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Julia-Lena Lippoldt, Lili Oksanen und Lisa Streich - Foto © Oliver Stroemer

Herrlich abgefahren

LOST PARADISE
(Kristóf Szabó)

Besuch am
3. August 2025
(Premiere am 2. August 2025)

 

F.A.C.E. Visual Performing Arts in der Kultur­kirche St. Gertrud, Köln

Der Club 68 Köln entstand aus einer Freizeit­gruppe, die sich aus Schülern und Zivil­dienst­leis­tenden der Körper­be­hin­der­ten­schule Belve­de­restraße und Studenten der heilpäd­ago­gi­schen Univer­sität zu Köln bildete. Mit seiner Freizeit- und Kultur­arbeit, aus der sich insbe­sondere die integrative Theater­pro­duktion erfolg­reich etablierte, will der Club die Isolation behin­derter Kinder und Jugend­licher aufbrechen. So ist es in der Historie des Clubs nachzu­lesen, der 1975 gegründet wurde. Aus Anlass des 50-jährigen Bestehens des Vereins für Behin­derte und Nicht­be­hin­derte hat der Vorsit­zende, Hans Günter Brands, das Theater­stück Lost Paradise produ­ziert. Das heißt, er hat Kristóf Szabo mit Text, Drama­turgie, Regie und Choreo­grafie und dessen Ensemble F.A.C.E. Visual Performing Arts mit der Umsetzung beauf­tragt. Außerdem hat er dafür gesorgt, dass die Aufführung in der Kölner Kultur­kirche St. Gertrud stattfindet.

Entworfen hat den Kirchenbau, der 1965 abgeschlossen wurde, der Architekt Gottfried Böhm, der sich mit dem „Affen­felsen“, dem Bensberger Rathaus, 1971 ein Denkmal gesetzt hat. Beide Gebäude sind im Stil des Bruta­lismus erbaut und scheinen für die Ewigkeit geschaffen. Vor allem aber beein­druckt in der Kirche die riesige Spiel­fläche, die Szabo veran­lasst, eine der größten, wenn nicht vielleicht seine bislang größte Aufführung zu inszenieren.

Julia-Lena Lippoldt – Foto © Oliver Stroemer

Inspi­rieren ließ sich Szabó von einem Erzähl­ge­dicht aus dem 17. Jahrhundert. In Paradise Lost diktiert der blinde Dichter John Milton – der den Beinamen Anwalt des Teufels erhielt – seinen Töchtern in Blank­versen die biblische Geschichte des Höllen­sturzes der gefal­lenen Engel, der Versu­chung von Adam und Eva durch Satan, des Sünden­falls und der Vertreibung aus dem Garten Eden. Szabó inter­es­siert sich nicht für den religiösen Aspekt der Geschichte. Ihn treibt die Frage um, was es heißt, die Frucht vom Baum der Erkenntnis genossen zu haben. Satan versprach Eva das rationale Verstehen der Phänomene der Welt. Doch solches Denken ist nach Ansicht Szabós erst möglich, wenn der Mensch Kategorien einführt, wertet und bewertet. Eine Bewertung aber generiere Leiden. Ebenso wie der Versuch, das Leiden zu bekämpfen, weiteres Leiden generiere. Eine unent­rinnbare Spirale? Der Regisseur und sein Team gelangen zu der Erkenntnis, dass Katego­ri­sieren, Werten und Bewerten Ratio­na­li­sie­rungs­pro­zesse sind, die die Spirale füttern. Das gilt es, auf der Bühne darzu­stellen. Dazu schafft Szabó ein mehr als zweistün­diges Werk in zwei Teilen, bei dem es Auszüge aus Gedichten von Hergit Albrecht, von Szabós Das Tagebuch von Eva und Adams Abstieg zur Erde, aber auch aus Schläfer erwacht von Kenneth Patchen sowie aus Paradise Lost von Milton zu hören gibt. Im ersten Teil von Lost Paradise steht Eva im Mittel­punkt, im zweiten Teil rückt Adam ins Rampen­licht. Eva wurde bereits im Mai einmal in der Wachs­fabrik aufge­führt, Adam erblickt nun in der Gertru­dis­kirche das Licht der Welt. Szabó verhehlt nicht, dass ihm Adam mehr am Herzen liegt, und der Zuschauer wird ihm am Ende des Abends Recht geben.

Lucas Rosenberg und Boshi Nawa – Foto © Oliver Stroemer

Es kommt nicht so oft vor, dass einem Ensemble eine Spiel­fläche solchen Ausmaßes zur Verfügung steht. Fluch und Segen zugleich, möchte man meinen. Schon vor Beginn sind auf den seitlichen Wänden Projek­tionen zu sehen, die an eine Mischung aus Bibel­bildern und einem Anatomie-Atlas erinnern. Vor dem Altarraum sind die Stuhl­reihen für das Publikum aufgebaut. Ihnen gegenüber eine dreiteilige Leinwand. Im Raum verteilt sind Skulp­turen, die mit ihren weißen Würfelchen an stili­sierte Bäume denken lassen. Dazwi­schen Gerüste aus Holz, wie man sie von Bühnen­bildner Ulrich Krähling stilis­tisch aus früheren Produk­tionen kennt. Eine zusätzlich aufge­baute Rampe erweitert den Spielraum an der rechten Seite. Links weit vorne sind die Computer der Technik erkennbar. Hinter dem Publikum wird für weitere Überra­schungen gesorgt. Die Fläche in der Mitte reicht aus, Chöre aufmar­schieren zu lassen. Umso größer die Gefahr, dass sich ein paar Einzel­per­sonen hier förmlich im Nichts verlieren. Der Regisseur spielt mit dem Risiko, wenn er für intensive Solo-Darstel­lungen sorgt und weitere Personen statua­risch aus dem Licht von Nolle Woida und Luis Neuen­hofer nimmt oder „in die Ferne“ schickt. Das gelingt ausge­zeichnet. Vorerst aber zeigt Ivó Kovács seine überdurch­schnitt­lichen Fähig­keiten auf der Leinwand. Die Besucher haben bereits zu Beginn Kopfhörer bekommen, um den Tücken der Akustik in der Kirche zu entgehen und die von verschie­denen Sprechern vorge­fer­tigten Texte zu hören, zu denen Kovács Engel in zukünf­tigen, überbor­denden Welten zeigt. Luxus­li­mou­sinen durch­queren seelenlose Archi­tektur einer möglichen Zukunft. Ganze Schwälle goldener Farbe ergießen sich in den Bildern. Unermess­licher Reichtum wird da sugge­riert, der alles Leid dieser Welt zu übertünchen vermag. So eindrucksvoll das Schaffen Kovács‘ ist, fragt man sich nach etwa 20 Minuten doch allmählich, ob das nun ein Kinoabend wird.

Dann endlich beginnt, weshalb man eigentlich gekommen ist. Die Tänze­rinnen Lisa Streich und Julia-Lena Lippoldt treten als Eva auf, Lili Oksanen inter­pre­tiert Satan. Wer hier Handlung erwartet, wird enttäuscht. Den größten Genuss findet der, der sich auf die surreale Überhöhung einlässt, zu der auch die wunderbar fanta­sie­vollen Kostüme passen. Das durchaus erotische Spiel Lippoldts mit dem verbrannten Baumstamm faszi­niert ebenso wie die Doppelung der Eva, mit der Streich ins Spiel kommt. Inter­essant ist, dass die Darstellung der drei Akteu­rinnen intensiv genug ist, die Leinwand­pro­jek­tionen vollkommen außer Acht zu lassen. Unangenehm wird es für das Publikum, als es in Menschen und Tiere aufge­teilt und genötigt wird, sich in eben diese Gruppen aufzu­teilen. Ärgerlich nicht, weil man als Tier klassi­fi­ziert wird. Damit kann man spiele­risch umgehen. Aber als älterer Mensch nicht nur den ausge­wählten Sitzplatz verlassen zu müssen – mögli­cher­weise hat man sich bei der Wahl etwas gedacht – sondern im dunklen Zuschau­erraum über Stolper­fallen und zwischen Kameras hindurch auf einen neuen Sitzplatz wechseln zu müssen, von dem aus man zu allem Überfluss auch kaum noch etwas sieht und so einen Glanz­punkt im Auftritt Streichs verpasst, schafft nicht nur Unsicherheit, sondern auch durchaus Gefahr. Da ist es durchaus als Berei­cherung zu verstehen, wenn man ohne die Notwen­digkeit einer neuen Hüfte in die Pause gelangen kann.

John Herman – Foto © Oliver Stroemer

Für Adam hat Szabó noch einige Asse im Ärmel, um nicht zu sagen: Im zweiten Teil werden alle Schleusen geöffnet. Es beginnt mit dem martia­li­schen Auftritt von John Herman. Der betritt die Bühne, nur mit einem Lenden­schurz und einer Beinpro­these bekleidet, trägt zwei Kunst­beine an Ketten, die er immer wieder auf den Boden schlägt. Als Adam bekommt er nicht den süßen Geschmack des Apfels zu schmecken, sondern muss in saure Zitronen beißen. Sprühend verbreitet sich der Saft, wenn er mit dem Frucht­fleisch seinen Mund füllt. Das ist durchaus atembe­raubend und erinnert an Brechtsche Wucht. Hier hat Szabó einen Punkt erreicht, auf den er ständig hinar­beitet. Dagegen wirkt Lucas Rosenberg nahezu beruhigend, wenn er Texte vorträgt, während er von Boshi Nawa gefesselt wird. Der hat dazuge­lernt und bereits entspre­chende Vorar­beiten geleistet, so dass der Effekt, Rosenberg als Adam in der Waage­rechten schweben zu lassen, rasch erzielt wird.

Für einen weiteren Höhepunkt an diesem Abend sorgt die Musik. Denn Szabó steht hier eine Orgel zur Verfügung. Und für die wie für die Stimme von Natalia Vosko­boy­nikova hat Giorgi Sheki­ladze kompo­niert, der auch selbst spielt. Dabei stellt er höchste Anfor­de­rungen an die Sopra­nistin, wenn er kaum noch darstellbare Vokalisen einfordert. Aber auch Vosko­boy­nikova schreckt vor zusätz­lichen Aufgaben nicht zurück, wenn sie etwa auch als Tänzerin auftritt oder das Gerüst Krählings aka Boshi Nawa erklimmt und dabei singt. So überlässt der Regisseur ihr auch bereit­willig den Schluss: Aus Liebe singt die Sopra­nistin aus Johann Sebastian Bachs Aus Liebe will mein Heiland sterben. So drama­tisch wie hoffnungsvoll klingt damit der Abend aus, der vom Publikum ausgiebig gefeiert wird.

Kristóf Szabó hat hier sicher einen weiteren Höhepunkt seines Schaffens erreicht. Und so bleibt ihm zu wünschen, dass Lost Paradise auch an anderen Orten in Deutschland, ach was, in der Welt zur Aufführung kommt. Wenn es eine Zukunft für das Tanz- und Musik­theater gibt, weist Szabó ihr den Weg.

Michael S. Zerban

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