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KROATIEN 1991 – 1995
(Diverse Komponisten)
Besuch am
5. Juli 2025
(Einmalige Aufführung)
Seit 80 Jahren dürfen wir in der Bundesrepublik Deutschland in Frieden leben. Schaut man in diesem Zeitraum in die Welt, lief es in anderen Gegenden nicht ganz so gut. Von 1965 bis 1975 tobte der Krieg in Vietnam, von 1991 bis 1995 litt Kroatien unter Kriegswirren, seit drei Jahren versucht die Ukraine, sich gegen den Aggressor Putin zu wehren, der israelische Ministerpräsident Netanjahu setzt eine ganze Region in Brand, um nur einige Beispiele zu nennen.
Für Miro Dobrowolny ein unhaltbarer Zustand, gegen den man sich künstlerisch zur Wehr setzen muss. Dobrowolny ist in Zagreb geboren, wuchs seit 1966 im Rheinland, Ruhrgebiet und im Bergischen Land auf. Er studierte Violine, Komposition, Dirigieren, Kammermusik und Musikwissenschaft in Essen, Köln und Düsseldorf. Die Veranstaltung von Festivals und Konzertreihen scheint zu seinen Lieblingsbeschäftigungen zu gehören. Und so gründete er neben vielen anderen Veranstaltungen 2014 die Klangräume Düsseldorf, die in diesem Jahr in ihrer zwölften Ausgabe stattfinden. In tempore belli, in Zeiten des Krieges, lautet das Motto von fünf Konzerten, die Dobrowolny mit seinem Art Ensemble NRW organisiert hat. Das letzte findet an einem Samstagabend im Palais Wittgenstein, einem der Kammermusiksäle Düsseldorfs, statt.

Kroatien 1991 – 1995 lautet der Titel des Abends und verweist auf den Heimatkrieg in Kroatien, von dessen Folgen sich das Land bis heute nicht vollständig erholt hat. Beim Massaker von Slavonski Brod starben 182 Menschen, darunter 27 Kinder. Im Programmheft ist von 24 Kindern die Rede. Der Dichter Zdravko Luburić wies Dobrowolsky darauf hin, und 1994 vertonte der Komponist das Gedicht Luburićs als Requiem et invocatio für Bariton, Klavier, Viola und entfernter Posaune. Ehe aber Bariton Gregor Finke zur Maultrommel und Pianist Theodor Pauß in die Saiten greift, stehen die Tränen der Musen von Jörg Widmann aus dem Jahr 1983 auf dem Programm. Gerade mal 20 Jahre ist Widmann alt, als er einen „Versuch über drei Töne“ angesichts des Krieges in Bosnien und Kroatien unternimmt. „Dürfen die Musen überhaupt schweigen, wenn die Waffen sprechen?“ fragt der Komponist. An diesem Abend geben Pauß, der Geiger Martin Schminke und Kumi Litsuka an der Klarinette die Antwort, die freilich interpretationswürdig bleibt, aber nichtsdestotrotz hervorragend gespielt ist.
Bei Requiem et invocatio beeindruckt Finke nicht nur damit, dass er hinter der – nur leise erklingenden – Maultrommel auch noch Gesang hervorbringt, sondern der auch noch kroatisch ertönt. Nach „Der mit Krallen, jetzt ängstlich, die Fenster liebkost und getrocknetes Blut streichelt, starrend aus der brennenden kroatischen Erde“ erklingt noch 24-mal der gebrochene Akkord am Klavier, der an mindestens 24 Kinder erinnert. Hoffnungslos und endgültig mit einer Mischung aus Gänsehaut und Trauer beim Hörer.

Dylan Thomas war ein walisischer Dichter und Schriftsteller, der von 1914 bis 1953 lebte und dessen Texte Musiker und Künstler von den Rolling Stones bis zu den Beatles beeinflussten. Auch Igor Strawinsky ließ sich in memoriam zu dem Werk Dirge Canon & Song im Jahr 1954 inspirieren. Ein dreiteiliges Stück, in dem in zwei Trauergesangskanons Bläser und Streicher wechselweise spielen und im Mittelteil ein eher düsterer Text erklingt, der dazu auffordert, sich „gegen das Sterben des Lichts“ zur Wehr zu setzen. Der Saal erlaubt eine besonders raumfüllende Aufführung. So werden die Streicher, Aufführung. So werden die Streicher, Yuliia Chemerys verstärkt jetzt Schminke, Bratschist Till Mengler und Cellist Martin Burghardt ergänzen das Quartett, auf der Bühne platziert, während die vier Posaunisten aus Köln – Carsten Luz, Michael Scheuermann, Jan Böhme und Li Xue – auf der Empore an der rückwärtigen Wand aufspielen. Auch im englischen Text ist Finke wortverständlich zuhause. Dobrowolny übernimmt das Dirigat als besondere Herausforderung, denn ein Blickkontakt mit den Bläsern ist unmöglich. Alles gelingt bestens, nur mit der Hoffnung ist das so eine Sache, muss es bei Thomas doch beim Wunsch bleiben.
Auch das folgende Stück, das Dobrowolny 1996⁄97 komponierte, dirigiert er. Tuba mirum ist ein Werk für Streichquartett, Klavier und vier Posaunen im Raum. „Die wundersame Posaune erschallet über die Gräber der Welt und ruft alle vor den Thron Gottes“ heißt es zu dem Stück, das seine Düsternis in den Instrumenten beschwört. Und da will auch das Zitat des Bach-Chorals Vor deinen Tron tret‘ ich, das über das Ende geblendet wird, keinen rechten Frohsinn verbreiten. Nur so ein ganz klein wenig Hoffnung mag man schöpfen. Warum danach noch Andrea Gabrielis Jubilate Deo zu acht Stimmen aus dem Jahr 1583 erklingen muss? Vermutlich, weil es in der Instrumentierung gut passt und einen feierlichen Abschluss bildet. Die Zahl der Besucher, die den Abend mit gehörigem Applaus feiern, erinnert an Konzerte der neuen Musik vor der Pandemie. Das ist bedauerlich, und so ist der Saal nicht einmal zur Hälfte gefüllt. Verdient hätten Musiker, Musik und Thema deutlich mehr.
Michael S. Zerban