O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken

LOST PARADISE
(Kristóf Szabó)
Besuch am
3. August 2025
(Premiere am 2. August 2025)
F.A.C.E. Visual Performing Arts in der Kulturkirche St. Gertrud, Köln
Der Club 68 Köln entstand aus einer Freizeitgruppe, die sich aus Schülern und Zivildienstleistenden der Körperbehindertenschule Belvederestraße und Studenten der heilpädagogischen Universität zu Köln bildete. Mit seiner Freizeit- und Kulturarbeit, aus der sich insbesondere die integrative Theaterproduktion erfolgreich etablierte, will der Club die Isolation behinderter Kinder und Jugendlicher aufbrechen. So ist es in der Historie des Clubs nachzulesen, der 1975 gegründet wurde. Aus Anlass des 50-jährigen Bestehens des Vereins für Behinderte und Nichtbehinderte hat der Vorsitzende, Hans Günter Brands, das Theaterstück Lost Paradise produziert. Das heißt, er hat Kristóf Szabo mit Text, Dramaturgie, Regie und Choreografie und dessen Ensemble F.A.C.E. Visual Performing Arts mit der Umsetzung beauftragt. Außerdem hat er dafür gesorgt, dass die Aufführung in der Kölner Kulturkirche St. Gertrud stattfindet.
Entworfen hat den Kirchenbau, der 1965 abgeschlossen wurde, der Architekt Gottfried Böhm, der sich mit dem „Affenfelsen“, dem Bensberger Rathaus, 1971 ein Denkmal gesetzt hat. Beide Gebäude sind im Stil des Brutalismus erbaut und scheinen für die Ewigkeit geschaffen. Vor allem aber beeindruckt in der Kirche die riesige Spielfläche, die Szabo veranlasst, eine der größten, wenn nicht vielleicht seine bislang größte Aufführung zu inszenieren.

Inspirieren ließ sich Szabó von einem Erzählgedicht aus dem 17. Jahrhundert. In Paradise Lost diktiert der blinde Dichter John Milton – der den Beinamen Anwalt des Teufels erhielt – seinen Töchtern in Blankversen die biblische Geschichte des Höllensturzes der gefallenen Engel, der Versuchung von Adam und Eva durch Satan, des Sündenfalls und der Vertreibung aus dem Garten Eden. Szabó interessiert sich nicht für den religiösen Aspekt der Geschichte. Ihn treibt die Frage um, was es heißt, die Frucht vom Baum der Erkenntnis genossen zu haben. Satan versprach Eva das rationale Verstehen der Phänomene der Welt. Doch solches Denken ist nach Ansicht Szabós erst möglich, wenn der Mensch Kategorien einführt, wertet und bewertet. Eine Bewertung aber generiere Leiden. Ebenso wie der Versuch, das Leiden zu bekämpfen, weiteres Leiden generiere. Eine unentrinnbare Spirale? Der Regisseur und sein Team gelangen zu der Erkenntnis, dass Kategorisieren, Werten und Bewerten Rationalisierungsprozesse sind, die die Spirale füttern. Das gilt es, auf der Bühne darzustellen. Dazu schafft Szabó ein mehr als zweistündiges Werk in zwei Teilen, bei dem es Auszüge aus Gedichten von Hergit Albrecht, von Szabós Das Tagebuch von Eva und Adams Abstieg zur Erde, aber auch aus Schläfer erwacht von Kenneth Patchen sowie aus Paradise Lost von Milton zu hören gibt. Im ersten Teil von Lost Paradise steht Eva im Mittelpunkt, im zweiten Teil rückt Adam ins Rampenlicht. Eva wurde bereits im Mai einmal in der Wachsfabrik aufgeführt, Adam erblickt nun in der Gertrudiskirche das Licht der Welt. Szabó verhehlt nicht, dass ihm Adam mehr am Herzen liegt, und der Zuschauer wird ihm am Ende des Abends Recht geben.

Es kommt nicht so oft vor, dass einem Ensemble eine Spielfläche solchen Ausmaßes zur Verfügung steht. Fluch und Segen zugleich, möchte man meinen. Schon vor Beginn sind auf den seitlichen Wänden Projektionen zu sehen, die an eine Mischung aus Bibelbildern und einem Anatomie-Atlas erinnern. Vor dem Altarraum sind die Stuhlreihen für das Publikum aufgebaut. Ihnen gegenüber eine dreiteilige Leinwand. Im Raum verteilt sind Skulpturen, die mit ihren weißen Würfelchen an stilisierte Bäume denken lassen. Dazwischen Gerüste aus Holz, wie man sie von Bühnenbildner Ulrich Krähling stilistisch aus früheren Produktionen kennt. Eine zusätzlich aufgebaute Rampe erweitert den Spielraum an der rechten Seite. Links weit vorne sind die Computer der Technik erkennbar. Hinter dem Publikum wird für weitere Überraschungen gesorgt. Die Fläche in der Mitte reicht aus, Chöre aufmarschieren zu lassen. Umso größer die Gefahr, dass sich ein paar Einzelpersonen hier förmlich im Nichts verlieren. Der Regisseur spielt mit dem Risiko, wenn er für intensive Solo-Darstellungen sorgt und weitere Personen statuarisch aus dem Licht von Nolle Woida und Luis Neuenhofer nimmt oder „in die Ferne“ schickt. Das gelingt ausgezeichnet. Vorerst aber zeigt Ivó Kovács seine überdurchschnittlichen Fähigkeiten auf der Leinwand. Die Besucher haben bereits zu Beginn Kopfhörer bekommen, um den Tücken der Akustik in der Kirche zu entgehen und die von verschiedenen Sprechern vorgefertigten Texte zu hören, zu denen Kovács Engel in zukünftigen, überbordenden Welten zeigt. Luxuslimousinen durchqueren seelenlose Architektur einer möglichen Zukunft. Ganze Schwälle goldener Farbe ergießen sich in den Bildern. Unermesslicher Reichtum wird da suggeriert, der alles Leid dieser Welt zu übertünchen vermag. So eindrucksvoll das Schaffen Kovács‘ ist, fragt man sich nach etwa 20 Minuten doch allmählich, ob das nun ein Kinoabend wird.
Dann endlich beginnt, weshalb man eigentlich gekommen ist. Die Tänzerinnen Lisa Streich und Julia-Lena Lippoldt treten als Eva auf, Lili Oksanen interpretiert Satan. Wer hier Handlung erwartet, wird enttäuscht. Den größten Genuss findet der, der sich auf die surreale Überhöhung einlässt, zu der auch die wunderbar fantasievollen Kostüme passen. Das durchaus erotische Spiel Lippoldts mit dem verbrannten Baumstamm fasziniert ebenso wie die Doppelung der Eva, mit der Streich ins Spiel kommt. Interessant ist, dass die Darstellung der drei Akteurinnen intensiv genug ist, die Leinwandprojektionen vollkommen außer Acht zu lassen. Unangenehm wird es für das Publikum, als es in Menschen und Tiere aufgeteilt und genötigt wird, sich in eben diese Gruppen aufzuteilen. Ärgerlich nicht, weil man als Tier klassifiziert wird. Damit kann man spielerisch umgehen. Aber als älterer Mensch nicht nur den ausgewählten Sitzplatz verlassen zu müssen – möglicherweise hat man sich bei der Wahl etwas gedacht – sondern im dunklen Zuschauerraum über Stolperfallen und zwischen Kameras hindurch auf einen neuen Sitzplatz wechseln zu müssen, von dem aus man zu allem Überfluss auch kaum noch etwas sieht und so einen Glanzpunkt im Auftritt Streichs verpasst, schafft nicht nur Unsicherheit, sondern auch durchaus Gefahr. Da ist es durchaus als Bereicherung zu verstehen, wenn man ohne die Notwendigkeit einer neuen Hüfte in die Pause gelangen kann.

Für Adam hat Szabó noch einige Asse im Ärmel, um nicht zu sagen: Im zweiten Teil werden alle Schleusen geöffnet. Es beginnt mit dem martialischen Auftritt von John Herman. Der betritt die Bühne, nur mit einem Lendenschurz und einer Beinprothese bekleidet, trägt zwei Kunstbeine an Ketten, die er immer wieder auf den Boden schlägt. Als Adam bekommt er nicht den süßen Geschmack des Apfels zu schmecken, sondern muss in saure Zitronen beißen. Sprühend verbreitet sich der Saft, wenn er mit dem Fruchtfleisch seinen Mund füllt. Das ist durchaus atemberaubend und erinnert an Brechtsche Wucht. Hier hat Szabó einen Punkt erreicht, auf den er ständig hinarbeitet. Dagegen wirkt Lucas Rosenberg nahezu beruhigend, wenn er Texte vorträgt, während er von Boshi Nawa gefesselt wird. Der hat dazugelernt und bereits entsprechende Vorarbeiten geleistet, so dass der Effekt, Rosenberg als Adam in der Waagerechten schweben zu lassen, rasch erzielt wird.
Für einen weiteren Höhepunkt an diesem Abend sorgt die Musik. Denn Szabó steht hier eine Orgel zur Verfügung. Und für die wie für die Stimme von Natalia Voskoboynikova hat Giorgi Shekiladze komponiert, der auch selbst spielt. Dabei stellt er höchste Anforderungen an die Sopranistin, wenn er kaum noch darstellbare Vokalisen einfordert. Aber auch Voskoboynikova schreckt vor zusätzlichen Aufgaben nicht zurück, wenn sie etwa auch als Tänzerin auftritt oder das Gerüst Krählings aka Boshi Nawa erklimmt und dabei singt. So überlässt der Regisseur ihr auch bereitwillig den Schluss: Aus Liebe singt die Sopranistin aus Johann Sebastian Bachs Aus Liebe will mein Heiland sterben. So dramatisch wie hoffnungsvoll klingt damit der Abend aus, der vom Publikum ausgiebig gefeiert wird.
Kristóf Szabó hat hier sicher einen weiteren Höhepunkt seines Schaffens erreicht. Und so bleibt ihm zu wünschen, dass Lost Paradise auch an anderen Orten in Deutschland, ach was, in der Welt zur Aufführung kommt. Wenn es eine Zukunft für das Tanz- und Musiktheater gibt, weist Szabó ihr den Weg.
Michael S. Zerban