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Cosima Wagner

Sabine Zurmühls Biografie über Cosima Wagner beleuchtet das kompli­zierte Verhältnis zu den drei wichtigsten Männern in ihrem Leben: Dem Vater Franz Liszt und ihren beiden Ehemännern Hans von Bülow und Richard Wagner. Andreas H. Hölscher hat das Buch gelesen und die „Grals­hü­terin“ und „Herrscherin des Hügels“ von einer ganz neuen Seite kennengelernt. 

Sabine Zurmühl - Foto © Stephan Herbert Fuchs

Das ganze Wahnfried

Du bist alles, das ganze Wahnfried bist du, und ich dein Wahnfritz.“ Diesen Ausspruch Richard Wagners notierte seine Frau Cosima am 19. März 1878 in ihrem Tagebuch. Das ganze Wahnfried, nur einer von unzäh­ligen, zum Teil drolligen Kosenamen, die Richard für Cosima erfand. Sie ist „sein gutes Bewußtsein“, seine „Lebens­spen­derin“, seine „Mater Gloriosa und Mater Amorosa“. „Das ganze Wahnfried“ charak­te­ri­siert aber in einem Namen die heraus­ra­gende Bedeutung, die Cosima Wagner, geborene Liszt, verhei­ratete von Bülow, auf Richard Wagner, auf sein Leben und sein Schaffen und nicht zuletzt auf sein Vermächtnis bis heute gehabt hat. Eine neue Biografie über Cosima Wagner von Sabine Zurmühl trägt den Unter­titel „Ein wider­sprüch­liches Leben“. Und das Buch beginnt, quasi die Ouvertüre, mit der Aufzählung von 50 (!) Liebes­namen, die Richard Wagner im Laufe ihrer Beziehung für seine Cosima gefunden oder erfunden hat. Ein ungewöhn­licher Beginn für ein ungewöhn­liches Buch, denn diese Biografie wirft in vielen Bereichen ein neues Licht auf die „Meisterin“ oder die „Grals­hü­terin“, wie sie vor allem nach dem Tode Richard Wagners im künst­le­ri­schen Umfeld der Bayreuther Festspiele mit großer Ehrfurcht genannt wurde. Die letzte Biografie über Cosima Wagner erschien 2007, Oliver Hilmes hat sie als „Herrin des Hügels“ bezeichnet, seine Biografie folgt dem klassi­schen chrono­lo­gi­schen Ansatz von der Geburt bis zum Tod, und Hilmes arbeitet sich vor allem am Antise­mi­tismus Cosimas ab und an einer fast devoten Dienerin des „großen Meisters.“ Es ist ein sehr einseitig gezeich­netes Bild, auch wenn Hilmes umfang­reich recher­chiert hat, was die ausführ­lichen Quellen­an­gaben belegen. Da Cosimas Tagebücher erst Mitte der Siebziger Jahre des letzten Jahrhun­derts veröf­fent­licht werden durften, war ein umfang­reicher Blick in das Leben von Cosima und Richard Wagner ab dem 1. Januar 1869, dem Beginn der Tagebuch­auf­zeich­nungen, erst hundert Jahre später möglich.

Die Autorin der neuen Cosima-Wagner-Biografie, Sabine Zurmühl wurde 1947 geboren als Nachkriegskind im zerbombten Berlin, das Studium der Germa­nistik, Romanistik und Theater­wis­sen­schaft schloss sie an der Freien Univer­sität Berlin ab. Als freie Autorin, Kriti­kerin und Filme­ma­cherin war sie für Zeitungen, Hörfunk und Fernsehen tätig. Sie war Mitbe­grün­derin der Zeitschrift Courage, einer feminis­ti­schen Zeitschrift, die von 1976 bis 1984 in West-Berlin erschien und ab 1978 unter dem geänderten Titel Aktuelle Frauen­zeitung fungierte. Die selbst­ver­waltete autonome Courage galt als Sprachrohr und Kommu­ni­ka­ti­ons­plattform der autonomen links-feminis­ti­schen Szene in der Bundes­re­publik Deutschland und Berlin, verstand sich als politische, linke Alter­native zur Emma und spielte damit für die westdeutsche Frauen­be­wegung jener Jahre eine besondere Rolle. Sie griff Themen auf, die im gesell­schaft­lichen Klima der damaligen Zeit als äußerst heikel galten, und machte den angespro­chenen Frauen Mut, ein selbst­be­stimmtes Leben zu führen.

Des Weiteren hat Sabine Zurmühl diverse Bücher veröf­fent­licht, darunter 1984 das Wagner-Buch Leuch­tende Liebe – Lachender Tod: Zum Tochter-Mythos Brünn­hilde sowie die Antho­logie In den Trümmern der eigenen Welt über Wagners Ring des Nibelungen. Darüber hinaus ist Zurmühl seit über 25 Jahren als Media­torin tätig. Nun könnte man meinen, eine Autorin mit diesem Hinter­grund schreibt jetzt die Cosima-Wagner-Biografie als feminis­ti­schen Gegen­entwurf zu Oliver Hilmes männlicher Sicht­weise der so bedeu­tenden musik- und kunst­his­to­ri­schen Frau und hebt sie als Vorrei­terin für Frauen­rechte in den Himmel. Weit gefehlt, in diese Falle tappt Zurmühl überhaupt nicht, wenngleich der Blick auf Cosima Wagner natur­gemäß ein weiblicher ist, mit sehr viel Empathie und Feingefühl für die vielen Konflikte und Konstel­la­tionen in ihrem Leben, und auch einem Schuss Bewun­derung für die Stärken dieser Frau, sich in einer Welt, in der das Patri­archat noch die unein­ge­schränkte Gesell­schaftsform war und Frauen von Kompo­nisten oder Künstlern eher als Anhängsel oder Zierde empfunden wurden, gewiss aber nicht als eigen­ständige Persön­lichkeit, die hinter den Kulissen und mit zuneh­mendem Lebens­alter, vor allem nach dem Tode Richard Wagners, als Festspiel­lei­terin in Bayreuth die Fäden in den Händen hielt und den Grund­stein dafür legte, dass der Mythos Bayreuth auch heute noch erhalten ist und die Festspiele trotz aller Schwie­rig­keiten der letzten Jahre immer noch ein Magnet für Wagne­rianer aus der ganzen Welt sind, und das seit über 145 Jahren.

Zurmühl weicht von dem üblichen chrono­lo­gi­schen Aufbau einer klassi­schen Biografie ab und nähert sich der Person Cosima Wagners in 33 Lebens-Skizzen, die einmal die Persön­lichkeit dieser Frau beleuchten, aber auch in den histo­ri­schen Kontext einge­ordnet werden. Dreh- und Angel­punkt sind die schwie­rigen Bezie­hungs­ge­flechte der drei wuchtigsten Männer in ihrem Leben. Franz Liszt, der Vater, umschwärmter Komponist und Pianist, der zeitlebens ein sehr distan­ziertes Verhältnis zu seiner Tochter und ihren zwei Geschwistern hatte. Dann Hans von Bülow, Dirigent mit insta­bilem Gemüts­zu­stand, Lieblings­schüler von Franz Liszt und erster Ehemann von Cosima Liszt, mit dem sie zwei Kinder hat. Doch es ist keine glück­liche Ehe, die die beiden führen, denn für von Bülow war diese Verbindung eher dahin gerichtet, näher an seinem Lehrer Liszt zu bleiben, denn eine liebe­volle Beziehung zu führen.  Und dann natürlich Richard Wagner, der geniale und exzen­trische Komponist, dessen erste Ehe mit Minna Planer gescheitert war und für den Cosima alles war, was die eingangs erwähnten Kosenamen bezeugen. Ihre drei gemein­samen Kinder wurden gezeugt, da war Cosima noch mit Hans von Bülow verhei­ratet. Die Taufe ihres gemein­samen Sohnes Siegfried wurde so lange hinaus­ge­zögert, bis Cosima von Hans von Bülow geschieden war und Wagner heiraten konnte, der zu diesem Zeitpunkt Witwer war, und so gilt Siegfried als der alleinige legitime Nachfolger Wagners. Somit war der zwei Jahre ältere Franz Liszt nicht nur Kollege und Förderer von Richard Wagner, sondern war auch sein Schwie­ger­vater. Die beiden pflegten ein sehr schwie­riges Verhältnis zuein­ander, das auch geprägt war von musika­li­scher Konkurrenz und der Verein­nahmung von Cosima Wagner für sich selbst. Hans von Bülow wiederum war ein glühender Anhänger der Musik Richard Wagners, und seine Verehrung ging fast bis zur Selbst­aufgabe, unter Ausblendung und Ignoranz der Tatsache, dass Wagner dem Freunde die Frau ausge­spannt hatte. Unter diesen Konstel­la­tionen und Dreiecks­be­zie­hungen lernte Cosima, sich zu behaupten, mit Diplo­matie und viel Feingespür für die Situation Konflikte zu erkennen und zu lösen, wobei sie sich selbst dabei sehr oft zurücknahm, Schuld­ge­fühle auf sich lud und in ihrem religiösem Verständnis auch viel Buße tat dafür.

Genau an diesen Eckpunkten knüpfen die 33 Lebens-Skizzen an, die Zurmühl sprachlich sehr genau formu­liert, was zu einer sehr leben­digen Darstellung führt. Insbe­sondere wenn es um Ausein­an­der­set­zungen der Haupt­prot­ago­nisten geht, glaubt man, beim Lesen fast dabei zu sein. Man spürt sehr deutlich, dass Zurmühl sich mit dieser starken Frau sehr lange und intensiv ausein­an­der­ge­setzt hat, was auch ein sehr umfang­reicher Quellen­nachweis belegt, der sich auf insgesamt 45 Seiten erstreckt. Insbe­sondere die Tagebücher der Cosima Wagner sind wichtige histo­rische Bezugs­do­ku­mente, wie auch ihre umfang­reiche Korre­spondenz, aber auch Richard Wagners Tagebücher geben Aufschluss über das kompli­zierte und – wie im Unter­titel der Biografie formu­liert – wider­sprüch­liche Leben der Cosima. Und so ist diese Biografie auch voll von Zitaten, die im Kontext ihrer Zeit das gesell­schaft­liche, aber auch politische Leben eindrucksvoll beleuchten. Natürlich geht Zurmühl den klassi­schen Ressen­ti­ments gegenüber Cosima nach, dass sie wenig Ahnung vom Theater und von der Regie gehabt hätte. Es gelingt ihr, anhand von entspre­chenden Zitaten und Quellen­an­gaben mit vielen dieser Vorur­teile aufzu­räumen und ihr letzt­endlich den Platz in der Geschichte der Bayreuther Festspiele zu verleihen, der ihr gebührt. Dabei spart Zurmühl das Thema Antise­mi­tismus nicht aus, das wäre auch obsolet. Aber sie sieht die Thematik eben nicht eindi­men­sional, sondern ordnet sie in den histo­ri­schen und gesell­schaft­lichen Kontext ein. Wie ambivalent Cosima mit der Thematik umgegangen ist, zeigt das Kapitel Das Drama Levi, in dem Zurmühl sehr ausführlich auf den jüdischen Dirigenten Hermann Levi eingeht, der 1882 die Urauf­führung des Parsifal dirigiert hat und der in den Jahren nach Wagners Tod immer wieder nach Bayreuth für den Parsifal zurück­kehrte, und dessen Judentum immer wieder Anlass war für Diskus­sionen, Kränkungen, Zurück­wei­sungen und Beschwich­ti­gungen. Zurmühl begeht nicht den klassi­schen Fehler, dass sie urteilt, verur­teilt oder wertet. Sie leuchtet die beleg­baren Fakten aus und ordnet sie in einem verständ­lichen Maße ein. Das wird nicht jedem gefallen, aber die Autorin legt hier auch keine gefällige Frauen­be­schreibung vor, sondern das Lebens­porträt einer inter­es­santen und bis heute polari­sie­renden großen Frau, vor deren Lebenswerk als fünffache Mutter, zweifache Ehefrau und Verwal­terin und Chefin einer einma­ligen Festspielidee man sich nur verbeugen kann, ungeachtet der vielen Fehler, die diese Frau hatte, die Zurmühl auch nicht ausspart und sicher von sich behaupten kann, eine ehrliche und sehr gut recher­chierte Biografie vorgelegt zu haben.

Das Nachwort stammt im Übrigen von Monika Beer, der Vorsit­zenden des Bamberger Richard-Wagner-Verbandes, dem Zurmühl auch angehört. Und ist noch einmal eine kurze Zusam­men­fassung der Lebens-Skizzen. Diese 360 Seiten umfas­sende Biografie, die sehr hochwertig gebunden und gedruckt ist, ist mit 40 Euro nicht gerade preiswert. Aber es lohnt sich, das Werk in die Hand zu nehmen und einzu­tauchen in die Welt der Cosima Wagner. Und das ist nicht nur exklusiv für Wagne­rianer gedacht, auch wenn ein Grund­schatz an Wissen über Richard Wagner für das Verständnis dieses Buchs nicht von Nachteil ist. Aber Richard Wagner spielt hier ausnahms­weise mal nicht die Haupt­rolle, die gebührt seiner Ehefrau, seiner Muse, seinem ganzen Wahnfried.

Andreas H. Hölscher

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