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Genug – Kinderszenen

Im Staccato-Verlag sind die Kindheits- und Jugend­er­in­ne­rungen von Stephen Hough erschienen, einem der inter­es­san­testen Pianisten der Gegenwart. Eine Ansammlung von Szenen und Gedanken. Und heraus­ge­kommen ist eine überaus gelungene Coming-of-age-Lektüre, in der man schwelgen kann. 

Stephen Hough - Foto © privat

Die Jugend, wie sie wirklich ist

Wenn eine Berühmtheit ein Buch veröf­fent­licht, erwartet man eine ausführ­liche Biografie, in der der Künstler darum bemüht ist, sich selbst im Spiegel seiner Eitelkeit zu betrachten, schlimms­ten­falls noch mit den Menschen abrechnet, die ihm aus seiner Sicht geschadet haben. Längst hat man sich daran gewöhnt, „Abrech­nungen“ offeriert zu bekommen.

Stephen Hough ist am 22. November 1961 in Heswall in England geboren und wuchs in Cheshire auf. Nach seiner Ausbildung erlangte er mit einem „absei­tigen, tenden­ziell roman­ti­schen Reper­toire“ Bekanntheit. Sein Durch­bruch gelang ihm mit der Einspielung von zwei Klavier­kon­zerten des Mozart-Schülers Johann Nepomuk Hummel. Seither zählt er zu den „angese­hensten Künstlern unserer Zeit“, ein Begriff, der zunehmend infla­tionär gebraucht wird. Deshalb ist es auch nicht weiter drama­tisch, wenn man den Namen noch nie gehört hat.

Beim Staccato-Verlag ist die deutsche Übersetzung seines rund 280 Seiten starken Buchs Genug – Kinder­szenen erschienen. „Jeden­falls ist eine vollständige Autobio­grafie in der Regel langweilig und womöglich anstößig. Es ist die Person am Esstisch, die einfach nicht aufhören will zu reden. Es ist die musika­lische Phrase, die keinen Atem hat“, schreibt Hough im Vorwort und stellt damit klar, dass er eben keine Autobio­grafie schreiben will. Statt­dessen verlegt er sich in seinem Werk, das im Original Enough heißt und damit einen Reim auf seinen Nachnamen bildet, was im Deutschen verloren geht, auf die Darstellung einzelner Szenen oder Zeitabschnitte.

Rasch gelingt es Hough, den Leser mit der Darstellung seiner Kindheit in engli­schen Klein­städten in den Bann zu ziehen. Die lakonische Schil­derung der Norma­lität fesselt, obwohl man das Buch mögli­cher­weise mit Bedenken aufge­schlagen hat. Schließlich gilt Hough laut eigenem Wikipedia-Eintrag als „offen beken­nender Schwuler“. Was in seiner Jugend sicher noch ziemlich aufregend gewesen sein mag, ist heute so aufregend wie der amtie­rende Bundes­kanzler Scholz, wenn er im Rahmen einer Regie­rungs­er­klärung betonen wollte, er sei hetero, und das sei gut so. Will man wirklich schon wieder eine Homose­xu­ellen-Biografie lesen in einer Zeit, in der in Fernseh­serien inzwi­schen mehr Schwule als Heteros auftauchen? Aber Hough verschont seine Leser mit Schmuddel- oder schwüls­tigen Geschichten. Gewiss, da wird kurz erwähnt, dass er schon als kleines Kind seine Homose­xua­lität entdeckt habe, dass er in der Pubertät vor allem die Helden des Pops erotisch findet und dass er später ganz furchtbare Angst vor AIDS hatte. Ganz unauf­geregt Aber das war es dankens­wer­ter­weise auch schon.

Was an dem Buch vielleicht am meisten gefällt, ist das Under­statement. Hier gibt es keine Wunderkind-Allüren, sondern eher die Wider­stände, mit denen er das erste Klavier im Elternhaus erkämpfen musste. Und richtig schön wird es in der Pubertät. Eine der Lieblings­fragen des Journa­listen bei Musiker-Inter­views ist, wie sie mit den Irrita­tionen und Lustlo­sig­keiten der Pubertät umgegangen sind. Eine Frage, die man eigentlich gar nicht mehr stellen möchte, weil man ohnehin immer nur zu hören bekommt, dass es damit überhaupt keine Probleme gegeben habe und man schon damals eigentlich nur von der Karriere geträumt habe. Bei Hough klingt das erfri­schend anders, weil er in seinem lilafar­benen Zimmer die Körper der Pop-Helden auf den Plakaten angehimmelt habe. Das ist authen­tisch und verleiht auch dem späteren Werdegang Glaub­wür­digkeit, wenn er etwa zum Katho­li­zismus konvertiert.

Dass er das Zeug zur Berühmtheit hat, wird nicht erst bei seinem Gewinn des Naumburg-Wettbe­werbs klar, sondern lässt sich daran messen, dass er beginnt, sich mit seinen Lehrern kritisch ausein­an­der­zu­setzen. Eine der schönsten Passagen, die seine Selbst­re­flexion zeigen, dreht sich um das Phänomen, wie wenig sich Künstler für die Kunst anderer inter­es­sieren. „Immer wieder erstaunt es mich, wie wenig Studenten sich für den Besuch von Konzerten zu inter­es­sieren scheinen, selbst wenn man nur fünf Minuten Fußweg hat, um einen freien Platz zu ergattern. Sollte das Privileg, an einem Konser­va­torium zu studieren, nicht Anreiz genug sein, jede Gelegenheit zu nutzen, um ein Live-Konzert zu hören?“

Eine ungewöhn­liche Biografie, die von der ersten bis zur letzten Seite Lesefreude bereitet und bei der man das Gefühl nicht los wird zu erleben, wie sich aus dem Kokon der Schmet­terling befreit. Ein Schmet­terling, der viele seiner Wegge­fährten längst verloren hat, sich aber das farben­frohe Schillern noch nicht abgewöhnen möchte. Es sei ihm gegönnt.

Michael S. Zerban

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