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In diesen unwirtlichen Tagen verlässt man das Haus, um zur Arbeit zu gehen, Einkäufe zu erledigen oder die Weihnachtsmärkte der Region zu besuchen. Deshalb muss man aber noch lange nicht auf den Konzertbesuch verzichten, selbst dann nicht, wenn man überteuerte Parkplätze oder kalte, zugige Haltestellen vermeiden will. Schließlich haben wir alle ja bereits Konzerte in höchster Aufnahmequalität mit den Zwangsbeiträgen zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk bezahlt. Warum das nicht auch mal in Anspruch nehmen oder zumindest ausprobieren?

Eine gute Gelegenheit bietet sich bei einem Konzert, das am 4. Dezember im Kölner Funkhaus Wallraffplatz des Westdeutschen Rundfunks stattfand und das man bis zum 11. Januar im „Konzertplayer“ des Senders im Netz nachhören kann. Und zwar deutschlandweit und zu jeder Uhrzeit. Eine Empfehlung vorab. Es steigert sicher den Hörgenuss, in den eigenen vier Wänden Konzertatmosphäre zu schaffen. Ein Kopfhörer verbessert deutlich die Klangqualität und die Konzentration, gedämpftes Licht trägt zur Entspannung bei und das Lieblingsgetränk, vielleicht ein kleiner Imbiss werden das Vergnügen vermutlich auch nicht schmälern. Dann kann es auch schon losgehen.
Ein erster Blick auf die Seite des Konzertplayers ist eher enttäuschend. Als Überschrift ist dort zu lesen Amy Beach and friends Programm. Wenn’s denn schon amerikanisch sein soll, kann man auch die richtige Schreibweise von Überschriften verwenden. Was das deutsche „Programm“ da soll, erschließt sich überhaupt nicht. Schon gar nicht bei der weiteren Durchsicht. Eigentlich sollte der zuständige Redakteur, Richard Lorber, wissen, wie man ein Programm schreibt. Hier werden nach einem kurzen Einführungstext lediglich in beliebiger Reihenfolge – die mit der tatsächlichen Abfolge nichts zu tun hat – die Titel der aufgeführten Werke genannt. Erläuterungen sucht man vergebens. Der Name der Aufnahmeleitung ist ebenso geheim wie die Programmverantwortlichen. Die Akteure des Abends vor dem Mikrofon werden genannt, weiterführende Links gibt es nicht. Das zeugt nicht vom rechten Verständnis des weltweiten Netzes, obwohl das zum Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gehört. Aber damit nimmt der es ja ohnehin nicht allzu genau.
Johannes Zink ist der Moderator des Konzerts. „Heute würde jemand wie Amy Beach eine raketenhafte Karriere machen, aber im Amerika des ausgehenden 19. Jahrhunderts, da gehörten nach damaligem Verständnis Frauen an den Herd und nicht an den Komponiertisch“, plappert der Mann klischeefreudig und wirklichkeitsfremd vor sich hin. Ob Menschen mit solch undifferenzierten Weltbildern vor den Mikrofonen öffentlich-rechtlicher Sendeanstalten gut aufgehoben sind, darf man in Frage stellen.
1920 bekam die Groupe des Six, ein Zusammenschluss von fünf Komponisten und einer Komponistin in Paris ihren Namen, unter dem sie in die Geschichte einging. Der Name nahm Bezug auf die Gruppe der Fünf, die auch Das mächtige Häuflein genannt wurde und 1862 in St. Petersburg gegründet wurde. Unabhängig davon gründeten sich am Ende des 19. Jahrhunderts die Boston Six, ebenfalls eine Gruppe aus fünf Tonsetzern und der Frau, die die erste amerikanische Symphonie verfasste – Amy Beach. Werke aller sechs Komponisten sollen in den folgenden anderthalb Stunden erklingen.
Den Beginn übernimmt Horatio Parker mit den 4 Songs aus dem Jahr 1903: Songs, Serenade, The Blackbird und Good-bye werden von Anna Herbst wie gewohnt meisterlich interpretiert. Besucher des diesjährigen Zonser Komponistinnen-Festivals kennen sie bereits vom zweiten Konzertabend, als sie Mirage und Stella viatoris von Beach sang. Auch ihre musikalische Begleitung ist von daher bereits bekannt. Geigerin Elisabeth Moog und Cellistin Cosima Streich waren ebenfalls in Zons dabei, letztere auch als künstlerische Leiterin des Festivals. Wurde Herbst Ende Oktober von Dorothy Gemmeke begleitet, sitzt im Großen Sendesaal nun Matthias Veit am Flügel. Mit den 3 Browning Songs kommt nun auch Amy Beach zu Wort. 1900 veröffentlichte sie The Year’s at the Spring, Ah, Love But a Day und Send My Heart Up to Thee, die Vertonung der Gedichte von Robert Browning, der im Jahr vor der Veröffentlichung starb. Mit der Romance for Violin and Piano schließt der erste Block.

In der Zwischenmoderation erzählt Herbst, dass sie vor drei Jahren erstmalig nach Zons eingeladen wurde und so die Arbeiten von Amy Beach kennenlernte. Im heutigen Programm wolle man nun Beispiele im historischen Kontext ihrer Kollegen vorstellen. Und so erklingen im nächsten Block erst mal Werke von Arthur Foote und John Knowles Paine. Mit Shadows von Foote macht Herbst den Anfang, um mit A Bird Upon A Rosy Bough und I Wore Your Roses Yesterday von Paine fortzufahren. Nach The Nightingale von Foote erklingt ebenfalls von ihm eine Romanza für Cello und Klavier.
Auch im nächsten Block stehen die Lieder im Vordergrund, diesmal von Edward Mac Dowell The Yellow Daisy, The Blue Bell und The Mignonette aus dem Zyklus From an Old Garden und Water Lily sowie The Cardinal Flower aus dem Blumenzyklus von George Chadwick. Ja, im Liedgut ist viel von Blumen die Rede – eine Modeerscheinung der Zeit, ist in der nächsten Zwischenmoderation zu erfahren.
Der letzte Block ist Beach vorbehalten. Mit After, Stella viatoris und A Mirage kommen noch einmal Lieder zu Gehör. Wie schon in Zons wird auch hier das Klaviertrio opus 150 als Beachs letztes kammermusikalisches Werk erst am Schluss gespielt. Das kann man sicher diskutieren. Nach der Zugabe ist dann das Ende des Konzerts erreicht. Und trotz aller berechtigten Kritik am äußeren Rahmen kann das auch in der Aufnahme die musikalische Leistung nicht trüben. Prinzipiell wäre auch außerordentlich lobenswert, die Boston Six näher vorzustellen – was dann redaktionell unterbleibt. Eine verschenkte Gelegenheit.
Ärgerlich ist die Einfachheit der Abspielsoftware. Da darf doch einer Anstalt, die sich tagaus, tagein mit Sendetechnik beschäftigt, etwas mehr Professionalität zugetraut werden. Ein Blick beispielsweise hinüber zu den großen Videoplattformen zeigt, dass es kein Problem ist, beschriftete Kapitel einzufügen. Da könnte man dann leichterdings noch einmal das eine oder andere Stück anklicken, um es sich ein zweites Mal anzuhören. Ist hier nicht möglich.
Aber halt! Noch nicht abschalten. Angepfropft an das Konzert, der Übergang ist hörbar, kann man völlig überraschend dann noch mehr Musik von Amy Beach hören. Es gibt noch eine Aufnahme des ersten Satzes aus ihrem Klavierkonzert opus 45 und einen Ausschnitt aus der Symphonie in e‑Moll, genannt die Gaelic Symphony. Einen Hinweis darauf findet man auf der Seite nicht. Aber schön, dass man so unverhofft noch einen Blick über den Tellerrand der Kammermusik hinaus serviert bekommt.
Michael S. Zerban