ihr erstes festes Engagement am dortigen Theater erhielt, mit grade mal 22 Jahren, und das, bevor sie ihr Gesangs­studium angeschlossen hatte.

Die vorlie­gende Biografie ist auch nicht ihre erste Lebens­be­schreibung, schon 2013 erschien im selben Verlag die Erstbio­grafie Wirklich wichtig sind die Schuhe, da war Garanča gerade mal 37 Jahre alt. Mit Zwischen den Welten legt Garanča nun eine erwei­terte und aktua­li­sierte Ausgabe ihrer Biografie vor, die von der Journa­listin Ida Metzger und dem Histo­riker Peter Dusek aufge­zeichnet wurde. Auf 255 Seiten im Klappen­bro­schur beschreibt die Sängerin in chrono­lo­gi­scher Reihen­folge ihren Lebensweg, vom großel­ter­lichen Bauernhof bis hin auf die größten Opern­bühnen der Welt. Garniert mit vielen Privat­fotos eröffnet sich so dem Opernfan ein selten gewährter Blick hinter die Kulissen und in den gewöhn­lichen Alltag. Das Foto, auf dem die kleine Elīna zu sehen ist, wie sie am offenen Sarg von ihrer geliebten Großmutter Nellija Abschied nimmt, sei hier stell­ver­tretend genannt. Überhaupt nehmen die unbeschwerte Kindheit in Riga, das musika­lische Elternhaus, die Prägung durch die Mutter, die ebenfalls Mezzo­so­pra­nistin und ihre erste Gesangs­leh­rerin war, und das einfache, aber unbeküm­merte Landleben auf dem Bauernhof der Großeltern in den ersten Kapiteln einen großen Raum ein. Es zeigt die Prägung, die Elīna Garanča in dieser Zeit erfahren hat, und wo die Basis für ihren heutigen Erfolg gelegt wurde. Sie selbst bezeichnet sich schon auf der ersten Seite als „intel­lek­tu­elles Bauern­mädchen“. Und vielleicht ist es diese Kombi­nation aus Intellekt und harter Arbeit, geerdet in der Einfachheit und Norma­lität einer großen bäuer­lichen Familie, die Elīna Garanča zu einer der Top-Opern­sän­ge­rinnen der heutigen Zeit geformt haben. Selbst­dis­ziplin, Strenge, aber auch die Liebe zur Natur und ihre große Neugier und Unbeküm­mertheit in jungen Jahren sind da die prägenden Eigen­schaften. Ein weiteres Kinderfoto auf dem Bauernhof trägt die treffende Bildun­ter­schrift: „Ich bin die beste melkende Sängerin“. Und trotz guter familiärer Voraus­set­zungen war der kometen­hafte Aufstieg weder vorpro­gram­miert noch so erwartbar. Immerhin schaffte sie es, 1998 beim inter­na­tio­nalen Hans-Gabor-Belvedere-Gesangs­wettwerb in Wien teilzu­nehmen und bis ins Semifinale unter die besten vierzig Sänge­rinnen zu kommen.

Es war Christine Mielitz, damals Inten­dantin des Südthü­rin­gi­schen Theaters Meiningen, die auf die junge Sängerin aufmerksam wurde und ihr ein erstes Engagement anbot mit dem Fokus auf die Rolle des Octavian im Rosen­ka­valier von Richard Strauss, der Liebha­ber­rolle für junge Mezzos schlechthin. Mit 2.900 DM im Monat war dieser Vertrag für die damalige Zeit schon sehr lukrativ dotiert. Garanča beschreibt diese erste große Reise, die sie gegen den Willen ihrer Mutter unternahm.

„Am 13. Februar 1999 stieg ich in Riga in den Bus nach Berlin. Nach 20 Stunden stieg ich beim Tiergarten aus und suchte die Zugver­bindung nach Meiningen. Damals musste ich viermal umsteigen. Ich hatte einen riesigen Koffer mit, der mit Lebens­mitteln für ein halbes Jahr vollge­stopft war – Brot, Maggi-Beutel­suppen, noch einige andere Sachen, ich wusste ja, dass ich mein erstes Gehalt erst am Ende des Monats bekommen würde. Ich hatte keine Ahnung, dass man sich das Gehalt auch im Voraus auszahlen lassen kann. Der Koffer wog fast 40 Kilo und ich schleppte ihn die Treppen hinauf und hinunter zu den Regio­nal­zügen. Am Abend des 14. Februar kam ich in Meiningen an und einen Tag später begannen die Proben. Ich war so erschöpft, dass ich kaum eine Flasche Wasser heben konnte, aber das war mir egal – Haupt­sache, ich konnte mein neues Leben beginnen.“

POINTS OF HONOR

Buchidee
Stil
Erkenntnis
Preis/​Leistung
Verar­beitung
Chat-Faktor

Diese Passage ist sympto­ma­tisch für die gesamte Biografie. Mit einfachen Worten, ohne Allüren und sehr boden­ständig, gepaart mit einer Spur Naivität und Ungeduld, so begegnen wir vor allem dem Menschen Elīna Garanča auf dem langen und beschwer­lichen Weg vom letti­schen Kuhstall bis hin zur Metro­po­litan Opera New York. Vom unbeküm­merten Debüt als Octavian bis hin zum Debüt als Lola in der Caval­leria Rusticana an der Wiener Staatsoper und ihrem inter­na­tio­nalen Durch­bruch als Charlotte in Massenets Werther 2005. Dann ging es Schlag auf Schlag, noch im selben Jahr debütierte die Sängerin bei den Salzburger Festspielen unter Nikolaus Harnon­court in der Rolle des Anno in Mozarts Oper La Clemenzia di Tito. Von diesem Moment an schien Garančas Karriere unauf­haltbar, und ein Erfolg reihte sich an den nächsten. Doch immer wieder meldet sich die zweifelnde Elīna zu Wort, die ihr Leben teils auch kritisch hinter­fragt. Schon im fünften Kapitel beschreibt sie die drei Elīnas, die sich in ihr vereinen.

„Es ist wichtig, an sich selbst zu glauben, eine eigene Vorstellung von seiner Stimme zu haben und um seine eigenen Grenzen zu wissen. Man sollte nicht nur seine Stärken, sondern auch seine Schwächen kennen. So würden manchen Sängern bittere Enttäu­schungen und nicht reali­sierte Karrie­re­träume erspart bleiben. Ich glaube sehr an das Schicksal, aber ich vertraue auch meinem Bauch­gefühl. Es sind drei ‚Elīnas‘, die mein Leben bestimmen – eine sitzt im Bauch, die zweite im Herzen und die dritte im Kopf. Bei wichtigen Entschei­dungen müssen alle drei einver­standen sein. Und ich habe schon viele Tage und vor allem Nächte erlebt, in denen sich die drei überhaupt nicht einig waren und heftige Kämpfe mitein­ander ausfochten.“

Mehrere Kapitel widmet Elīna Garančas ihrem Privat- und Famili­en­leben. Mit ihrem Mann, dem Dirigenten Karel Mark Chichon, und ihren zwei kleinen Töchtern versucht sie, den Spagat zwischen den Wohnsitzen in Riga, Malaga und Wien, den vielen Reisen zu Auffüh­rungen in die ganze Welt als erfolg­reiche Sängerin und das „gewöhn­liche Famili­en­leben“ als Frau und Mutter unter einen Hut zu bekommen. Dabei spricht sie ganz offen über die Kehrseite der Erfolgs­me­daille, über Einsamkeit und Trennung, über Krankheit und den ständigen Erfolgs­druck. Und auch hier lernen wir eine andere Elīna Garanča kennen, die zwar trotz mitunter fünf gleich­zeitig engagierten Nannys eine fürsor­gende Mutter ist, und die irgendwann auch erkannt hat, dass der Preis für diese Karriere auf Dauer zu hoch sein wird. Sie spricht über ihre Melan­cholie und ihre Ungeduld, ihre nach eigenen Worten größte Schwäche.

„Wenn ich bei den Proben eine Schwäche habe, dann ist es einzig meine Ungeduld, da geht öfters mein Tempe­rament mit mir durch. Ich mag es, wenn effektiv und ohne viel Getratsche und Diskus­sionen gearbeitet wird, und es kann durchaus sein, dass mir diese Ungeduld als Diven-Gehabe ausgelegt wird, aber meine Unfähigkeit, bei Proben ruhig und gelassen zu bleiben, hat nichts mit Allüren zu tun. Ich finde, sechs Wochen Probenzeit sind einfach unnötig. Das gibt Raum für zu lange Diskus­sionen, sinnloses Geplapper bei den Konzep­ti­ons­ge­sprächen. Manchmal habe ich das Gefühl, da wird alles zerredet, und nach drei Wochen Proben wird alles über Bord geworfen, und wir fangen wieder bei null an. In diesem Moment juckt es mich, und ich wurde am liebsten vor Ungeduld aufspringen und sagen: Okay, genug geredet, lasst uns endlich arbeiten!“

Natürlich muss man hier den Status, den Garanča sich mittler­weile erarbeitet hat, berück­sich­tigen; eine Sängerin, die keine inter­na­tionale Bedeutung hat und an einem kleineren Haus ein Engagement hat, wird sich hüten, diese sicher berech­tigte Proble­matik zu thema­ti­sieren. Aber Garanča ist offen und selbst­kri­tisch, auch mutig und fordernd zugleich, weil sie es sich auch leisten kann. So schreibt sie offen über ihre Diffe­renzen mit dem ehema­ligen Direktor der Wiener Staatsoper, Ioan Holender. Und sie packt auch Themen an, die in diesen Kreisen eher als Tabu gelten und vielleicht nur hinter vorge­hal­tener Hand unter Sänge­rinnen besprochen werden, wie beispiels­weise der Einfluss von weiblichen Hormonen und Schwan­ger­schaft auf die Stimme.

„Vor allem wir Frauen sind von vielen körper­lichen Umstel­lungen beein­flusst. Die ewigen Reisen, die zahlreichen Zeitum­stel­lungen verur­sachen einen perma­nenten Jetlag, der nicht selten unseren Hormon­haushalt auf den Kopf stellt. Die Schwan­ger­schaft stellt für eine Sängerin immer ein gewisses Risiko dar.

Dann gibt es natürlich noch den normalen Zyklus einer Frau, der einen enormen Einfluss auf die Elasti­zität der Stimm­bänder hat. Am Ende der Sänger­kar­riere einer Frau kommt dann noch die Menopause. Das alles sind in der Opernwelt nach wie vor Tabuthemen, die an gewissen Tagen die Stimm­qua­lität einer Sängerin beein­flussen. Eine Art Geiselhaft ist das berühmte prämen­struelle Syndrom, kurz auch PMS genannt. Kurz bevor frau ihre Menstruation bekommt, leidet sie an den Auswir­kungen von PMS. Welche Frau kennt das nicht – das äußert sich in Rücken­schmerzen, Kopf- oder Unter­leibs­schmerzen, Spannungs­ge­fühlen in der Brust, einer niedrigen Schmerz­grenze, Gereiztheit und Wasser­ein­la­ge­rungen im Körper. Bis heute kenne ich keine Sängerin, die je darüber offen gesprochen hat, obwohl wir alle – mal mehr, mal weniger – darunter leiden.“

Es ist bezeichnend für Elīna Garanča, auch derartige Themen offen anzusprechen, genauso wie sie freimütig zugibt, dass Bügeln für sie eine ideale Form des Stress­abbaus ist. Zum Ende der Biografie gibt es natürlich einen Ausblick in die Zukunft. Der Fachwechsel vom lyrischen Mezzo­sopran in das drama­tische Fach ist mittler­weile vollzogen. Nach großen Erfolgen als Carmen und als Santuzza in Pietro Mascagnis Caval­leria Rusticana und Eboli in Verdis Don Carlo hat sich Garanča neue Ziele gesetzt: die Rolle der Amneris in Verdis Aida. Diese Rolle sei für sie der Mount Everest, die Traum­rolle schlechthin, deret­wegen sie eigentlich Sängerin werden wollte. Noch hat sie keinen Rollen­vertrag, noch steht das Debüt in den Sternen. Doch so wie man die Sängerin in diesem Buch kennen­ge­lernt hat, wird sie auch diesen Berg besteigen, voraus­ge­setzt Gesundheit und Stimme machen in den kommenden Jahren mit.

Und noch eine Traum­rolle steht in ihrem Kalender. Mit der Partie der Kundry in Wagners Parsifal wird sie 2021 an der Wiener Staatsoper debütieren. Ein Ereignis, dem nicht nur einge­fleischte Garanča-Fans entge­gen­fiebern dürften.

Elīna Garanča schreibt in ihrer Biografie Zwischen den Welten unprä­tentiös und zuweilen sehr humorvoll nicht nur über die Stationen ihrer Karriere, sondern auch über die kleinen und größeren Sorgen und Nöte, die der Sänger­alltag so mit sich bringt, und über den Spagat zwischen einem Leben als erfolgs­ver­wöhnter Opernstar und dem Famili­en­leben mit Mann und Kinder, mit Haus und Garten. Auch ihr Verständnis von den jewei­ligen Rollen, die sie erarbeitet, eröffnet durchaus neue Sicht­weisen auf die Charaktere, insbe­sondere bei der Partie der Carmen. Viele Privat­fotos, vor allem aus der Kindheit, verleihen dem Buch schon fast einen intimen Einblick in das Gefühls­leben einer Frau, die von den Medien gerne als die „kühle Blonde“ darge­stellt wird. Im Anhang der Biografie finden sich neben ihren Auszeich­nungen eine Auflistung ihrer CD- und DVD-Einspie­lungen, für eine 42-jährige Sängerin mehr als beachtlich. Allein 38 CDs sind im Zeitraum von 2001 bis 2017 erschienen, und 17 DVD-Aufnahmen in den letzten 20 Jahren komplet­tieren die mediale Präsenz. Und das ist auch die Empfehlung bei der Lektüre dieses Buches: Einfach eine Aufnahme mit Elīna Garanča ins Abspiel­gerät, ein gutes Glas Rotwein, und das Buch liest man schnell und ohne Anstrengung in einem weg. Ein schönes Buch für alle, die hinter die Kulissen des Opern­alltags schauen wollen, und für Garanča-Fans ein absolutes Muss.

Andreas H. Hölscher, 24. Februar 2019

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