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Musik nach dem Todesmarsch

Wie ging es eigentlich weiter, nachdem die Überle­benden aus den Konzen­tra­ti­ons­lagern der Natio­nal­so­zia­listen befreit waren? Karla Schönebeck hat, ausgehend vom Liberation Concert am 27. Mai 1945, aufge­zeigt, wie sich die Situation in diesen Zeiten für die Juden darstellte. Sehr detail­freudig, sehr lesenswert.

Nichts war gut

Die Bilder haben sich ins kollektive Gedächtnis einge­graben. Ameri­ka­nische Soldaten, die von ihren Jeeps aus Zigaretten, Schokolade und Kaugummi verteilten. Filme von den Befrei­ungen der Überle­benden aus den Konzen­tra­ti­ons­lagern. Ja, in entsetz­lichem Zustand waren sie, aber sie waren befreit. Im Mai 1945 konnte die Welt aufatmen. Der Alptraum war beendet. So schien es. Aber nichts war gut. Die Menschen, die das KZ und die Todes­märsche überlebt hatten, mit denen die Nazis versucht hatten, das Ausmaß ihrer Gräuel­taten zu verschleiern, kamen nicht etwa in gut ausge­stattete Pflege­heime, wo sie von reuigen Deutschen wieder aufge­päppelt wurden. Vielmehr wurden sie erneut inter­niert. Sie waren Entwur­zelte in jeder Hinsicht, von den Ameri­kanern als displaced persons bezeichnet.

Nach ihrem Studium der Journa­listik absol­vierte Karla Schönebeck erfolg­reich ein Volon­tariat und nahm eine Stelle als Redak­teurin im Bereich Techno­logie an. Nach einigen Jahren der Festan­stellung entschloss sie sich, als freie Journa­listin und Autorin zu arbeiten. Seit längerem befasst sie sich mit der Vermittlung der deutschen Zeitge­schichte an junge Menschen. Und so ist wohl auch ihr neuestes Werk Musik nach dem Todes­marsch zu verstehen.

Drei Wochen nach ihrer Befreiung vom Todes­marsch gaben am 27. Mai 1945 acht Musiker auf dem Rasen vor dem jüdischen DP-Hospital St. Ottilien in Landsberg am Lech ein Konzert und begrün­deten damit die Tradition der Liberation Concerts. 400 Leidens­ge­nossen verfolgten die Aufführung. In der Folge schlossen sich immer mehr Musiker dem jüdischen DP-Orchester an. Die Konzerte sollten Mut und Hoffnung auf eine bessere Zukunft als frei bestimmte Menschen geben. „Einer der merkwür­digsten Aufträge kam von Jascha Guzewitz: KZ-Sträf­lings­be­kleidung, für die Musiker Hosen und Jacketts, für die Musike­rinnen Blazer und modische, enge schwarze Röcke. Die Aufträge an die Schrei­nerei und die Abteilung für Metall­ver­ar­beitung beinhal­teten den Bau einer Stachel­draht­in­stal­lation, Säulen und jeweils in Hebräisch und Deutsch ein überdi­men­sional großer David­stern mit der Aufschrift Jude. Die bei einigen Konzerten einge­setzte Bühnen­de­ko­ration und die blaugrau gestreiften Uniformen, die sie immer trugen, die Frauen geschminkt, die Haare sorgsam frisiert und in hochha­ckigen Pumps, wurden zum Marken­zeichen des Orchesters.“

Schönebeck nimmt das ungewöhn­liche Ereignis zum Anlass, die Situation der überle­benden Juden zu beschreiben. Sie trafen eben nicht überwiegend auf Deutsche, die froh waren, das erlittene Unrecht wieder­gut­zu­machen. Und es wird auch deutlich, dass Antise­mi­tismus, wie schon in der Vergan­genheit, keineswegs ein rein deutsches Phänomen war. Auch mit der Prokla­mation des Staates Israel am 10. Mai 1948 trat nicht die große Erlösung ein. Viele Juden standen den Entwick­lungen in Palästina mehr als skeptisch gegenüber. Und so sieht die Autorin es als ihre Aufgabe, die Lebenswege der Musiker nachzu­zeichnen, die ihr Heil mindestens so oft in Amerika wie in Israel suchten.

Dass es bald nur so von Namen von Personen wie Organi­sa­tionen wimmelt, erfordert auch bei histo­ri­schem Interesse durchaus Konzen­tration bei der Lektüre, entschädigt aber mit der Darstellung der verschie­denen Strömungen, die angenehm ideolo­giefrei erscheint und aus der Opfer­rolle heraus­tritt. „Wir dürfen den Holocaust nicht von der Zeit nach dem Holocaust trennen. Kritiker, die sagen, dass wir beim Judentum aufbauen können, das auf dem Holocaust basiert, haben soweit Recht, aber sie gehen nicht weit genug, denn wir können auf dem ‚wieder­ge­bo­renen Leben‘ der spiri­tu­ellen Energie und dem morali­schen Mut der DPs aufbauen. Nach dem ‚Nie wieder‘ zum Holocaust müssen wir das ‚Für immer wieder‘ zur Wieder­geburt und Erneuerung bekräftigen.“

Auf rund 260 Seiten breitet Schönebeck ein Panop­tikum aus, das ein farbiges Bild einer fast verges­senen Zeit entwirft. Schön, dass sie zu einem versöhn­lichen Ende findet. „Die Gedenk­kon­zerte zur Befreiung vom 27. Mai 1945 setzen ein wichtiges Zeichen. Angesichts des Übels, der Bigot­terie und der heutigen Kriege kann selbst eine kleine Stadt und auch eine beliebige Gruppe von Individuen die Welt wissen lassen und sie daran erinnern, dass wir alle Brüder und Schwestern einer mensch­lichen Familie sind.“

Michael S. Zerban

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