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Der Luxusliner Theater und Philharmonie Essen befindet sich in stürmischer See. Intendantin Merle Fahrholz hat ihren bis 2027 laufenden Vertrag nicht verlängert, die Zuschauerzahlen brechen weg und Vorwürfe gegen den Generalmusikdirektor wegen seines autoritären Führungsstils sorgen zunehmend für Unruhe im Theater und der verantwortlichen Politik. 1988 als gleißender Stern am deutschen Opernhimmel eröffnet, war das Aalto-Theater vor allem unter der Stabführung von Stefan Soltész Garant für höchste musikalische Leistungen. Legendäre Regiearbeiten haben das Essener Haus auch international bekannt gemacht. Dagegen ist die Bilanz der Neuproduktionen der letzten drei Jahre bescheiden. Aus dem Leitspruch der neuen Intendanz Open Up wurde ein Flushing Down. Eine Serie gefloppter und ärgerlicher Inszenierungen, wie die der Zauberflöte, sorgen für berechtigtes Unverständnis. Entsprechend gering die Auslastung und damit der zu erwirtschaftende Eigenanteil.
Leuchttürme finden sich hingegen immer wieder im Repertoire. So zum Ende dieser Spielzeit die von Dietrich W. Hilsdorf 1989 inszenierte Aida, die nach dem Düsseldorfer Rosenkavalier von Otto Schenk aus dem Jahr 1981 eine der ältesten Produktionen im deutschen Opernrepertoire ist. Auf jeden Fall ist sie die erfolgreichste und längste Aida-Produktion bundesweit.
Es geht um die unmögliche Liebe der Sklavin Aida zu dem feindlichen Feldherrn Radames. Und auch die Pharaonentochter Amneris hat ein Auge auf den Heerführer geworfen. Die fatale Dreiecksgeschichte endet tödlich – Aida und Radames werden bei lebendigem Leibe in einer Pyramide eingemauert und sterben gemeinsam.
Die Inszenierung bietet pralles Theater zu Verdis leidenschaftlicher Musik. Jenseits touristischer Ägypten-Klischees zeigt diese Aida die intensive Begegnung zweier Menschen, die an der Machtbesessenheit ihrer Umgebung scheitern. Der berühmte Triumphmarsch gerät zum bitterbösen Vorbeimarsch der Kriegsgewinnler und ihrer Opfer.

Was 1989 als innovative Provokation empfunden wurde und für Kontroversen gesorgt hat, ist nach zahlreichen Wiederaufnahmen mittlerweile zum Kult geworden. Angesichts der Weltlage könnte die Inszenierung aktueller kaum sein. Einst als engagierte Gesellschaftskritik beklatscht bis belächelt, zeichnet sie ein überzeugendes Bild der Gegenwart, mit all seinen irritierenden Abgründen. Wenn beim Triumphmarsch die Führungskräfte der Rüstungsindustrie in Elefantenkostümen einmarschieren, weiß man um die aktuellen Aktienkurse der Rüstungskonzerne. Wenn die Kriegerwitwen ihre Kinder dem nächsten Krieg opfern, weiß man um die Indoktrination der Kinder in Russland. Sieht man das Geleit der Kriegsversehrten, so hat man die TV-Bilder der verstümmelten ukrainischen Soldaten im Kopf. Ob Hilsdorf selbst daran gedacht hat, dass seine schonungslose Regiearbeit nach 36 Jahren einmal Realität werden könnte? Die Zuschauer im gut gefüllten Essener Haus scheinen von seiner Interpretation gefesselt, die vor allem die psychologischen Abgründe des Aida-Stoffes herausarbeitet. Die Inszenierung ist nicht nur unglaublich gegenwärtig, sondern immer noch ausgesprochen anspruchsvoll und berückend ästhetisch. Die einzigartige Personenregie von Hilsdorf setzt Maßstäbe. Ein Spagat zwischen monumentalem Pomp und kammerspielartiger, menschlicher Innigkeit. Johannes Leiacker hat dafür einen komplexen Bühnenraum entworfen, in dem Bühnenaufbauten, Theaterprospekte und Projektionen eine ausgewogene, spannungsgeladene Mischung ergeben. Es entstehen wunderbare Illusionsräume, die einfach nur faszinieren und in denen man sich verlieren kann. Nach Jahrzehnten immer noch unfassbar beeindruckend ist der neonkonturierte Unendlichtunnel als gemeinsames Grab von Radames und Aida im letzten Akt. Allein die Lichtregie bleibt unvergleichlich preisverdächtig. Die kongeniale Zusammenarbeit von Regie und Bühnenbildner ist aber nur ein Aspekt der Wiederaufnahme in Essen, über die es zu berichten lohnt. Im Mittelpunkt der Produktion steht die Gesamtbespielung des Zuschauerraums. Die Chöre singen vom dritten Rang. Posaunen und Trompeten erschallen aus dem zweiten Balkon. Was damals wie heute für ein gigantisches Klangerlebnis sorgt, hat in Essen und darüber hinaus seit 1989 Schule gemacht. So intensiv und eindrucksvoll wie in dieser Aida hat man Oper aber selten gehört. Und der ganz besonderen Faszination vermag man sich einfach nicht zu entziehen. Die akustische 360-Grad-Bespielung erfordert von den Dirigenten ein hohes Maß an Koordination. Die Dirigenten der letzten Jahrzehnte, von Ajmone-Marsan über Hauschild bis hin zu Soltész waren der Aufgabe gewachsen. Unter der aktuellen Leitung von Generalmusikdirektor Sanguineti scheint das Zusammenspiel etwas weniger ausgewogen und abgestimmt.
Hervorragend das Sängerensemble, das an diesem Abend von Stefano la Colla als Radames angeführt wird. Als kurzfristiger Ersatz für den erkrankten Roberto Aronica eingesprungen, gestaltet La Colla die heldentenorale Glanzpartie des ägyptischen Feldherrn makellos in der Stimmführung und bis ins Detail überzeugend in der Darstellung. Einen Tenor mit solcher Strahlkraft hat man am Aalto-Theater in den letzten Jahren nicht mehr hören können. Eine Stimme gefüllt mit heldischem Glanz und voller Schmelz im Piano. In der Region neben Jonathan Tetelmens Cavaradossi-Intermezzo an der Bonner Oper im Mai ein wohl unvergessliches Ereignis. Kaum minder überzeugend Emanuela Pascu als Amneris, die mit warmem Mezzo die für ihre Rolle so charaktervollen Registerwechsel souverän meistert.

Astrik Khanamiryan hingegen kann als Aida nur bedingt überzeugen. Seit Jahren im festen Ensemble und mit zahlreichen Rollen betraut, entwickelt sich ihr Gesang zwar zunehmend verlässlich, allerdings fehlt es ihr immer noch etwas an Ausdruck und Persönlichkeit, um glaubhaft große Heroinnen verkörpern zu können. Der zum Ende der Spielzeit scheidende Bass Sebastian Pilgrim als Oberpriester verfügt zwar über eine wunderbar sonore Stimmfärbung, fällt trotz hohen Niveaus aber immer wieder durch eine nicht makellose Intonation auf. Baurzhan Anderzhanov verleiht der Rolle des Königs Kraft und Nachdruck und überzeugt sowohl auf der Bühne wie im Zusammenspiel mit den Chören auch vom ersten Rang. Heiko Trinsinger als Amonasro brilliert ein weiteres Mal als begnadeter Charakterdarsteller. Mit anspruchsvollem Bariton punktet er verdient beim Publikum. Der klangschöne Sopran von Nataliia Kukhar strahlt als Tempelsängerin von der Hinterbühne. Albrecht Kludszuweit rundet das Ensemble als Bote ab.
Die stimmgewaltigen Chöre agieren in der Einstudierung von Klaas-Jan de Groot überzeugend und werden der besonderen Herausforderung ihrer Positionierung auf den Rängen gerecht. Zu erwähnen auch die opulente Statisterie, die den Triumphmarsch auf der Bühne beeindruckend stemmt, während große Teile des Chores im dritten Rang als Personenstaffage optisch nicht zur Verfügung stehen.
Die Essener Philharmoniker zeigen sich in gewohnter Weise als ausgewogener, differenzierter Klangkörper, leider mit minimalen Misstönen im Blech. Sanguineti wirft sich mit größtem Körpereinsatz in die Partitur und vermag die musikalischen Facetten herauszuarbeiten.
Insgesamt ist die Essener Aida ein fulminanten Opernerlebnis, das auch nach 36 Jahren noch so intensiv und berührend daherkommt, dass es die Mehrzahl der Besucher aus den Sitzen reißt. So funktioniert engagiertes und bildgewaltiges Regietheater, das zudem auch noch nachhaltig ist.
Bleibt zu hoffen, dass man angesichts der hausinternen Führungskrise schnell zu Lösungen findet. Weitere zwei Jahre Rumdümpeln bis zum vertragsmäßigen Ausscheiden der Intendanz wären verhängnisvoll. Das Aalto-Theater hat eine Neuausrichtung dringend nötig, um an das überragende Renommee der ersten Jahrzehnte wieder anknüpfen zu können.
Bernd Lausberg