O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Patrick Pfeiffer

Köstlich

LA CENERENTOLA
(Gioachino Rossini)

Besuch am
25. Juli 2025
(Premiere am 18. Juli 2025)

 

Rossini in Wildbad, Kurtheater, Bad Wildbad

La Cenerentola zählt zu den am häufigsten insze­nierten oder auf CD einge­spielten Opern Rossinis beim Belcanto-Festival in Bad Wildbad. Ganz sicher liegt das an der hinrei­ßenden Musik des Meisters aus Pesaro, deren Qualität durchaus höher einge­stuft werden kann als die des späteren Welterfolgs Il barbiere di Siviglia. Gewiss nicht minder an der Fähigkeit der Festspiel­leitung, immer wieder aktuelle oder kommende Stars der Belcanto-Szene an die Enz zu locken, 2004 Joyce Di Donato und Bruno Pratico sowie den exzel­lenten Rossini-Dirigenten Alberto Zedda. Und die mit großar­tigen Gesangs­ta­lenten zu koppeln.

Der Dauer­erfolg der 20. Oper Rossinis an der Enz hat nicht zuletzt direkt mit dem Libretto, der Thematik, der Oper zu tun, die das ursprüng­liche Märchen erdet und gerade deswegen die Herzen der Menschen erreicht. La Cenerentola, halb buffa, halb semiseria, ist im Grunde eine Geschichte von oben und unten. Sie passiert seit 200 Jahren auf allen Opern­bühnen der Welt mit dem Vorzug, dass sie gut ausgeht und das Glück schenkt, das wir märchenhaft nennen. Sie erzählt von einer Welt, die streng trennt zwischen der feinen Herrschaft und ihren Bediens­teten. Die da oben sind aber weder fein, geschweige nobel. Und die da unten, die ein Herz haben, sich aber in Staub und Küchen­dreck schinden und auch noch erleben müssen, verachtet zu werden.

Jochen Schön­leber, Intendant des Festivals und Regisseur der Wildbader Cenerentola ‚25, scheint mit den Jahren und den von ihm verant­wor­teten Insze­nie­rungen eine leichtere Regiehand entwi­ckelt zu haben und sich zu erlauben. Anders als Bruno Klimek 2024 im Aalto-Musik­theater Essen, der dem Stück seine letzten Spuren­ele­mente von Märchen­zauber auszu­treiben und die immanente Geschlech­ter­hier­archie über den Haufen zu werfen sucht, ist ihm nicht groß an einer Deutung gelegen. Dafür inves­tiert er viel Energie und Spielwitz in sein Unter­fangen, die Fabel von Charles Perrault, auf der das Libretto von Jacopo Ferretti unter weitrei­chenden Änderungen beruht, äußerst unter­haltsam erzählen und die Köstlich­keiten des Stückes ausbreiten zu wollen. Das wiederum schließt Anspie­lungen auf eine Gesell­schaft von heute nicht aus, in der Betrug und Egoismus nicht unbekannt sind. Ganz im Gegenteil.

Die relativ kleine Bühne im feinen Kurtheater begünstigt den Ansatz, sich auf die einzelnen Stationen des Dramma giocoso zu konzen­trieren und das Gelingen der Aufführung weitgehend den Akteuren auf und unterhalb der Bühne zu überlassen.

Foto © Patrick Pfeiffer

In der ersten Szene, die im Saal des herun­ter­ge­kom­menen Schlosses von Don Magnifico, des Barons von Monte­fiascone, spielt, fokus­siert Schön­lebers Bühne auf den Kamin, an dem Angelina alias Cenerentola kauert und ihr Lieblingslied vom Prinzen singt, der Pomp und Reichtum verschmäht und eine treuherzige einfache Braut sucht. Der Ofen wird durch eine winzige Laterne, umgeben von Holzscheiten, angedeutet, die an der Spitze von aufge­schich­teten Requi­siten positio­niert ist. Zu beiden Seiten sind Kleider­schränke aufge­stellt, aus denen sich Clorinda und Tisbe, Aschen­puttels Halbschwestern, bedienen, während sie sich in Lobprei­sungen ihrer eigenen Schönheit ergehen. Deren Inventar ist zuvor von einer Diener­schar in Plastik­tüten herbei­ge­schafft worden, womöglich aus Second-Hand-Boutiquen angesichts der finan­zi­ellen Misere des Magnifico.

Das Zimmer im Schloss von il principe ist schlicht gehalten, als wolle die Ausstattung den Traum Angelinas vom unprä­ten­tiösen Traummann unter­mauern. Im Finale wandeln sich die Requi­siten durch einfache Drehungen in einen Thron samt rot gepols­tertem Thron­sessel, dem Angelina sich über einen roten Teppich nähert. Effektvoll ist die Idee, die Höflinge mit und an einem langen Balken agieren zu lassen, der mal als Raumteiler, dann als Tisch für die Festtafel dient.

Die Kostüme von Claudia Möbius treiben den spiele­ri­schen Ansatz weiter. Clorinda und Tisbe dürfen in farben­frohen Stoffen und fanta­sie­vollen Kleidern schwelgen. Cenerentola erscheint anfänglich als die graue Maus, die sie im Verständnis ihrer Bagage auch bleiben soll. Als unbekannte verschleierte Dame im Schluss des ersten Akts, die die komplette Schloss­ge­sell­schaft verzaubert, ist sie in eine elegante Robe gewandet. Ramiro und Dandini sind dagegen under­dressed. Ihr doppelter Kleider­tausch funktio­niert gut, weil kein Wert auf pompöse Ausstattung des Prinzen gelegt wird. Aller­dings ist Dandini mit Sonnen­brille und Dienst­kluft in Weiß allzu sehr auf den neapo­li­ta­ni­schen Macho getrimmt. Magnifico ist ebenso schäbig gekleidet wie die Anmutung seines Besitzes.

Relativ neu für eine Insze­nierung im Kurtheater ist der reich­liche Einsatz von Video­ein­spie­lungen, die die wechselnden Auftritte der Solosänger begleiten, je nach Charakter verdeut­lichen oder überspitzen. Was anfänglich amüsiert, läuft sich nach einer Weile tot, weil sich die Bildaus­schnitte wieder­holen. Hier wäre weniger mehr.

Einiges in Schön­lebers Regie­konzept offenbart sich nicht auf Anhieb. Zur Ouvertüre lässt er Alidoro, Philosoph und Lehrer Ramiros, hinter den Kulissen der eigent­liche Draht­zieher des Geschehens, als Bettler in Erscheinung treten, der die Kunst des Karten­lesens beherrscht. Vor dem Vorhang trifft er auf Angelina, die sehr an einer Vorhersage ihrer Zukunft inter­es­siert ist. Aus offen­kun­diger Dankbarkeit über die Weissagung wirft sie ihm eine Münze in einen mitge­brachten Pappbecher. Choristen, womöglich Abgesandte Magni­ficos, der seine Familie mit allen Mitteln gegen Wider­sacher vertei­digen will, überfallen und berauben Alidoro. Wie ein Stück Wieder­gut­ma­chung wirkt im Schluss die Geste Angelinas, die Alidoro, jetzt wieder der Bettler, auf den Thron kompli­men­tiert und mit fürst­lichen Speisen bewirtet, die ihm aller­dings Magnifico und die galligen Schwestern streitig machen.

Gesungen wird auf einem mehr als passablen Festspiel­niveau. Heraus­ragend bis überwäl­tigend geraten die Ensem­ble­nummern, insbe­sondere das wunderbare Quintett Signor, una parola und speziell das grandiose Sextett Siete voi … Questo è un nodo avvilupatto. Mit „vollkom­mener Verwirrung“ reagiert da die Misch­kolanz auf die Entde­ckung des Abends und des ganzen Stücks. Dandini ist nicht der Diener des Fürsten, sondern dieser höchst­selbst, Prinz Don Ramiro. Und der begehrt niemanden mehr an seiner Seite auf dem Thron als Cenerentola, deren Tage als ernied­rigtes Aschen­puttel gezählt sind.

Foto © Patrick Pfeiffer

Patrick Kabongo ist der Prinz mit tenoraler Spinto-Qualität, die er mit seinem anrüh­renden Einstieg Tutto è deserto unmit­telbar unter Beweis stellt. Er begeistert im anschlie­ßenden Duett mit Angelina Un soave non so che mit eben der beseelten Inbrunst, die Polina Anikina in der Titel­rolle zu einem gewissen Grad fehlt. Die technische ausge­zeichnete Mezzo­so­pra­nistin versteht es von ihrer ersten Arie Una volta c’era un re an, die von den Stief­schwestern jäh unter­brochen wird, bis zum famosen Schluss­rondo Nacqui all’affanno, no pianto die Traum­welten auszu­malen, die sie erfüllen, ohne jedoch dabei das wünschens­werte Charisma ihrer Figur zu erreichen.

Der Bassba­riton Filippo Morace ist als Magnifico eine Wucht, der den legen­dären Pratico in der Rolle phasen­weise vergessen lässt. Mit gespielter Empörung ganz ausge­zeichnet in der Arie Sia qualunque delle figlie und als polternder Buffo im Duett mit Dandini Un segreto d’importanza, als sich heraus­stellt, dass er sich total verzockt hat. Als Ramiros Diener ist ihm Emmanuel Franco in seiner Burschi­ko­sität zumindest ebenbürtig. Ein spötti­sches Glanz­stück ist sein Come un’ape, ne giorni d’aprile, bei dem sich der Bariton auf den Spuren Don Giovannis wähnt. Der Bassba­riton Dogukan Özkan zeichnet die Figur des Alidoro mit Würde und schönem Timbre, das seine einzige Arie Là del ciel nell’­arcano profondo in einen Edelstein des Belcanto verwandelt. Ellada Koller als Clorinda und Verena Kronbichler als Tisbe sind prächtig singende und dank ihrer varian­ten­reichen Mimik noch bessere Schauspielerinnen.

Unter Leitung des Dirigenten José Miguel Pérez-Sierra präsen­tieren sich das Orchester und der auch darstel­le­risch überzeu­gende Männerchor der Szyma­nowski-Philhar­monie Krakau in bester Verfassung. Virtuos und witzig werden die Instru­men­ta­listen in den Rezita­tiven assis­tiert von Gianluca Ascheri am Tafel­klavier. In den Tutti-Passagen avanciert das Kurtheater förmlich zur großen Rossini-Arena. Bei der Temporale, der Gewit­ter­musik, die zur Enträt­selung der Geheim­nisse um Ramiro und Dandini überleitet, wird die linke Tür zum Saal geöffnet. Für die Windma­schine wäre angesichts der begrenzten Raumka­pa­zität kein Platz gewesen.

Mit minuten­langem, frene­ti­schem Jubel quittiert das Publikum knapp drei Stunden Rossini-Glück an der Enz. Fünf Mal öffnet sich das Portal des Kurtheaters zur Cenerentola ‚25, der Kernköst­lichkeit des Festivals. Auch gelegentlich beschaffte zusätz­liche Stühle reichen nicht, um alle Rossini-Affcio­nados unter­zu­bringen. Belcanto-Herz, was willst du mehr.

Ralf Siepmann

Teilen Sie O-Ton mit anderen: