O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Das Ruhrgebiet

Auf rund 140 Seiten nimmt Wolfram Eilen­berger die Menschen mit auf die Identi­täts­suche eines Gebiets, das einige gern als Metropole Ruhr sähen, das aber doch nicht mehr ist als die Ansammlung von 53 Städten, in denen die Menschen ihre Vergan­genheit verklären und intensiv nach einer Zukunft suchen. Horst Dichanz hat sich bei der Lektüre köstlich amüsiert. 

Wolfram Eilenberger - Foto © Michael Heck

„Hömma, somma nomma?“

Wenn sich Ruhris irgendwo außerhalb des Ruhrge­bietes treffen, verstehen sie sich blind: Hör mal, sollen wir noch einmal? Dabei ist nirgendwo festgelegt, wo denn das Ruhrgebiet liegt, wie groß es ist, was dazu gehört … Wolfram Eilen­berger spricht vom „männlich beinhe­benden Revier“ oder dem „zärtlich eigen-depri­vie­renden Pott“ und stellt zur neuen Namens­findung „Metropole Ruhr“ fest: „Auf keiner Karte dieser Welt verzeichnet, in keiner Verwal­tungs­datei vermerkt, in keinem als solche erwähnt … ein klassi­scher Nicht-Ort.“ Zu diesem Nicht-Ort unter­nimmt Eilen­berger umfang­reiche Litera­tur­re­cherchen und begibt sich, gefördert von der Brost-Stiftung, die „nützlich sein (will) für eine gute Zukunft des Ruhrge­biets“, auf Erkun­dungs­reise durch die Metropole Ruhr. Auf seiner Litera­tur­liste finden sich zahlreiche Ruhr-Klassiker wie Heinrich Böll, Fotografien von Charges­heimer, Erika Runge und Frank Goosen, um nur einige zu nennen. Seine Eindrücke und Erkennt­nisse fasst er zusammen in  dem Begriffspaar Verwur­zelung und Entwur­zelung.

Eilen­berger konzen­triert sich auf die Zeit von 1966 bis heute, um das Gebiet zwischen Dortmund, Bochum, Essen, Oberhausen und Duisburg zu charak­te­ri­sieren. Die inzwi­schen „umgetaufte“ Metropole Ruhr ist sozio­lo­gisch durchaus ein Schwer­ge­wicht: Mehr als fünf Millionen Menschen verteilen sich auf 53 Städte, darunter so merkwürdige Namen wie Bottrop, Castrop-Rauxel, Herne, Moers. Ein beliebter Geck im Ruhrgebiet: Weiss se, wie Wanne-Eickel auf Griechisch heißt? … Is doch klaa: Castrop-Rauxel.

In einer bemer­kenswert anschau­lichen Sprache mit fanta­sie­vollen Wortschöp­fungen wie etwa der „schwarzen, leicht schim­mernden Aura des Ruhrge­bietes“ oder dem Fußball als „Kit der Genera­tionen“, als „Identi­täts­anker des Reviers“ muss der Leser vieles erst entschlüsseln, wenn Eilen­berger etwa vom „Tagewerk unter den Bedin­gungen der dunkelsten Nacht“ oder von einer Lebensform spricht, die zu „roman­ti­scher Dauer­ver­klärung ebenso einlud wie zu revolu­tio­närem Sozial-Aktivismus“. Er spricht – durchaus realis­tisch – von einer Welt, in der sich Fördern und Ausbeuten bis zur Unkennt­lichkeit überlappen. Er nimmt den Leser gemeinsam mit dem Bergmann Ch. von der Zeche Möller/​Rheinbaban mit in eine „inhumane Region“, die „aus Menschen Arbeits­sklaven“ macht. Die Bergleute, die Eilen­berger nur ausnahms­weise mal Kumpel nennt, bekommen mit ihrer „Lohntüte im Kopf die Krankheit der Entwur­zelung am akutesten zu spüren“.

Ihm ist schon früh klar, dass es trotz des neuesten, inter­na­tional überle­genen techni­schen Standes „für die Kohle­för­derung an der Ruhr keine Gewinn­per­spektive mehr“ gibt. Er sieht mit Erika Runge in ihren Bottroper Proto­kollen kommen, dass „das gesamte Ruhrgebiet ein Schlaf­gebiet wird“, für die damaligen Bergleute und unsere heutige Betrachtung kaum vorstellbar. Manchem Kumpel wie beispiels­weise dem Kollegen Ch. auf einer Betriebs­ver­sammlung in Bottrop war klar, Regierung und Politiker müssen „dem ganzen Ruhrgebiet wieder eine neue Lebens­auf­fassung“ geben.

Dass wir heute, gut 60 Jahre später, weiter sind und die Menschen im Ruhrgebiet tatsächlich eine „neue Lebens­auf­fassung“ gefunden haben, kann Eilen­berger an anderer Stelle mit Erstaunen und Bewun­derung feststellen: das Ruhrgebiet – ein Kultur­zentrum. Um diesen Wandel, diese Leistung festzu­stellen, braucht man nur Namen wie die Ruhrfest­spiele, den Landschaftspark Duisburg, die Jahrhun­dert­halle in Bochum, das MKM – Küppers­mühle-Museum oder den Skulp­tu­ren­garten in Duisburg zu erwähnen. Wo findet man sonst auf dem Gelände früherer Indus­trie­brachen – von einigen Großstädten abgesehen – eine solche Konzen­tration von Theatern, Musik­sälen und Orchestern wie im Ruhrgebiet? Welches Bundesland kann eine solche Dichte von Univer­si­täten und Hochschulen aufweisen wie das Ruhrgebiet? Eilen­berger sieht aber auch, dass neben den vielfäl­tigen Kultur‑, Ausflugs- und Natur­an­ge­boten in den Lebens­qua­li­täts­ran­kings der Republik … eine Phalanx der Abgeschla­genen, „mit Gelsen­kirchen als verläss­lichem Träger der roten Laterne“ existiert. Simone Weil, Erika Runge und Heinrich Böll haben sich mit der Entwur­zelung der arbeitslos gewor­denen Bergleute intensiv befasst. Auch andere Merkwür­dig­keiten fallen Böll auf, wenn er das Ruhrgebiet als „schwarz von Kohlen­staub, grau von Gesteins­staub, eine Welt ohne Frauen“ beschreibt. Eilen­bergers Detail­be­ob­ach­tungen sind ebenso genau und originell wie seine zusam­men­fas­senden Begriffe: Das Ruhrgebiet ist für ihn „der wahr gewordene Entwur­ze­lungs-Albtraum der indus­tria­li­sierten Moderne als fossiler Kapita­lismus“. Mit Böll überreicht er den Kumpels im Ruhrgebiet einen beson­deren Blumen­strauß und verortet südlich der A40 einen „nostal­gisch getränkten Ruhrpottkult“ im bürger­lichen Milieu, der sogar mit dem WDR 2 einen eigenen Sender besitzt, der zuver­lässig „anglo­phonen Poppmüll“ auf den Pott rieseln lässt. Er spricht von den Solida­ri­täts­an­for­de­rungen unter Tage. „Nirgendwo sonst in Deutschland sind die Menschen so nüchtern, herzlich, einfach und schlag­fertig.“ Die Maßstäbe, mit denen das Ruhrgebiet zu messen wäre, gebe es noch nicht. Da ist noch viel mit den Kollegen zu „bekakeln“ So, wie Herbert Gröne­meyer, der Kerl aus Bochum fragt „Oh Willi, wat is mit dir? Trinkste noch ´n Bier?“

Beispielhaft für die „identi­täts­feste Verwur­zelung; getragen und fundiert von der arbeits­be­stimmten Lebensform des Bergmanns oder eben Kumpels“ haben die Menschen im Ruhrgebiet ein unver­wech­sel­bares Selbst­be­wusstsein entwi­ckelt. Der Autor sieht darin „eine heroisch konno­tierte Männlichkeit“. Das „Glück auf!“ wird im Ruhrgebiet zum Alltagsgruß.

Da ist die Rede von der Büdchen­kultur, dem Loft statt der Maloche, dem Weltniveau des Bochumer Schau­spiel­hauses und dem Fußball, nie Weltniveau, aber immer geliebt. Gemeinsam mit dem Ruhrge­biets­jour­na­listen Christoph Amend schwelgt Eilen­berger in roman­ti­schen Erinne­rungen. Anstelle der aufge­bla­senen Kommentare von „Heuschre­cken­schwärmen von Kultur­trägern“ beant­worten sie die alltäglich Frage „Wat is mit dir?“ und sehen in dem Erinne­rungsort Zeche Zollverein ein „rostbraunes Riesen­ab­len­kungs­ma­növer“. Hier entdecken Biermann und Eilen­berger etwa seit 1997 den zweiten, entschei­denden „Identi­täts­schub“ des Reviers mit dem Höhepunkt 2010 und dem Jahres­event der Europäi­schen Kulturhauptstadt.

In der klassi­schen Ruhrge­biets-Literatur bei Böll, Biermann, Goosen, Rothmann und Runge findet Eilen­berger aktuelle „Spiel­arten senti­men­taler Selbst­be­stimmung der Ruhr“, die eine neue Lebens­auf­fassung des Ruhrge­biets andeuten, gekenn­zeichnet durch eine „Schre­ber­garten-Welt mit Sport­platz, Zeche und Pommes-Bude.“ Eilen­berger geht auf Konflikte ein, die er wie andere Kinder in der Zechenwelt der Eltern aushalten musste, bis hin zu der Erfahrung, als sein Vater im Schacht von einem Gesteins­brocken erschlagen wird – undra­ma­tisch, kühl, authen­tisch. Am Beispiel Herne beschreibt er mit Biermann die Rolle des Fußballs im Ruhrgebiet, wo irgendwo hundert Meter unter dem Stadion einer der vielen tausend Stollen, der Wurmgänge des Goldenen Zeitalters der Kohle“ Teile dieser Stadt abgesackt sind. Wie mit Ganoven umzugehen ist, macht der „Testo­steron-Kommissar Schimanski“ klar, und den Enkeln der Generation „Maloche“ wird der Spruch zugeschrieben: „Woanders ist auch Scheiße“. Ob eigene Beobach­tungen oder Ergeb­nisse seiner Litera­tur­re­cherchen, Eilen­berger bleibt genau, authen­tisch und originell. Er akzep­tiert, dass sich das Ruhrgebiet „das Recht erarbeitet, sich hemmungslos zu stili­sieren.“  Kein Wunder, dass sie wieder­holen: “Nä, schön ist das nich. Abba meins!“

Eilen­berger belässt es nicht bei dem Blick zurück. Richtig Spaß machen die Zukunfts­vi­sionen, seine Fantasien, die er sich im Schluss­ka­pitel einfallen lässt, wenn er von dem „greisen Herbert Gröne­meyer in buddhis­ti­scher Mönchs­kutte seine Karriere mit Curry­to­fu­wurst“ beendet. „Sach einer, dat Ruhrgebiet hätte keine Fantasie …“ – im Hinter­grund erklingt ganz verhalten „Glück auf, Glück auf, der Steiger …“

Horst Dichanz

Teilen Sie O-Ton mit anderen: