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The Spoils

Düsseldorf-Premiere von The Spoils am 30. Juni. Ein Dokumen­tarfilm über den jüdischen Kunst­händler Max Stern, der eine Galerie an der Königs­allee betrieb, 1935 Berufs­verbot erhielt, 1937 gezwungen wurde, seine Bilder zu Spott­preisen zu verkaufen, um danach über England nach Kanada zu fliehen. Georg Beck berichtet. 

Ludwig von Pufendorf - Foto © N.N.

Tückisches Spiel

Ludwig von Pufendorf – Foto © N. N.

Der Film The Spoils erzählt die Geschichte von zwei Ausstel­lungen in Düsseldorf – eine, die nie zustande kam und eine andere, die besser nicht zustande gekommen wäre. Jetzt hatte The Spoils, 2024 vom Filmfest München in alle Welt gegangen, seine Düsseldorf-Premiere. 100 Minuten, die die Stadt und seine Offizi­ellen im Zwielicht zeigen, reichlich Stoff zum Fremd­schämen liefern, auch wenn der Vorfall mittler­weile acht Jahre zurück­liegt. Ausge­standen ist das bis heute nicht. Man spürte das. Mit Regisseur Jamie Kastner, mit dem NS-Raubkunst-Experten Willi Korte will ein Paul-Spiegel-Filmfes­tival-Publikum im Metropol bis in die Puppen debat­tieren. „Warum ist die städtische Polit­pro­minenz nicht vor Ort?“, wird gefragt. Und: Was arbeitet da eigentlich im Unter­grund gegen Aufklärung, gegen recht­mäßige, nur allzu selbst­ver­ständ­liche Restitutionsansprüche?

Auf der Leinwand erscheint der vormalige Oberbür­ger­meister Thomas Geisel. Er war es, der 2017, ohne die Absprache mit den inter­na­tio­nalen Partnern zu suchen, eine Ausstellung abgesagt hatte, die dem von den Nazis enteig­neten Düssel­dorfer Kunst­händler Max Stern hätte Gerech­tigkeit wider­fahren lassen sollen. Der Ausstellung fehle angeblich die „Ausge­wo­genheit“. Inter­na­tional verstand man das als herben Rückschlag, zumal Äußerungen Geisels nahelegten, man fürchte sich vor weiteren Rückga­be­for­de­rungen. Der Skandal war da.

Im Film wird das vom kanadi­schen Regisseur Jamie Kastner aufge­griffen. Aufge­fordert, sich über die Staats­ver­brechen und ihre Folgen zu äußern, fällt Geisel, dessen Englisch fließend ist, nichts anderes ein, als in die Kamera zu grinsen und Döneken über die Stadt­geschichte abzusondern. Nächster Höhepunkt, die an Selbst­ge­fäl­ligkeit nicht zu überbie­tende Erscheinung des von der Stadt nach der Ausstel­lungs­absage engagierten Rechts­an­walts und langjäh­rigen Berliner Kultur­staats­se­kretärs Ludwig von Pufendorf. Auch hier das nämliche Was-wollt-ihr-eigentlich-Lächeln. Entspannt im Armlehn­sessel, zeigt sich Pufendorf resistent gegen die Faktenlage wie sie eindrucksvoll das kanadische Max Stern Art Resti­tution Project liefert. Man fühlt sich zurück­ver­setzt in eine Republik, die Augen und Ohren fest verschlossen hatte. Nennen wir sie die Pufendorf-Republik. Als alter Vorkämpfer des juris­ti­schen Wider­stands gegen jedwede Resti­tu­ti­ons­an­sprüche, verteidigt Pufendorf Sammlungen, die auf glasklaren Enteig­nungen beruhen. Der zugespitzte Ausdruck der Resti­tu­ti­ons­be­für­worter für die wider­rechtlich zurück­ge­hal­tenen Bilder – „Die letzten Kriegs­ge­fan­genen“ – das sei, meint der alte Herr, ein „abscheu­licher Begriff“, um im nächsten Moment wieder ganz den jovialen Onkel heraus­zu­kehren. „Aber das ist unchristlich von mir. Ich nehme es zurück.“ Der Hartnä­ckigkeit des auf seinen Fragen behar­renden Filme­ma­chers ist es schließlich zu danken, dass Pufendorf, dem von der Stadt Düsseldorf entsandten Kämpfer für den Status quo, die Katze aus dem Sack lässt. Es ist ein Moment, in dem die Zunge redet, was der schlaue Kopf nur unter Seines­gleichen zulässt, dann aber umso offener. Eigentlich, so Pufendorf, wollten die – er meint die der Forschung hinge­ge­benen kanadi­schen Stern-Erben – doch nur die Bilder „versilbern“. In der Klartext-Sprech­blase steht: Der Jude ist doch immer nur hinterm Geld her!

– Schnitt –

Jamie Kastner – Foto © N. N.

The Spoils – das erzählt sich als psycho­so­ziale Studie über ungebrochen fortwir­kende Menta­li­täten mit ihren prekären Begleit­erschei­nungen Kumpanei, Verschlos­senheit, vor allem aber Provin­zia­lität. Und das in einer Stadt, die sich so gern weltoffen nennt. Sie ist es nicht. Das sagt der Film. Dass die Stadt ihrer­seits um Schadens­be­grenzung bemüht war und ist, sagt er aller­dings auch nicht. Es hätte nicht viel gekostet, die öffent­liche Erklärung des amtie­renden Oberbür­ger­meisters einzu­rücken, um seiner­seits darauf zu reagieren. „Es ist bedau­erlich, dass es zur Kontro­verse zwischen den einstigen Partnern gekommen ist. Ich möchte mich im Namen der Stadt dafür entschul­digen, dass die im Jahr 2017 vorge­nommene Absage, bei den kanadi­schen Betei­ligten als Affront wahrge­nommen werden musste.“ Sagt Oberbür­ger­meister Stephan Keller in einer Presse­kon­ferenz am 3. September 2021.

Der Fall, der 2017 als Skandal durch die Weltpresse geht, ist nach seinen Wirkungen, seinen Verlet­zungen völlig unabge­schlossen. Mit Formel-Entschul­di­gungen ohne sachliche Erläu­terung kann die Brüskierung der kanadi­schen Forscher, denen eine verpeilte Stadt­po­litik Unserio­sität unter­stellt hatte, aller­dings auch nicht wieder ins Lot kommen. Dass die Stern-Erben so gesehen keinen Anlass mehr sahen, die zweite Ausstellung im Jahr 2022, organi­siert von einem willfäh­rigen, von Pufendorf lancierten Ausstel­lungs­macher mitzu­tragen, ist nachvollziehbar.

Kurz: The Spoils – das wird weiter­ru­moren. Womit an dieser Stelle aber doch zu fragen bliebe, weshalb die eindrucks­volle Doku eigentlich keinen deutschen Titel hat? – Irgendwas mit dem kanadi­schen Verleih sei das, sagt Kastner. Kann sein. Nur für die Absicht, den Restitutions­diskurs auf eine breite Ebene zu hieven, so Korte, ist das natürlich kontra­pro­duktiv. Schon komisch, wenn man im Lexikon nachschlagen muss, was ein Film im Titel führt. The Spoils, erfahren wir dann, kann die Beute sein, das können aber auch die Tücken sein. Das Wort wählt August Wilhelm Schlegel für seine Übersetzung des Kaufmann von Venedig, wenn Lorenzo, 5. Akt, 1. Szene, von treasons, strategems, and spoils spricht: Verrat, Räuberei, Tücken. Passt alles. Könnte eine starke Überschrift abgeben: Tücki­sches Spiel.

Georg Beck

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