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Nudes übersetzt das Wörterbuch mit Akte. Die englische Bezeichnung weist auf den eigentlichen Ausstellungsmacher der nämlichen Ausstellung im LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster hin, die noch bis zum 14. April dauert: Die Tate London. Die Sammlung tourt seit geraumer Zeit durch die Welt. An den Orten, wo dieser Satellit als Solitär andockt, wird Nudes durch Werke aus der jeweiligen Sammlung ergänzt. In Münster jetzt ebenso.

Vollmundig als Kooperationsprojekt angekündigt – und gleichzeitig konkretisiert: „Kunstwerke aus der Sammlung des LWL-Museums für Kunst und Kultur, etwa von Edvard Munch und August Macke, ergänzen die Schau“, verkündet das Museum. Als nach mehrjähriger Umbaupause 2014 das Museum mit Das nackte Leben. Bacon, Freud, Hockney und andere. Malerei in London 1950 – 80 wiedereröffnet, verzichtet man auf entsprechende Anglizismen. Die Zeiten haben sich verändert: Times have changed. English is also being spoken more and more in everyday life. So what … ist so eine der beliebten Behauptungen, die jeder Grundlage entbehrt.
Dass im Katalog die Unterscheidung von nackt und Akt, im Englischen also nude, thematisiert wird, was kunsthistorisch normativ interessant sein mag, tangiert den unmittelbaren Ausstellungsbesuch eher weniger. Nacktmalerei versus Aktmalerei: Nur ein kunstwissenschaftlicher Diskurs, der für den Normalo-Ausstellungsbesucher zielführend ist? Und wenn ja: Wohin? Mit Nudes setzt das Münsteraner Museum nach Henry Moore in den Jahren 2016 und 2017 sowie Turner: Horror and Delight seine Zusammenarbeit mit der Tate fort.
Wie und in welchen Formen sich der Akt ständig wandelt, er fasziniert, gleichzeitig die Gemüter aber auch empört und erregt, dekliniert die Ausstellung mit 90 Werken vom 19. bis zum 21. Jahrhundert mit verschiedenen Perspektiven auf den nackten Körper. Se la forma scompare, la sua radice è eterna, eine Neon-Kalligraphie von Mario Merz aus dem Jahr 2006, meterhoch an der Stirnwand in den Deichtorhallen in Hamburg in der aktuellen Ausstellung Dix und die Gegenwart installiert, öffnet mit der Diktion – Wenn die Form verschwindet, ist ihre Wurzel ewig – auch Nudes-Antwortperspektiven.
Der Ausstellungsparcours, den Kuratorin Tanja Pirsig-Marchall eingerichtet hat, ist eine instruktive wie emotionale Möglichkeit, sich davon ein Bild zu machen. Erotik signiert Leben seit allen Zeiten. Mythologisch intendiert, poetisch lyrisch formuliert, sozial-kritisch fokussiert, ist der nackte Körper immer eine Reflexionsfläche gesellschaftlicher und subjektiver Kontextuierungen.
Mit Amor und Psyche von Alphonse Legros zieht Nudes vom Ausstellungsbeginn den Mythos mit Anatomical Sudy after Michelangelo von William Orpen um 1906 eine Linie bis zur Renaissance. Unmittelbar kontrastierend mit der Skulptur Teukros, die Hamo Thornycroft 1881 geschaffen hat, läuft sie bis zum Aufbruch in die Moderne am Ende des 19. Jahrhunderts weiter. Dass unter den englischen Malern, die heute weniger bekannt sind und eher nicht zur ersten Liga der Kunstgeschichte zählen, gleichwohl mit Sir geadelt sind, wäre ein spannende Geschichte, die hier nicht weiter ausgeführt werden soll.
Ein Raum weiter markiert die tonnenschwere Rodin-Skulptur Le Baiser, also der Kuss, die in den Jahren 1901 bis 1904 entstand, ikonografisch das Zentrum der Ausstellung. Zuletzt 2021 in der Fondation Beyler Basel/Riehen und im Arp-Museum Bahnhof Rolandseck auf den Sockel gehoben, bewegt Rodins suggestive Formsprache immer wieder aufs Neue. Liebend, angelehnt an antike Vorbilder vollkommener Schönheit, ist allerdings auch das Böse in ihr mit Verweis auf Dantes Göttliche Komödie eingeschrieben. Rodin sich in Umarmung mit Camille Claudel, eine der bedeutendsten Künstlerinnen der Moderne und Muse, selbstdarstellend, wird später zu ihrem Fluch werden. Rainer Maria Rilke, für einige Jahre Rodins Sekretär schreibt in der Ersten Duineser Elegie: „Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen, und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.“
Eine Peep-Show-Guckkasten-Wand entlastet beim Rundgang von mancher Schwerblütigkeit und Blicke in seelische Abgründe in den ausgestellten Werken. Nächstens wecken die Matisse-Bronzen Nu de dos I die Fantasie, wie sie von vorn aussähen. Mit der Skulptur Leg Chair fordert und provoziert Anthea Hamilton. Eine unmissverständliche Kritik an jeder Objektivierung des weiblichen Körpers als Gebrauchsgegenstand in mehrfacher Form. Paint as flesh, wie Francis Bacon in Reclining Woman 1961 assoziiert.
Ana Mendieta entlässt mit dem Super-8-Farbfilm Blood and Feathers #2 aus dem Jahr 1974 den Ausstellungsbesucher mit einer wertschätzenden Hoffnung. Jeder nackte Körper erzählt eine Geschichte aus dem wahren Leben. Diese Wahrheiten möge jeder für und an sich selbst erkunden.
Peter E. Rytz