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Blutwappen

In seinem Debüt­roman greift Ralf Siepmann ein Thema auf, das bis heute nicht ausrei­chend aufge­ar­beitet ist. Seine Krimi­nal­ge­schichte webt er um die Zwangs­ar­beiter, die im Nachkriegs­deutschland totge­schwiegen werden sollen. Anders als im wirklichen Leben werden bei ihm die Verant­wort­lichen zur Rechen­schaft gezogen. 

Ralf Siepmann - Foto © privat

Seilschaften und Bünde

Das Schweigen. Dieses gottver­dammte Schweigen, das die Kinder und Enkel mit Wut erfüllte, nach dem Krieg. Plötzlich wussten die Eltern nicht mehr, wie all die Haken­kreuz-Fahnen an die Häuser­fas­saden gekommen waren, wer all die Leute waren, die Adolf Hitler zugejubelt und die Welt in einen Krieg gestürzt hatten. Keiner, der noch darüber reden wollte, dass Juden und ihre Geschäfte aus den Städten verschwanden, keiner, der sich erinnern wollte, wie die Kriegs­wirt­schaft funktio­nieren konnte, obwohl die Männer an der Front waren. Weil Zwangs­ar­beiter, also Kriegs­ge­fangene und Menschen, die aus ihrer Heimat verschleppt wurden, unter unwür­digen Umständen für die Deutschen schuf­teten. Über all das wollten die Deutschen nach dem Krieg nicht mehr reden, besten­falls schamerfüllt.

Ralf Siepmann ist in Neustrelitz geboren, wuchs in Rietberg auf und besuchte das Ratsgym­nasium Wieden­brück. Nach einem Zeitungs­vo­lon­tariat und einer beruf­lichen Station als Redakteur in der Lokal­presse studierte er Sozial­wis­sen­schaften an der Ruhr-Univer­sität Bochum und wurde an der Freien Univer­sität Berlin promo­viert. Anschließend bekleidete er verschiedene Positionen als PR-Arbeiter etwa beim Presse- und Infor­ma­ti­onsamt der Bundes­re­gierung, beim Deutsch­landfunk, bei der Deutschen Welle, ehe er als Kommu­ni­ka­ti­ons­be­rater selbst­ständig wurde. Heute arbeitet er haupt­sächlich als Opern- und Konzert­kri­tiker, so auch für O‑Ton. Nun hat er seinen ersten Roman veröffentlicht.

Im knapp 280 Seiten starken Blutwappen werden Leichen entdeckt, prominent in den Stadt­zentren von Wieden­brück und Wien drapiert. Mit histo­ri­scher Detail­freude und viel Lokal­ko­lorit unter anderem der eigenen Heimat stürzt sich Siepmann in das Jahr 1965, lässt die Ermitt­lungs­ar­beiten der Behörden anlaufen. Es dauert eine Weile, bis klar wird, dass der Autor es nicht bei Fragen der nachfol­genden Genera­tionen an die Eltern belassen will. Alsbald zeigt er auf, dass die Zwangs­ar­bei­ter­schaft längst nicht nur Deutschland, sondern auch andere Staaten betraf. Als den Kindern der Nachkriegs­ge­neration klar wird, was es eigentlich beispiels­weise mit diesem Stalag 326 (VI K) Senne auf sich hat, beginnen sie selbst, die Verant­wort­lichen zur Rechen­schaft zu ziehen. Das „Stamm­lager“ in Westfalen durchlief jeder dritte sowje­tische Kriegs­ge­fangene, der zwischen 1941 und 1945 in das so genannte Deutsche Reich kam. Das „Russen­lager“, das durchaus auch franzö­sische, polnische, serbische, italie­nische und belgische Kriegs­ge­fangene unter­brachte, versorgte praktisch Unter­nehmen in ganz Nordrhein-Westfalen mit Arbeits­kräften. Unter­nehmen, die nach dem Krieg davon nichts mehr wissen wollten, dass sie die Menschen bis aufs Blut ausge­beutet hatten, diesen Teil der Geschichte einfach ausblen­deten und sich gegen­seitig bis hinauf in höchste Regie­rungs­kreise vor Entschä­di­gungs­zah­lungen schützten. Sie sollen nun Verant­wortung zeigen – oder ihre Strafe bekommen.

Es dauert, bis die Ermitt­lungs­be­amten in Wieden­brück und Wien erkennen, dass die Opfer Täter sind. Bis dahin lässt Siepmann den Leser an den Entwick­lungen einer für die frühen Jahre erstaunlich guten Zusam­men­arbeit der Polizeien verschie­dener Länder teilhaben, nicht ohne die persön­lichen Befind­lich­keiten einzelner Beamter aufzu­zeigen. Siepmann gelingt es, die Welt von 1965 wieder aufleben zu lassen und gleich­zeitig den Blick weit in die Vergan­genheit zu richten. Das ist klug gemacht und bereitet einigen Lesespaß, der nicht über die moralische Frage hinwegtäuscht.

Es ist die alte Frage nach der Recht­fer­tigung von Lynch­justiz, wenn die Ermitt­lungs­be­hörden nicht in der Lage zu sein scheinen, das Unrecht der Vergan­genheit aufzu­ar­beiten. Der Autor beant­wortet sie eindeutig, aber nur für sich, wenn er die Täter, die die Täter hinrichten, von der Polizei überführen lässt. Was den Nachkriegs­ge­nera­tionen nicht gelang, nämlich Netzwerke gegen die Netzwerke der alten Nazis zu errichten, funktio­niert im Roman. Und das hat weitrei­chende Konsequenzen.

Es macht Spaß, sich auf die atmosphä­rische Dichte der Schil­derung einzu­lassen, vielleicht auch viele Errun­gen­schaften dieser Zeit mit einem Schmunzeln der Erinnerung zu quittieren, erfordert aber auch Konzen­tration, wenn es um Geschichte und „Flecht­werke“ geht. Was nach der Lektüre wächst, ist der Wunsch, das Stalag 326 (VI K) Senne selbst einmal zu besuchen, das als Gedenk­stätte in Schloss Holte-Stuken­brock weiter existiert. Und damit hat Siepmann, neben seiner Geschichte, viel erreicht.

Michael S. Zerban

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