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Lyrisches Tagebuch

Christian Gerhahers Lyrisches Tagebuch gewährt sehr persön­liche Einsichten in den Kunst­lied­gesang und wechselt zwischen nüchterner Analyse und klang­voller Poesie. Andreas H. Hölscher hat die rund 330 Seiten gelesen und dabei mehr Erkennt­nisse über den Liedgesang gewonnen als bei manch anderer Lektüre. 

Christian Gerhaher - Foto © Alexander Basta

Liebesbotschaften

Der Bariton Christian Gerhaher zählt fraglos zu den heraus­ra­genden Sängern seiner Zeit, mit einer unglaub­lichen Vielfalt im Reper­toire. Auf der Opern­bühne ist es vor allem die Rolle des Wozzeck in der gleich­na­migen Oper von Alban Berg, die er aktuell prägt wie kaum ein anderer Sänger, wovon man sich erst kürzlich an der Wiener Staatsoper überzeugen konnte. Und natürlich die Rolle des Amfortas im Parsifal, die er in München zu Ostern dieses Jahres so unnach­ahmlich inter­pre­tierte. Beiden Rollen ist das physische und psychische Leiden auf der Bühne gemein, die Gerhaher so intensiv verkörpert, dass man manchmal Angst um ihn bekommt. Aber Gerhaher ist weit mehr als nur ein Interpret von drama­ti­schen Rollen. Insbe­sondere als Liedsänger dominiert er mit seinem konge­nialen Klavier­be­gleiter Gerold Huber seit mehr als zwei Jahrzehnten die Szene und darf heute in einem Atemzug genannt werden mit zwei großen Meistern des Liedge­sangs in seiner Stimmlage, Hermann Prey und Dietrich Fischer-Dieskau, bei dem Gerhaher Meister­kurse belegte. Als heraus­ra­gende Leistung und für ihn die Erfüllung eines lange gehegten Traums und „das wahrscheinlich wichtigste Projekt in meinem Leben“ ist die Gesamt­ein­spielung aller 299 Lieder von Robert Schumann in einer Edition mit elf Alben, die im vergan­genen Herbst erschienen ist. Für dieses Projekt hatte Gerhaher eng vertraute Sänger­kol­legen einge­laden, die zu den Besten ihres Fachs gehören, darunter Camilla Tilling, Julia Kleiter, Sibylla Rubens, Wiebke Lehmkuhl und Martin Mitter­rutzner. Und bei aller Arbeit und unzäh­ligen Terminen hat Christian Gerhaher noch Zeit gefunden, über seine Arbeit als Liedsänger ein Buch zu schreiben, das er selbst Lyrisches Tagebuch nennt und in dem er über Lieder von Franz Schubert bis Wolfgang Rihm spricht.

16 Kapitel umfasst das Buch, und schon die Kapitel­über­schriften lassen erahnen, dass es mehr ist als nur die Aufzählung wichtiger Werke im Leben und Wirken des Christian Gerhaher. Jedem Kapitel ist ein spezi­eller Ort und ein Datum zugeordnet, deren Chrono­logie aber nicht einheitlich ist. Das erste Kapitel, Vorspiel mit Tiefflieger, ist datiert mit Straubing, August 1984. Gerhaher, am 24. Juli 1969 im nieder­baye­ri­schen Straubing geboren, ist da gerade mal 15 Jahre alt und hat ein sehr inter­es­santes Erlebnis, das er erst viel später, als er schon tief im Liedgesang verhaftet ist, für sich inter­pre­tiert. Es ist ein Erlebnis mit einem tiefflie­genden Düsenjet, das ihm ein Grund­motiv der gesamten Liedtra­dition erschließt – das Motiv der Liebes­bot­schaft. Der junge Gerhaher, der tagsüber bei der Ernte auf den Getrei­de­feldern seiner Heimat ausge­holfen hat, telefo­niert abends mit einem Freund. Das folgende Erlebnis beschreibt Gerhaher wie folgt: „Da ereignete sich etwas, das ich nie mehr so erlebte: Ein Tiefflieger – wie sie damals noch ständig flogen, wir lebten am Rand der Republik und am Rand der westlichen Welt, Böhmen und der Eiserne Vorhang waren keine fünfzig Kilometer weg – näherte sich dem Bauernhof, im Telefon wurde es laut, wir unter­brachen kurz das Gespräch. Er flog weiter. Und wir redeten weiter. Bis derselbe Tiefflieger zu meinem Elternhaus kam. Ich war sprachlos, wir beide. Wir spürten sofort, welch einma­liges Erlebnis uns hier verband. Wir redeten auch jetzt über Motor­räder, über die Ernte, die Arbeiter auf dem Hof. Und doch war die Verbindung durch das eben Erlebte für kurze Zeit viel tiefer und elemen­tarer als durch unsere Worte. Auf ein solches Ereignis hoffen wohl auch Liebende, wenn sie einmal einen Abend lang nicht am selben Ort sind. Sie verab­reden dann, dass beide zu einer bestimmten Zeit den Mond anschauen, jeder an seinem Ort. Sie haben nicht denselben Blick­winkel, aber immerhin eine gemeinsame Illusion – dasselbe zu sehen, zu fühlen und zu denken, im selben Augen­blick. Der Worte bedarf es dann nicht mehr, sie würden eher stören.“ Schnell wird klar, wie dieses Erlebnis den sensiblen und diffe­ren­ziert denkenden Künstler beein­flusst hat in seinem Umgang mit dem Kunstlied. Vor diesem Kapitel steht der Text des sechsten Liedes des Zyklus Aus dem Liederbuch eines Malers von Robert Reinick, vertont von Robert Schumann. Überschrieben ist das Lied mit Liebes­bot­schaft. Dieser Terminus wird sich wie ein roter Faden durch das Buch ziehen. Im Vorder­grund stehen die für Gerhaher wichtigsten Liedkom­po­nisten, mit deren Schaffen er sich intensiv ausein­an­der­ge­setzt hat und die in seinem Werk einen beson­deren Stellenwert haben, von Ludwig van Beethoven über Franz Schubert, Robert Schumann und Gustav Mahler. Aber auch weniger bekannte Kompo­nisten oder Werke werden vorge­stellt, bis hin zu zwei zeitge­nös­si­schen Kompo­nisten, Heinz Holliger und Wolfgang Rihm, denen Gerhaher jeweils ein ganzes Kapitel widmet.

Wenn der Autor über ein Lied, einen Lieder­zyklus oder einen Kompo­nisten spricht, dann ist das inhaltlich eine tiefge­hende musik­wis­sen­schaft­liche Analyse, oft mit Noten­bei­spielen illus­triert. Das Besondere an dem Buch ist, dass er die tiefgrün­digen musika­li­schen Analysen mit einer poeti­schen Sprache kombi­niert, die dem Titel des Buches Lyrisches Tagebuch entspricht. Als ein wunder­bares Beispiel von vielen seien hier seine Überle­gungen zu Beethovens Vertonung von Alois Jeitteles Lieder­kreis An die ferne Geliebte. Gerhaher schreibt dazu: „In Beethovens An die ferne Geliebte (op. 98) ist es nicht nur die belebte und unbelebte Natur, die als Bote angerufen wird. Als Einrahmung, im ersten und sechsten Gedicht, sind es die Liebes­lieder selbst, die wie eine Ferne und Zeiten überwin­dende, ubiquitär verfügbare Botschaft ihrer selbst einfach da zu sein scheinen: ‚Denn vor Liede­s­klang entweichet /​Jeder Raum und jede Zeit, /​ Und ein liebend Herz erreichet, /​ Was ein liebend Herz geweiht!‘ Diese Botschaft möge die fern Weilende dann auch wieder­singen, so wie auch in Goethes von Schubert vertontem Gedicht An die Entfernte gesungene Liebes­bot­schaften als einzig denkbare Alter­native zur natur­ver­mit­telten Nachricht erscheinen. Als Ausdruck unver­fälschten Empfindens (‚Was mir aus der vollen Brust /​ Ohne Kunst­ge­präng erklungen, /​ Nur der Sehnsucht sich bewußt‘) sollen die Botschaften Beethovens ferner Geliebter jeden­falls unmit­telbar verständlich sein: keine Affekte, nur Privates; nichts Empfind­sames, nur gemeinsam Empfun­denes; nichts, was hinter Einma­ligem zurück­träte, nichts, was nicht unver­gleichlich wäre. All das also soll dann noch einmal aus ihrem Munde erklingen, zu einem Zeitpunkt, der ein gemein­samer ist, zu Beginn der Nacht – eine ganz private Meditation, über alle Weiten hinweg gemeinsam. Es tritt hier der Gesang an die Stelle der Natur, der Dichter nimmt von dieser aber die ‚Natür­lichkeit‘ an, er möchte ‚Ohne Kunst­ge­präng‘ auskommen.“  Es ist die lyrische, poetische Sprache, die das Buch so einzig­artig macht und die die manchmal nicht so ganz einfach zu verste­henden Analysen selbst zu einem Opus werden. Christian Gerhaher erklärt aus seinem inten­siven Umgang mit den Werken heraus die Beson­der­heiten der großen Liedkom­po­nisten, deutet bekannte Lieder­zyklen wie Schuberts Winter­reise oder Die schöne Müllerin, beide nach Texten von Wilhelm Müller. Aber er schreibt auch über weniger bekannte Werke, die ihn immer wieder erstaunen und berühren wie Lieder von Hugo Wolf nach Texten von Johann Wolfgang von Goethe. Gerhahers einfühl­samer Blick gilt sowohl der Musik als auch den vertonten Gedichten und der spannungs­reichen Einheit, die beide im Lied bilden. Er spricht über die Ansprüche, die bestimmte Lieder an den Sänger stellen, über Gelingen und Misslingen, wie er gelernt hat, mit Kritiken umzugehen.

Immer wieder lässt Gerhaher auch persön­liche Einblicke zu, wie er sich das Rauchen abgewöhnte, wie er mit Gerold Huber um eine Kiste Champagner gewettet hat, wer zum Jahresende weniger auf die Waage bringt, sein Verhältnis zum Sport oder zur Natur. Gerhaher schreibt natürlich auch über die technische Seite des Singens, auch über die Grenzen des Machbaren. Man darf dabei nicht vergessen, dass Gerhaher auch ein komplettes Medizin­studium absol­viert hat und daher auch über besondere Kennt­nisse der Anatomie, Physio­logie und Psyche des Menschen verfügt.  Auch auf das spezielle Verhältnis zwischen Sänger und Publikum, dessen Erwar­tungs­haltung und seine eigenen Ängste geht Gerhaher ganz unprä­tentiös ein. Besonders inter­essant ist dabei die Programm­auswahl für einen Lieder­abend, an die er ganz bestimmte Bedin­gungen oder Kriterien knüpft, um aus dem Programm kein „Mini-Drama“ zu machen. Auch sagt Gerhaher, dass die drei für ihn bedeu­tendsten Liedkom­po­nisten, Schubert, Schumann und Mahler, ihm „unüber­brück­baren Respekt“ abfordern. Er könnte sie nie an einem Abend kombi­nieren und neben­ein­ander aufführen, zu eigen­ständig seien sie in ihrem Idiom, ihrem Habitus. „Schubert und Schumann unter­scheiden sich in der Gewichtung des Klavier­parts, dessen Eigen­stän­digkeit, in der neuar­tigen Wichtigkeit von Vor‑, Zwischen- und Nachspielen nur graduell.“ Als Zuhörer eines Lieder­abends sind sehr wahrscheinlich solche Details, die für eine Programm­auswahl entscheidend sind, eher zweitrangig.

Wenn er auf das Besondere der Liedkunst zu sprechen kommt, vielleicht auch im Vergleich zur Oper, dann ist die Aussage Gerhahers ganz klar: „Lieder sind eine vokale Form der Kammer­musik, und sie reprä­sen­tieren – wie die Oper das Drama und das Oratorium das Epische – die Lyrik in der gesun­genen Musik. Auch was den Ausdruck betrifft, bringt es Gerhaher auf den Punkt: „Expressive Intimität ist beim Lied Programm und Haltung, während sie im Ablauf einer Oper lediglich situativ entsteht und sich erst durch einen drama­tur­gisch sinnvollen Platz im Handlungs­gefüge erklärt.“ Es sind solche Sätze, klar struk­tu­riert und analy­tisch formu­liert, doch immer mit einem lyrischen, manchmal auch poeti­schen Duktus. Am Schluss des Buches gibt es noch 35 Seiten mit Anmer­kungen, Bild- und Zitat­nach­weisen sowie einem Personen- und Werkre­gister. Gerade die Anmer­kungen sind empfeh­lenswert, weil dort oft persön­liche Aussagen oder Hinter­grund­in­for­ma­tionen präsen­tiert werden, die für das Gesamt­ver­ständnis des Buches sehr hilfreich sind.

Dieses Buch, im C.H. Beck Verlag erschienen, ist mit 25 Euro verhält­nis­mäßig günstig. Es gibt sicher kein vergleich­bares Buch, dass sich so intensiv mit dem Liedgesang beschäftigt und sich dabei einer so poeti­schen Sprache bedient. Gerhahers Lyrisches Tagebuch ist eine aufschluss­reiche Lektüre für Freunde des klassi­schen Liedge­sangs, und für Fans von Christian Gerhaher schon ein Muss. Am besten, man hört dazu noch eine seiner vielen Einspie­lungen zu den beschrie­benen Liedern. Das Höremp­finden und die Bindung zu einem Stück wird dadurch auf eine ganz andere Ebene gehoben.

Andreas H. Hölscher

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