The Next Billion Years

Robot Koch, Komponist und Produzent aus Berlin, der in Los Angeles lebt, hat ein Album veröf­fent­licht, das eine Mischung aus elektro­ni­scher und orches­traler Musik beinhaltet und die Idee vom kosmi­schen Bewusstsein verfolgt. Mit an Bord sind Dirigent Kristjan Järvi mit eigenem Orchester und Michael Le Goff. Horst Dichanz hat reingehört. 

Robot Koch - Foto © privat

Klangflächen und Rhythmuslinien

Wer die neue CD The Next Billion Years zur Hand nimmt, die Robot Koch im April 2020 auf dem im vergan­genen November von BMG gegrün­deten Label Modern Recor­dings veröf­fent­licht hat, wird gleich doppelt auf das besondere Unter­nehmen vorbe­reitet, das Koch produ­ziert hat: Zum einen ist die Hülle  des Albums mit abstrakten, grau-braun changie­renden, verfrem­deten  Nebeln oder Eiskris­tall­fi­guren dekoriert, zum anderen hat der Komponist seinen bürger­lichen Namen Robert in den CD-affinen Robot verwandelt und betont damit ein wesent­liches Merkmal der von ihm und einem kleinen Orchester im Studio produ­zierten CD. Koch liefert auf einem Beipack­zettel auch Hinweise auf sein Weltver­ständnis, das er gern zwischen Humanismus und Futurismus angesiedelt sehen möchte. Er bekennt, faszi­niert von Science-Fiction zu sein und möchte mit seiner Musik „die Grenzen des Bekannten und Möglichen“ erweitern. Mit dem Künstler Michael Le Goff will er sich auf eine „musika­lische Erkundung des Weltraums“ begeben und schafft dazu eine abstrakte Musik mit großflä­chigen Klang­farben und feinen, meist zurück genom­menen Rhythmuslinien.

Obwohl die insgesamt zwölf Einzel­stücke alle mit Realtiteln versehen sind, jeweils zwischen vier und sechs Minuten lang, wecken sie kaum analoge Assozia­tionen. Mit sphärisch-elektro­ni­schen Klängen, verfrem­deten Strei­cher­pas­sagen und sparsam einge­setzten Bassein­würfen beginnt Koch in dem Stück Manipura sein Albumg. Im zweiten Stück Liquid herrschen Trommeltöne vor. Harte Trommelrand-Schläge, rim clicks, lassen kaum Raum für harmo­nische Klänge, und im Stück All Forms are unstable sind Gliede­rungs­ele­mente nur schwer zu erkennen. Durch­lau­fende Arpeggien und Geräusch­schleier in der Kompo­sition Stars as Eyes erinnern besten­falls an Sternen­nebel, im Stück Nebula treibt ein harter beat das Tempo an, um von schwe­benden Klang­flächen abgelöst zu werden. Auch im Stück Dragonfly erklingen keine melodi­schen Linien oder Akkorde, flatternde Klang­flächen mit sphäri­schem Charakter werden immer wieder von harten beat-Einwürfen unter­brochen. In der Kompo­sition Hawk breitet Koch schwe­bende Klang­felder aus, die elektro­nisch verfremdet sind. Der zunächst im Hinter­grund gespielte Rhythmus tritt immer härter und lauter in den klang­lichen Vorder­grund. Im Stück Glow erklingen zunächst bläser­ähn­liche, melodische Klang­partien mit einer ostinaten Tonbe­gleitung, bevor sich ein sanfter beat und Dreiklang­va­ria­tionen dazu gesellen. Eher filigran arbeitet Koch in der Kompo­sition Post String theory, wenn er Schüt­tel­ge­räusche mit einfach Melodien und einge­wor­fenen piano-ähnlichen Einzel­tönen verbindet. Nach eigenen Worten verdankt Koch den Impuls zu seinen Kompo­si­tionen einem Vortrag des Unter­was­ser­for­schers Jacques-Yves Cousteau mit seinen Überle­gungen zum „Überleben unserer Spezies“, denen er voll zustimmt. Ihm widmet er das Stück Cousteau, in dem er einem elektro­nisch-flächigen Wabern eine leichte Schlag­werk­be­gleitung im Hinter­grund hinzu fügt. Wenn Particle Dance erklingt, kann sich der Hörer leicht bei durch­lau­fenden Trommeln und einer Bassdrum die optische und akustische Mischung vorstellen, die Koch hier in Klänge umzusetzen versucht. Auch im letzten Stück Kassel bleibt das Musika­lische auf verschach­telte Rhythmen, gelegentlich Gitar­ren­ein­würfe und eine rätsel­hafte Geräusch­ku­lisse beschränkt. Bei leichter Trommel­be­gleitung verschwinden langsam schwe­bende Klänge immer mehr im Diminuendo.

Koch arbeitet bei diesem Album mit dem Künstler Mickael Le Goff und dem estni­schen Dirigenten Kristjan Järvi und seinem Orchester zusammen, außerdem setzt er ein umfang­reiches elektro­ni­sches Equipment ein. Einen näheren Eindruck von seiner Arbeits­weise zeigt ein Dokumen­tarfilm auf YouTube.

Robot Koch hat ein Album produ­ziert, mit der er versucht, seine Zuhörer auf eine „erlebbare audio­vi­suelle Reise durch den Weltraum“ zu schicken. Wer sich den Sound­track von Stanley Kubricks 2001. Odyssee im Weltraum von 1968 anhört, wird feststellen, wie weitgehend sich die Digita­li­sierung der Musik und damit die Musik als Ganzes verändert haben und um wie vieles bunter, varia­ti­ons­reicher und selbstän­diger diese „digitale Musik“ geworden ist. – Ob die „Idee von kosmi­schem Bewusstsein“ der Musik einen neuen, einen digitalen „Klassiker“ hervor­ge­bracht hat, ist noch nicht klar. Und ob die Aufnahmen Kochs Grund­frage beant­worten, „wie die Zukunft aussehen könnte“, werden die Zuhörer ohnehin für sich entscheiden.

Horst Dichanz

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