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Alle Vorwürfe gegen ihn seien ausgemachte Lügen, behauptete Robert King, der bis dahin als einer der hervorragendsten Dirigenten in England galt, vor Gericht. Das war anderer Überzeugung und überführte ihn der Taten in vierzehn Fällen sexueller Nötigung Jugendlicher in der Zeit von 1982 bis 1995. Drei Jahre und neun Monate musste der Musiker ins Gefängnis. Bei der Urteilsverkündung schien dem Richter allerdings ein Fehler zu unterlaufen. Weil der Musiker, der nicht nur Kinder in seine sexuelle Gewalt gebracht, sondern auch das Vertrauen der Eltern missbraucht hatte, inzwischen verheiratet war und eigene Kinder hatte, schloss Hazlett Colgan Wiederholungstaten aus und sprach kein Berufsverbot gegen King aus.
Geschändeten Kindern geht es nicht so sehr um Gefängnisstrafen und deren Dauer, auch wenn das auf den ersten Blick eine gewisse Genugtuung bietet. Sie sind meist mehr damit beschäftigt, mit dem sexuellen Missbrauch zu leben, weiterzuleben oder zu überleben. Möglicherweise gab es deshalb auch keine Revision des Urteils. In jedem Fall wünschen sich Missbrauchsopfer eines: Sie wollen ihrem Peiniger nie mehr begegnen.
King saß seine Strafe ab. Und bekanntlich sollen Kinderschänder in Gefängnissen keine allzu glückliche Zeit erleben. Damit sollte also allen Parteien Genüge getan sein. Wenn es denn nicht die übertriebene Geltungssucht des Dirigenten gäbe.
Neulich erschien die DVD Haendel – The Coronation of King George II. Ein Fest für Freunde der Alten Musik. Prinzipiell. Wird hier doch die Musik, die anlässlich der Krönungsfeierlichkeiten aufgeführt wurde, wieder zum Leben erweckt. Eine gute Idee. Doch schon bei den ersten Bildern gefriert der Atem. Am Dirigentenpult steht niemand anderes als Robert King. Darf er ja auch. Hat ja seine Gefängnisstrafe abgesessen. Und kein Berufsverbot bekommen. Es graust einen. Die Kirche (!) als Aufführungsort ist bis auf den letzten Platz besetzt. Orchester und Chor sind vollständig angetreten. Spätestens an dieser Stelle hat die Musik ihre Unschuld verloren.
Und nein, ein verurteilter, also überführter Kinderschänder, hat kein Recht auf die zweite Chance einer Karriere als Dirigent. Irgendwann muss Schluss sein. Die Strafe ist nicht abgebüßt, weil King aus dem Gefängnis entlassen wurde. Die ehemals misshandelten Kinder leiden weiter. Es ist eine Schuld, die nicht versiegt.
Müssen sich die geschändeten Kinder jetzt anschauen, wie ihr Peiniger auf DVD verewigt wird und Glanz und Gloria zelebriert? Eine vollbesetzte Kirche den „Maestro“ feiert, und Musiker spielen, als wäre nichts normaler auf der Welt? Wie sollen die misshandelten Kinder damit umgehen? Die DVD verschenken mit dem Hinweis: Das ist der, der mich alkoholisiert und mir dann den Schwanz in den Hintern gesteckt hat?
Diese DVD ist der absolute Tiefpunkt unserer gesellschaftlichen Entwicklung. Musik mag – vielleicht – unschuldig sein. Die Aufführenden sind es mit Sicherheit nicht. Wer sich jetzt gerade diese Scheibe ansehen will, um den Grusel zu empfinden, dass ein Kinderschänder am Dirigentenpult steht, wird enttäuscht sein. Unspektakulär, was er da leistet. Durchschnittsware allenfalls.
O‑Ton hat diese DVD zur Kenntnis genommen, morgen geht sie in den Müll. Weil wir uns auf die Seite der Opfer schlagen. Die leben und wollen irgendwann wieder in die Normalität zurück – und da ist kein Platz für einen Dirigenten, der nicht begreift, was er ihnen mit seinem Wirken angedeiht.
Michael S. Zerban