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Mozarts erste Liebe

Wolfgang Amadeus Mozarts verliebte Briefe an seine Cousine Marianne, die berühmten „Bäsle-Briefe“, überra­schen durch ihre Derbheit und teilweise vulgäre Sprache. Martha Schad hat diese Briefe in einem 96 Seiten umfas­senden Büchlein zusam­men­ge­tragen und kommen­tiert. Andreas H. Hölscher hat sie gelesen und sich bei der Lektüre so manches Schmunzeln nicht verkneifen können. 

Martha Schad - Foto © privat

Erste Liebe

Augsburg ist allgemein bekannt als „Fugger-Stadt“. Doch Augsburg ist auch die deutsche „Mozart­stadt“. Hier wurde Wolfgang Amadeus Mozarts Vater Leopold geboren, und auch wenn Wolfgang Amadeus in Salzburg geboren wurde, sein Vater Leopold hielt seine Bezie­hungen zu Augsburg immer frisch. Augsburgs einstiger Kultur­re­ferent und Bürger­meister Ludwig Wegele, ab 1962 auch Präsident der Deutschen Mozart-Gesell­schaft, veröf­fent­lichte 1965 einen Essay über den Lebenslauf von Marianne Thekla Mozart, die längst als das „Augsburger Bäsle“ in die Literatur einge­gangen war. Die Histo­ri­kerin Martha Schad hat 2004 dieses Büchlein neu aufgelegt, aktua­li­siert und um die Briefe ergänzt, aus denen bisher nur zitiert wurde. Erhalten sind aller­dings leider nur die Briefe, die Wolfgang Amadeus an seine Augsburger Cousine schrieb, die Briefe an ihn sind leider nicht mehr vorhanden. Das vorlie­gende Büchlein, ein Kleinod in der fast unüber­schau­baren Literatur über Mozart, ist die Zweit­auflage von 2016. Martha Schad hat aber nicht nur die „Bäsle-Briefe“ editiert, sondern auch im Anhang ausführlich kommen­tiert und teilweise erklärt, denn das Lesen der deutschen Sprache des 18. Jahrhun­derts und Mozarts manchmal sehr eigen­willige Wort- und Satzkrea­tionen erfordern schon etwas Konzen­tration und Durch­hal­te­ver­mögen. Schad zeichnet aber über die Episode der Briefe auch den weiteren Lebensweg der Marianne Thekla Mozart auf, einer Frau, die zwar nicht zu den Berühmt­heiten ihrer Zeit gehörte, jedoch aus dem Lebenslauf Mozarts nicht einfach gestrichen werden kann. Martha Schad studierte zwischen 1980 und 1985 Geschichte und Kunst­ge­schichte an der Univer­sität Augsburg und schloss mit ihrer Disser­tation Die Frauen des Hauses Fugger von der Lilie ab. Viele ihrer Werke wurden als Grundlage für eine filmische Darstellung verwendet und in bisher 16 Sprachen übersetzt. Sie ist Mitglied der Münchner Turmschreiber und Ehren­vor­sit­zende des Richard-Wagner-Verbandes Augsburg. Von 2001 bis 2014 war sie ehren­amt­liche Heimat­pfle­gerin der Stadt Augsburg für kultu­relle Angele­gen­heiten. Ihr ist es auch zu verdanken, dass an dem ehema­ligen Wohnhaus in der Jesui­ten­gasse 26 in Augsburg 2009 ein Bronze­relief von Maria Anna Thekla Mozart, gestaltet von der Malerin und Bildhauerin Ulla M. Scholl, angebracht wurde. Neben den „Bäsle-Briefen“ enthält dieses Buch auch noch ein kleines Kapitel über Mozarts Begegnung mit dem musika­li­schen „Augsburger Wunderkind“ Nanette Stein. Gestaltet ist das Büchlein sehr liebevoll mit Illus­tra­tionen von Eva Klotz-Reill.

Für Wolfgang Amadeus ist Augsburg auch der Beginn seiner ersten Liebe zu seiner Cousine Marianne Thekla Mozart, bekannt in der Literatur als das „Augsburger Bäsle“ Marianne, eigentlich Maria Anna Thekla Mozart. Sie wurde am 25. September 1758 in Augsburg in der Jesui­ten­gasse 26 geboren und war somit knapp drei Jahre jünger als ihr Vetter Wolfgang Amadeus. Ihre Eltern sind Franz Aloys Mozart, ein jüngerer Bruder von Leopold Mozart, und Maria Viktoria, geb. Eschenbach. Die erste Begegnung Mariannes mit Wolfgang Amadeus Mozart in Augsburg ist datiert auf das Jahr 1763 im Zeitraum vom 22. Juni bis 6. Juli. Die Mozarts stiegen damals im heutigen Hotel „Maximi­lians“, dem ehema­ligen Hotel „Drei Mohren“ ab. Der „Augsbur­gische Intel­li­genz­zettel“ hat das Ereignis wie folgt festge­halten: „Herr Muzard mit Frau kommen per Posta von München, logieren ›Zu den drey Mohren‹.“ Wolfgang war sieben Jahre alt und gab mit seiner fünf Jahre älteren Schwester Maria Anna, genannt Nannerl, drei gefeierte Konzerte in Augsburg. Seine Cousine Marianne war da gerade mal vier Jahre alt und natürlich noch nicht im Blickfeld des Wunder­kindes. Das sollte 14 Jahre später aber ganz anders sein. Am 11. Oktober 1777 kam der 21-jährige Wolfgang Amadeus Mozart auf seiner Reise nach Paris sogar für zwei Wochen nach Augsburg. Marianne Thekla Mozart, das „Augsburger Bäsle“, begleitet ihren Vetter bei den meisten seiner Unternehmungen.

Zwischen beiden entspann sich eine kleine Romanze. Von der Verliebtheit des jungen Mozarts in seine Cousine zeugen die „Bäsle-Briefe“, die lange Zeit wegen ihrer Direktheit, ihrer drasti­schen und oft derben Sprache nur auszugs­weise veröf­fent­licht wurden. Wolfgangs Vater Leopold hatte natürlich deutliche Einwände gegen die sich anbah­nende Liaison, was der rege Brief­wechsel zwischen Wolfgang und seinem Vater bezeugt, der in diesem Büchlein ebenfalls teilweise zu lesen ist und im Kontext zu den Ambitionen, die Leopold für seinen Sohn hatte sowie der gesell­schaft­lichen Konven­tionen dieser Zeit geschuldet ist.

Inter­essant zu lesen ist, wie der Stil der Briefe sich im Laufe eines Zeitraums von gut vier Jahren immer wieder verändert. Zunächst höflich konven­tionell, dann immer derber, um am Ende wieder formell und distan­ziert zu wirken, insbe­sondere, wenn er mit franzö­si­schen Phrasen durch­setzt ist. Ein typisches Exemplar ist ein Brief Wolfgangs an Marianne, datiert vom 3. Dezember 1777 in Mannheim. Da schreibt er:

Ma très chère Cousine! Bevor ich Ihnen schreibe, muß ich aufs Häusl gehen – - ‑ietzt ist’s vorbey! ach! – - nun ist mir wieder leichter ums Herz! – jetzt ist mir ein Stein vom Herzen – nun kann ich doch wieder schmausen! – nu, nu, wenn man sich halt ausge­leert hat, ist’s noch so gut leben. 

Im weiteren Verlauf des Briefes lässt sich Mozart über seine weiteren Pläne aus, teilweise springt er thema­tisch etwas konfus hin und her, um dann auf rustikale Art zu schließen:

An alle gute Freund und Freun­dinnen von uns beyden einen ganzen Arsch voll Empfeh­lungen. An Dero Eltern steht es Pag. 3 Zeile 12. Nun weiß ich nichts mehr Neues, als daß eine alte Kuh einen neuen Dreck geschißen hat; und hiermit addieu Anna Maria Schlos­serin geborne Schlüs­sel­ma­cherin. Leben Sie halt recht wohl und haben Sie mich immer lieb; schreiben Sie mir bald, denn es ist gar kalt; halten Sie ihr Versprechen, sonst muß ich mich brechen. addieu, mon Dieu, ich küsse Sie tausendmal und bin knall und fall: Mannheim ohne Schleim, den 3 ten Decembr, heut ist nicht Quatembr: 1777 zur nächt­lichen Zeit, von nun an bis in Ewigkeit Amen. Ma très chère Cousine waren Sie nie zu Berlin? Der aufrichtige wahre Vetter bei schönem und wilden Wetter: W. A. Mozart. S: scheißen: das ist hart.“ 

Dieser Schreibstil ist natürlich gewöh­nungs­be­dürftig, denkt man bei Mozart doch vor allem an seine schön­geis­tigen Werke. Sollte der Komponist so wunder­ba­rerer Opern, Sinfonien und Klavier­kon­zerte und vieles mehr in Wirklichkeit ein roher, derber Kerl ohne Anstand gewesen sein? Fakt ist, dass Mozart sich gern über viele Dinge lustig machte und dann zu eigen­ar­tigen Wortkrea­tionen griff. Und wenn er sich über etwas aufregte oder verärgert war, dann war seine Wortwahl bisweilen schon sehr vulgär. Doch die Korre­spondenz mit seiner Cousine ist nicht nur humorvoll zu lesen, sie ist vor allem ein belebtes Zeitzeugnis und ein nicht unwich­tiger Abschnitt in Mozarts Leben. Das Büchlein ist, auch wenn es schon länger auf dem Markt ist, ein Kleinod, nicht nur für Mozart­freunde inter­essant, und dazu wunderbar als kleines Geschenk geeignet. 

Andreas H. Hölscher

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