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DON GIOVANNI
(Wolfgang Amadeus Mozart)
Besuch am
27. Juni 2025
(Premiere)
Münchner Opernfestspiele in der Bayerischen Staatsoper München
Es gibt inzwischen viele Deutungen des Don Giovanni, an diesem „Mount Everest der Opernliteratur“ oder auch „musikalisch-theatralischen Ferrari von 1787“, wie ihn Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski nennt, haben sich schon viele Regisseure mit mehr oder weniger Erfolg die Zähne ausgebissen. Vom Macho auf der Opernbühne bis zum grüblerischen Antihelden gibt es viele Lesarten des frauenerobernden Wüstlings. Regisseur David Hermann, der zum ersten Mal an der Bayerischen Staatsoper inszeniert, geht das Stück von hinten an. Am Ende des umfangreichen, hier dreieinviertel Stunden dauernden Werkes, kurz nach der Höllenfahrt Don Giovannis, findet sich nämlich in der Ultima scena im Text der bislang nur wenig beachtete Satz: „Resti dunque quel birbon Con Proserpina e Pluton. – Es bleibe also jener Schurke bei Proserpina und Pluto“. Und auf dieser Bemerkung fußt Hermanns Regiekonzept.
Proserpina, die Tochter des Jupiter und der Ceres, wurde in der römischen Mythologie von Pluto in die Unterwelt entführt und zu seiner Frau gemacht. Sie ist dort die Herrscherin über die Toten und die Königin der Unterwelt. Allerdings muss sie nicht dauerhaft in der Hölle bleiben, sondern darf sie auf das unermüdliche Drängen ihrer Mutter hin immer für ein halbes Jahr verlassen und wieder nach oben kommen. Verweilt sie auf der Erde, ist Frühling und Sommer, lebt sie unten, ist Herbst und Winter.
Zu Beginn der Ouvertüre im neuen Münchner Don Giovanni sieht man, wie Proserpina die Unterwelt verlässt und auf die Erde kommt. Das Team um Regisseur Hermann mit Bühnenbildner Jo Schramm und Lichtdesigner Felice Ross lässt die Göttin aus der flüssigen Lava eines Vulkans auferstehen und mitten in dem Raum landen, wo Don Giovanni gerade mit Lust Donna Anna vernaschen möchte. In dem modernen, kühl gehaltenen en suite Schlafzimmer möchte sich Donna Anna sich aber vor der eigentlichen Bettszene noch schnell frisch machen. Proserpina, in hellroten Hosenanzug gekleidet, nutzt den Moment, um in die Gestalt Don Giovannis hineinzufahren. Ein Vorgehen, das in der Mythologie oft genutzt wird, um den Menschen besonders nah zu sein. Kostümbildnerin Sibylle Wallum hat dem Protagonisten hierfür einen langen, braun-rötlichen Mantel gegeben, unter den bei der Verwandlung schnell ein rotes Gewand, daruntergezogen oder befestigt beziehungsweise wieder entfernt werden kann, wenn Proserpina später den Körper des Mannes wieder verlässt.
Nun also steckt in dem jahrhundertelang verschrienen Inbegriff des testosterongesteuerten Lüstlings eine Frau. Sie kennt sich in der vorgefundenen Situation noch gar nicht aus und reagiert auf Donna Anna, die nun frischgemacht und gut gelaunt wieder aus dem Bad kommt, mit entsetzter Ablehnung, als die sich an sie – nun in der Gestalt Don Giovannis – ranmacht. Donna Anna wird nämlich hier nicht vergewaltigt. Als ihr Vater aufkreuzt, erwischt er sie bei einem lustvollen Seitensprung mit Don Giovanni. Proserpina eben dieser muss sich erst in ihre Rolle einfühlen und betrachtet die Situation zunehmend mit Befremdung und Ängsten, zumal nun der Komtur umgebracht werden muss. Donna Anna wiederum lenkt ihren hinzugekommenen Verlobten Don Ottavio von der für sie prekären Situation damit ab, dass er nun die Rache für sie quasi als sein Lebenswerk betrachten solle.
Denkt man sich anfangs, dass das schwierig werden könnte im Verlauf des Stückes, ist man erstaunt, wie gut das doch funktioniert, mit einigen kleinen Klippen im Text, über die man geflissentlich hinwegsehen muss. Insgesamt macht es Spaß, das zu verfolgen. Donna Anna mischt anschließend die nächste Szene, die im Standesamt spielt, gehörig auf. Getreu dem Motto „Dreams and Dramas“, das in Regenbogenfarben über dem Portal der Oper thront, kommen natürlich die unterschiedlichsten Paare hier zu den Standesbeamten. Kleine Gags sollen das Ganze aufpeppen, Leporello zieht die Liste der Eroberungen aus dem Wartenummerautomaten, die jeweiligen Nationalitäten der Damen in der Registerarie werden rot flimmernd digital angezeigt.

Etwas Farbe tut der Produktion insgesamt immer wieder gut, ganz in Grau ist sie gehalten, im Stile moderner Betonarchitektur kalt und nackt. Treppen führen hinauf und hinab, Bühnenelemente klappen hoch und offenbaren spartanisches Mobiliar. Die Kostüme sind recht nah am Heutigen in dezenten Farben gehalten. Wie gut, dass Wallum der Tanzszene wilde, farbenreiche Kostüme verordnet hat. Zur polymetrischen Musik mit drei Orchestern auf der Bühne ist der treffliche singende, von Christoph Heil gut einstudierte und durch Jean-Philippe Guilois choreografierte Staatsopernchor farbenfreudig und sehr fantasievoll ausstaffiert. Das ist außer der Gerichts- und Schlussszene, als sich die rote Hölle wieder auftut, einer der wenigen Momente, in dem die triste Umgebung Farbe gewinnt.
Im weiteren Verlauf wechselt Proserpina immer wieder aus Don Giovanni heraus und hinein, was dem Hauptdarsteller eine große schauspielerische Leistung abverlangt. Ensemblemitglied Konstantin Krimmel, der hier sein Rollendebüt gibt, macht das ganz fantastisch. Als Proserpina in Männergestalt zeigt er weibliche Gestik und Mimik, bewegt sich durchaus fraulich und singt mit hellen Farben. Dann darf er seine Canzonetta Deh vieni alla finestra, o mio tesoro zu Beginn des zweiten Aktes als der wahre männliche Verführer singen: einer der stärksten Momente der Aufführung. Krimmels heller und klar geführter Bariton, den er in zahlreichen Liederabenden immer wieder mit größtem Erfolg präsentiert, der aber durchaus Schmelz und erotisches Flair besitzt, kommt hier vollendet zur Geltung. Die Zuschauer sind so ergriffen, dass der Szenenapplaus ausbleibt. Man hat so einen Don Giovanni wohl noch nicht erlebt, so sehr vielschichtig ist die Figur angelegt und damit auch Krimmels Stimme. Der Sänger entwickelt sich zusätzlich zu einem großen Darsteller.
Das Ensemble ist insgesamt auf sehr hohem Niveau. Vera-Lotte Boecker als Donna Anna nennt einen hellen, sehr obertonreich und blendend fokussierten Sopran ihr eigen, sie kann sehr innig singen, zeigt aber auch Feuer in der Stimme. Giovanni Sala als Ottavio darf in der Inszenierung viel männlicher auftreten als sonst üblich und singt mit gut in der Bruststimme fundiertem, aber hellem Tenor seinen Rachewillen überzeugend. Christof Fischesser ist ein präsenter Komtur, in Stimme und Auftritt, wenn er nicht gerade mit einem Vorhang kämpft. Samantha Hankey als Donna Elvira steigert sich im Laufe der Aufführung zu großer Vehemenz, die Fuggi-il-traditor-Arie gelingt ihr mit Feuer und Verve, die Arie In quali eccessi mit großem stimmlichem Furor. Der Leporello von Kyle Ketelsen kommt sehr männlich daher und überrascht in der Verkleidung bei der Verführung von Donna Elvira mit Krimmels Farben in der Stimme. Mit Avery Amereau singt eine Mezzosopranistin die Zerlina. Sie macht das außerordentlich gut mit warmer, voller und kerniger Stimme und kann so ganz besonders gut als diejenige überzeugen, die ihre Sinnlichkeit im Laufe des Stückes entwickelt und von dem braven Masetto eigentlich genug hat. Die immer wieder auch in eigener Person auftretende Proserpina, gespielt von der Tänzerin Erica d’Amico, gefällt ihr zwischenzeitlich besser und lässt auch Proserpina erglühen, so dass sie am Ende in Masetto hineinfährt. Dabei singt Michael Morfidian den Masetto durchaus überzeugend und viril, aber irgendwie hat das Männliche in dieser Inszenierung ja ausgedient. Auch Pluto kommt als Tänzer – Andrea Scarfi – immer wieder auf die Erde und sieht nach dem Treiben. Am Ende stehen die übrig Gebliebenen am Abgrund der Hölle und ziehen Bilanz: „Questo è il fin di chi fa mal! – So endet, der das Böse will!“
Jurowski am Pult des Bayerischen Staatsorchesters präsentiert einen akzentuierten, klaren Klang und trumpft in den großen Szenen auch richtig auf. Den Sängern ist er ein guter Begleiter, deckt sie nicht zu, dürfte manchmal etwas im Tempo anziehen. Die Rezitative lässt er mit Hammerklavier und Cello begleiten, was einen besonderen Reiz und mehr Möglichkeit zur Gestaltung gibt. Für die Übergänge wurden eigens kleine Stücke hinzukomponiert.
Die Zuschauer im ausverkauften Haus feiern die Darsteller und das Orchester, haben aber für das Regieteam nicht viel übrig.
Jutta Schwegler