Theater spielen heilt

Der Theater- und Kultur­wis­sen­schaftler Gerd Franz Trieben­ecker hat sich in einem 224 Seiten starken Buch mit dem positiven Einfluss des Theaters auf psychische Störungen befasst. Seine Erkennt­nisse bezieht er aus Patienten-Inter­views, die auszugs­weise auch im Buch wieder­ge­geben sind. Horst Dichanz hat das Buch gelesen und besonders gefällt ihm, wie es dem Autor gelungen ist, schwierige analy­tische Zusam­men­hänge verständlich darzustellen. 

Gerd Franz Triebenecker - Foto © privat

Irre im Theater

Angesichts des provo­kanten Titels Theater spielen heilt – Insze­nieren in Psych­iatrie und Psycho­the­rapie ist es schon nützlich, eigentlich notwendig, dass Gerd Franz Trieben­ecker seinen umfang­reichen Projekt­be­richt über eine Zusam­men­arbeit des Kreis­dia­ko­ni­schen Werkes Stralsund, der foren­si­schen Psych­iatrie des Helios-Hanse­kli­nikums  und Theater­leuten mit einem knappen histo­ri­schen Rückblick beginnt. Ähnlich wie Harald J. Freyberger in einem kurzen Vorwort betont auch Trieben­ecker die histo­risch enge Beziehung zwischen thera­peu­ti­schem Handeln und theatralen Aktionen, deren Inten­tionen sich in der Schnitt­mende zwischen Theater und Psych­iatrie treffen. Trieben­eckers Buch soll „ein Plädoyer sein für wildes, sinnen­über­wäl­ti­genden Theater jenseits des Kunst­be­triebes Theater“. Mit Warstatt sieht er in beiden Bereichen „distan­zierte Geschwister“, die sich in der konkreten Lebens­si­tuation der Projekte in „thera­peu­ti­schen und sicher­heits­be­dingten Verhal­tens­weisen“ durch­dringen. Trieben­ecker orien­tiert sich theater­his­to­risch an Marquis de Sades Versuch, in der Klinik von Charenton nahe Paris in thera­peu­ti­scher Absicht mit „Irren“ ein Theater­stück öffentlich aufzuführen.

Schon die Kapitel­über­schriften verraten Grenz­gänge: Therapie und Theater – Theater und Therapie – Theater als Risiko. In kurzen Rückblicken und mit Bezug auf eine Studie von Gerda Baumbach erinnert der Autor an die „vielen Gemein­sam­keiten zwischen Medizin und Theater“, weist auf die „markt­schreie­ri­schen Vorläufer“ der Medizin und die „lieder­lichen älteren Brüder“ des Theaters hin, begreift „Heilen“ als Kommu­ni­kation, das sich ähnlich wie das Theater mit der Frage von Leben und Tod befasst –  überra­schende, zum Teil spannende Zusam­men­hänge, die streif­licht­ähnlich darauf hinweisen, dass sich Gesundheit und Krankheit „kulturell und zeitge­schichtlich verändern“  und sich in ihrer Effek­ti­vität nicht zählbar „messen“ lassen. Im Umgang mit der Krise und dem Skandal sieht Trieben­ecker die „substan­tielle Gemein­samkeit“ von Theater und Therapie. Während de Sade das Theater noch weitgehend als Methode zur Behandlung von Irren einsetzt, um „die Poten­tiale des Theaters“ zu nutzen, kommt es Trieben­ecker darauf an, dass das Theater den Ansatz als Therapie verlässt und an die Öffent­lichkeit geht. Nur dann kann der Patient in Distanz zu sich selbst treten und sein „festge­fah­renes Ich in Bewegung“ kommen.

Der Autor belegt viele Einschät­zungen und Analysen mit Origi­nal­zi­taten aus Patienten-Inter­views. Sie zeigen in vielen Details die „heilende Wirkung“ des Theater­spiels, sie bestä­tigen die sehr vorsichtige und kritische Nutzung der Inter­views durch den Autor, der dem Buch neun Inter­views in längeren Auszügen hinzufügt. Dadurch gibt er seinen Beschrei­bungen und Inter­pre­ta­tionen eine Authen­ti­zität, die in ihrer Direktheit, Genau­igkeit und Glaub­wür­digkeit angenehm überra­schen. Wenn dann einer der Teilnehmer respektive Patienten nach dem Ziel befragt antwortet, „etwas stolz auf mich selbst und von der Sache her auch auf den Gruppen­zu­sam­menhalt“ zu sein, ist das schon ein bemer­kens­werter „Erfolg“.

Trieben­ecker bedient sich einer genauen, unprä­ten­tiösen, gut lesbaren Sprache, die oft durch ihre Genau­igkeit und Origi­na­lität besticht. So spricht er vom „sinnen­über­wäl­tigen Theater“, inter­pre­tiert mit Volker Reinhardt die Romane des de Sade als „Experi­men­tier­anlage des Bösen“, spricht von den „markt­schreie­ri­schen Vorläufern“ der Medizin, sieht für Autor und Regisseur im Patienten den „Arbeits­mit­tel­punkt“ und nennt die Betrachtung der Kranken im Hospital von Bedlam ein „Sonntags­ver­gnügen der Bourgeoise der Rive Gauche“, unver­blümt und unmiss­ver­ständlich. Er betont, dass der Kranke, indem er nach eigenem Entschluss auf die Bühne tritt, zu sich selbst in ästhe­tische Distanz tritt und damit zum Akteur wird, der aus eigenem Entschluss den Schritt „aus der Therapie zum Theater in der Therapie“ tut. In der histo­ri­schen Entwicklung des Theater­spielens als Heilungs­ansatz sieht Trieben­ecker immer wieder eine Gratwan­derung „zwischen der skandal­su­chenden Zurschau­stellung und einem thera­peu­ti­schen Ansatz“. Er betont die einge­ordnete Stellung von Theater in der Therapie. „Bevor es gefällt, muss es nutzen.“ Und bei fast allen Inter­pre­ta­tionen und Schluss­fol­ge­rungen unter­streicht und prakti­ziert er, dass „die Grenzen selbst­ver­ständlich fließend sind“ und es immer wieder zu prozess­haften Wider­sprüchen kommen kann. Diese Spannung beleuchtet der Verfasser aus immer neuen Blick­winkeln und mit zahlreichen Inter­view­aus­schnitten. Hinsichtlich möglicher „Heilungs­er­folge“ argumen­tiert Trieben­ecker zurück­haltend und kontrol­liert. Theater­proben betrachtet er als „kommu­ni­ka­tives Ringen“. Theater öffentlich zu spielen ist das,  „was Theater so fruchtbar für Therapie macht“, wenn sich die Spieler selbst in Frage stellen. Patienten, die gleich­zeitig Schau­spieler werden, erfahren sich selbst als „eigenes Spiel­ma­terial“. Hinzu kommt, dass bei öffent­lichen Auffüh­rungen der Patient im Spiel mit dem Publikum in „ästhe­ti­scher Distanz“ gleich­zeitig einen Schutzraum empfindet. „Wer sich so selbst erfährt, erfährt anderes an sich.“ Auch diese Erfahrung kann sich krisenhaft entwi­ckeln, wenn der Patient sich mit seinen Verlet­zungen als „einge­froren“ wahrnimmt und im Theater­spielen die Grenzen zwischen dem Leben und der Kunst verschwimmen.

Trieben­eckers Buch ist keine leichte Kost, keine Unter­haltung. Sie setzt sowohl Kennt­nisse über den Theater­be­trieb als auch aus der Psych­iatrie voraus. Doch gelingt es dem Autor, schwierige analy­tische Zusam­men­hänge ebenso verständlich darzu­stellen wie konkret-realis­tische Problem­kon­stel­la­tionen bei Patienten nachvoll­ziehbar zu machen. Zwischen diesen beiden Polen ist eine äußerst spannende, aufklä­re­rische und weiter­füh­rende Arbeit entstanden.

Auch wenn Trieben­ecker das Theater in seinem Schluss­ka­pitel als „Risiko“ bezeichnet, bleibt seine Prognose für den Patienten „Theater“ positiv: „Mag die Kunstform Theater in seinen Zentren der letzten beiden Jahrhun­derte – den Stadt­theatern – kriseln, so ist es in allen anderen Bereichen stärker, vielfäl­tiger und vitaler geworden…“. Also bitte: Vorhang auf!

Horst Dichanz

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