O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

K21 - Foto © Sebastian Drüen

Salto mortale rückwärts

Nach wie vor gilt in Kunst­aus­stel­lungen die Regel: „Bitte nicht berühren!“ Die jetzt in der Kunst­sammlung Nordrhein-Westfalen Düsseldorf gezeigte größte Überblicks­aus­stellung der ameri­ka­ni­schen Objekt- und Konzept­künst­lerin Jenny Holzer in Deutschland erzählt, welche Wegstrecke Holzer von den Street-Art-Anfängen in den 1970-er Jahren in New York bis in den Kanon der Kunst­ge­schichte zurück­gelegt hat. 

Truisms, 2020 Verti­kales viersei­tiges LED-Schild – Foto © Collin LaFleche

Angekommen im musealen Under­statement „Don’t touch me!“, mutet es aller­dings angesichts einzelner, ursprünglich parti­zi­pativ, kommu­ni­kativ und inter­aktiv entwi­ckelter Objekte eher wie ein Salto Mortale rückwärts an. Ihre Truisms-Texte, damals anonym mit schwarzer Schrift auf weißem Papier in New York plaka­tiert, waren eine Auffor­derung – „Touch me & Tell me“. Mit Filzstift auf sie geschrieben oder gesprayt, positio­nierte sich die Stadt­ge­sell­schaft mit eigenen Texten. Eine der aktivsten war die später als Lady Pink bekannte Spray-Avantgardistin.

In Düsseldorf ist jetzt alles wohlge­ordnet, wie in einem bürger­lichen Salon um 1900, in dem das Mobiliar mit Tüchern abgedeckt ist. Gefeit gegen Staub und anderes, das den Glanz beein­träch­tigen könnte. Im Unter­ge­schoss ist der legendäre Sitzkreis Survival, 17 Indisch Rote Granit­bänke aus den Jahren 1983 bis 85, eines von Holzers Schlüs­sel­werken, ausge­stellt. Erstmals 1989 im Guggenheim Museum in New York präsen­tiert, umgibt diese Arbeit eine Art Heili­gen­schein. Auf Nachfrage eindeutig: „Only standing, no sitting!“

Verwiesen in respekt­volles Staunen, wird selbst das Träumen konter­ka­riert. „In einem Traum erschien die Möglichkeit zu überleben, und du warst selig.“ Diese Arbeitsform, kostbaren Materialien philo­so­phisch, sozial­kri­tisch und litera­risch inten­dierte Texte einzu­prägen, setzt sie seitdem konti­nu­ierlich bis in die Gegenwart fort. Was bleibt, ist die Ehrfurcht heischende Distanz.

In beinahe religiöser Versenkung vor Still Life, Sarkophag aus Breccia Medicea Marmor stehend, nimmt man das auf ihm einge­schriebene Gedicht Building the Barricade von Anna Świrszc­zyńska verstört wahr. Nicht der Bau einer Barrikade, sondern Entgrenzung von Barri­kaden: „I am so happy“, lautet die Schluss­zeile. So reduziert sich für den Ausstel­lungs­be­sucher sein Bemühen, mit Holzers Arbeiten in Inter­aktion zu treten, allein auf visuell beschränkte Kommunikationsversuche.

Dieser von der Kuratorin Vivien Trommer zusammen mit der Künst­lerin konzep­tio­nierten Ausstellung ist eine indirekte Auffor­derung zum staunenden Betrachten immanent. Inflamm­atory Wall Essays, Offset-Poster auf farbigem Papier von 1979 bis 82, mehrtau­sendfach in elf Farben multi­pli­ziert, sind auf eine Hälfte des Unter­ge­schosses mit dem Signum © 2023 Jenny Holzer geklebt. Beein­druckt das klein­teilig präzise Bekleben mehr, als das seit Jahrzehnten bekannte Werk?

Ähnlich kann man angesichts der von Lady Pink & Team in vierwö­chiger Arbeit vor Ort in Düsseldorf vor K21 mural, nach einer Foto-Vorlage von Susan Meiselas auf die Wände eines klaus­tro­pho­bisch anmutenden Kubus gesprayt, nach dem kreativ künst­le­ri­schen Mehrwert fragen. Auf Nachfrage, ob diese Wandarbeit nach Ausstel­lungsende abgenommen wird und womöglich in die Sammlung eingeht, verneint Trommer. Die Flächen würden für nächste Ausstel­lungen übermalt, frei gemacht werden. Die im Sinne einer kreativ immersiven Finali­sierung gemeinte Anregung, vor dem Überstreichen regionale Spray-Artisten in Reflexion der ursprüng­lichen Spray-Inter­aktion von Holzer und Lady Pink inter­agieren zu lassen, bekommt ein freund­liches – zustim­mendes? – Lächeln zur Antwort.

Auf dem Hinter­grund der langjäh­rigen Zusam­men­arbeit mit Lady Pink erklärt sich das Corporate Design der Ausstellung. Von Lisa Kahane fotogra­fiert, trägt sie ein T‑Shirt mit dem millio­nenfach kopierten Truism „Abuse of Power Comes as no Surprise“.

It Is Guns, 2019, LED-LKW, New York – Foto © Joe Carrotta

Die Fortsetzung der Ausstellung findet in der Beletage des K 21 schwer­punkt­mäßig mit maleri­schen Arbeiten statt, die visuell der Ästhetik des Abstrakten Expres­sio­nismus und der Farbfeld­ma­lerei verpflichtet sind. Sie impli­zieren einen inter­es­santen Verweis auf die in diesem Monat beendete Ausstellung Helen Franken­thaler im Essener Museum Folkwang. Gemein­sam­keiten vor allem in der farblichen Oberflä­chen­struk­tu­rierung, nicht aber in Holzers thema­ti­scher Perspektive von Freiheit und Menschen­rechten bis Krieg und Machtmissbrauch.

Mit den Redaction Paintings, die es seit 2005 gibt, Ölgemälde teilweise mit Blatt­me­tallen verziert, deckt sie in geschwärzten Kopien von US-Regie­rungs­do­ku­menten Macht- und Unter­drü­ckungs­struk­turen auf. Sie macht das Grausame lesbar, was hinter dem Geschwärzten subtil aufscheint. Aktua­li­siert in politisch humanis­ti­scher Positio­nierung, die allen ihren Werken eigen ist, reagiert die neue LED-Wandarbeit Ukraine zeitak­tuell wie gleich­zeitig zeitlos.

Die Instal­lation Lustmord aus den Jahren 1993 bis 95, die auf den Jugosla­wi­en­krieg mit seiner sexuellen Gewalt gegen Frauen und Mädchen als takti­scher Kriegs­waffe reagiert, steht dafür program­ma­tisch. Text-Fragmente, eingra­viert auf Silber­ringen, umfassen mensch­liche Knochen – von Holzer legal erworben aus dem Fundus medizi­ni­scher Arbeits- und Anschau­ungs­ma­te­rialien – „reprä­sen­tieren und mahnen“ die Kunst­werke „die Grausam­keiten und Verbrechen an“, sagt Holzer.

Lustmord lässt an die Perfor­mance Balkan Baroque von Marina Abramović denken. 1997 schrubbt diese während der Biennale von Venedig im Keller des italie­ni­schen Pavillons das Fleisch von Rinder­knochen ab. Mit assozi­ie­renden Verweisen auf Werke anderer Künst­le­rinnen, wie denen von Abramović und Franken­thaler erfährt die Ausstellung eine Erwei­terung zu einer reflek­tierten, kanoni­schen Kommu­ni­kation mit der Kunstgeschichte.

Allein dieser Aspekt lohnt den Besuch der Ausstellung allemal.

Peter E. Rytz

Teilen Sie sich mit: