Metropole Ruhr

Fehlende Sicht­barkeit entwi­ckelt sich allmählich zum größten Problem gerade für Solo-Künstler. Der Regio­nal­verband Ruhr bietet Corona-gebeu­telten Künstlern des Ruhrge­biets mit dem Magazin Metropole Ruhr eine bescheidene, aber attraktive Plattform. Pedro Obiera hat in das Blatt hineingeschaut. 

„Kultur – Gerade jetzt!“

Mehr als 10.000 Künstler aller Sparten kämpfen allein im Ruhrgebiet zum großen Teil nicht nur seit Monaten um ihre Existenz. Es droht auch die Gefahr, angesichts wegge­bro­chener Darstel­lungs­mög­lich­keiten, in Verges­senheit zu geraten. Schrift­steller konnten zwar schreiben, aber nicht auf Lesereisen gehen, Musiker üben und kompo­nieren, sich aber nicht live dem Publikum widmen, Maler malen, aber keine Ausstel­lungen ausrichten. Schau­spieler konnten und können oft nicht einmal proben und auch die Arbeits­be­din­gungen und Vorfüh­rungs­mög­lich­keiten der Filme­macher sind stark eingeschränkt.

„Kultur – Gerade jetzt“: Das Motto der zweiten diesjäh­rigen Ausgabe des Magazins Metropole Ruhr, heraus­ge­geben vom Regio­nal­verband Ruhr, möchte daran erinnern, welch pulsie­rende Kultur­land­schaft das Ruhrgebiet mit seinen über fünf Millionen Einwohnern auch außerhalb der großen etablierten Theater, Opern­häuser, Museen und großen Festivals zu bieten hat. Das 32-seitige Heft will sich nicht nur als Zeitschrift verstanden wissen, sondern als „Ersatz­bühne“ für die brach­lie­gende Live-Kultur. Verbunden mit der Absicht, „sich auf andere Formen als das Bekannte einzu­lassen“, wie Olaf Kröck, der Intendant der Ruhrfest­spiele, bei der Presse­prä­sen­tation des Hefts bemerkte. Wobei er nach eigenen Erfah­rungen eine große Bereit­schaft bei Künstlern und Konsu­menten erfahren haben will, auch neue Wege beschreiten zu wollen.

Print-Medien wie Metropole Ruhr könnten nach Ansicht von Karola Geiß-Netthöfel, RVR-Regio­nal­di­rek­torin des Regio­nal­ver­bands Ruhr, zu diesen „anderen Formen“ gezählt werden. Denn das Heft wurde ausschließlich von 34 Künstlern des Reviers aus allen Sparten selbst gestaltet. Wobei das Corona-Thema natürlich eine zentrale Rolle spielt. In den Händen hält man kein Hochglanz­produkt wie das erste Heft aus Anlass des 100-jährigen Bestehens des Regio­nal­ver­bands, sondern eine optisch, stilis­tisch und inhaltlich denkbar bunt gemischte Revue unter­schied­licher Umgangs­formen mit dem Thema. Die Duisburger Lyrikerin Lütfiye Güzel, vor drei Jahren mit dem Litera­tur­preis Ruhr ausge­zeichnet, schildert, wie sie im Lockdown begonnen hat, aus den vielen gesta­pelten Zeitungen auf ihrem Tisch Gedichte zusam­men­zu­schneiden und zu einer marxloh­montage zu montieren. Das Künst­lerpaar Senem Gökce Ogultekin und Levent Duran aus Essen stellt sein während des Lockdowns entstan­denes experi­men­telles Video­projekt zum Zustand des „Zusamen­ge­packt-Seins“ in der Familie vor. Ein Künst­ler­quartett aus Unna stellte eine Foto-Galerie von Gesichtern mit Schutz­masken zusammen, die sie im Mai und Juni in der Unnaer Innen­stadt ausstellten. Wobei die Künstler ihren künst­le­ri­schen Horizont erwei­terten, indem sie Pinsel und Meißel mit dem Fotoap­parat tauschen mussten.

Das Heft präsen­tiert sich insgesamt wie eine kleine Ausstellung, die auch den Anspruch erfüllt, das hohe und vitale Niveau der Ruhrpott-Szene kompri­miert wider­zu­spiegeln. Was aller­dings nur Sinn machte, wenn auch weiteren Künstlern die Möglichkeit zur Selbst­dar­stellung geboten würde. Was nach Meinung von Geiß-Netthöfel wünschenswert, aber nur mit Sponsoren durch­führbar wäre. Denn der Regio­nal­verband Ruhr hat durch die Pandemie selbst einen Verlust von über einer Milliarde Euro zu verkraften.

Die Beiträge zeigen mehr oder weniger ausge­prägt und deutlich durchaus Wege für neue Präsen­ta­ti­ons­formen auf, die auch in „gesün­deren“ Zeiten weiter­ent­wi­ckelt werden könnten. Von beson­derer Bedeutung ist dabei die Öffnung nach außen, die Erschließung neuer Auffüh­rungs- und Ausstel­lungs­stätten, der direktere Kontakt zum Menschen. Die feste Bindung der Kultur an feste Insti­tu­tionen wie Theater und Museen macht sie in Krisen­zeiten erheblich verletz­licher als eine Kultur­szene, die sich flexibler präsen­tiert. Was auch die subven­tio­nierten Kultur­ein­rich­tungen zu neuen Formen anregen könnte.

Die aktuellen wirtschaft­lichen Einbußen der Künstler kann Metropole Ruhr natürlich nicht auffangen, auch wenn die Beiträge honoriert wurden. Auch kann dieses Format den Erleb­niswert der Live-Kultur ebenso wenig ersetzen wie Video-Streams. Berei­chern kann es unsere Landschaft mit Sicherheit.

Das Magazin kann man hier herun­ter­laden oder als Druck­version bestellen.

Pedro Obiera

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