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KAMMERKONZERT
(Siegfried Wagner, Richard Wagner, Franz Liszt)
Besuch am
30. Juli 2025
(Einmalige Aufführung)
Es ist Festspielzeit in Bayreuth, und da gibt es neben den Aufführungen auf dem Grünen Hügel auch abseits des Festspielhauses einiges zu entdecken. So steht im Hof des Steingraeber-Hauses während der Sommerzeit eine Studiobühne in einem Zelt, in dem seit über drei Jahrzehnten der Regisseur Udo Hoppe die Werke Richard Wagners in einer verkürzten parodistischen Theaterversion mit großem Erfolg aufführt. In diesem Jahr steht Der Ring Rebooted auf dem Spielplan, eine köstliche und zugleich nachdenklich stimmende Kurzfassung von Wagners Monumentalwerk. Absolut sehenswert!
Während also an diesem Abend im Festspielhaus der Parsifal gegeben wird und in der Studiobühne der Ring Rebooted läuft, gibt es direkt nebenan im Kammermusiksaal des Steingraeber-Hauses ein Familienkonzert der ganz besonderen Art. Organisiert von Achim Bahr, dem Vorsitzenden der Internationalen Siegfried-Wagner-Gesellschaft, erklingen Werke von Siegfried Wagner, seinem Vater Richard Wagner und seinem Großvater Franz Liszt. Vorweg vielleicht noch einige Worte zum Steingraeber-Haus, einem echten Kleinod am Rande der Altstadt Bayreuths.
Die Klaviermanufaktur Steingraeber & Söhne fertigt seit 1852 Pianos und Flügel in der Festspielstadt Bayreuth. Steingraeber-Klaviere werden von bedeutenden Künstlern und in den namhaftesten Konzerthallen und Musikhochschulen weltweit gespielt. In den 1820-er Jahren beginnt die Geschichte der Pianoforte-Fabrik. Eduard Steingraeber, aus der zweiten Generation, ließ sich 1852 in Bayreuth nieder und fertigte sein Opus 1, ein revolutionäres Meisterstück. Ab 1867 wurden die Steingraeber-Klaviere regelmäßig mit internationalen Preisen ausgezeichnet, und 1906 begannen weltbekannte Designer die Steingraeber-Klaviermöbel zu gestalten. Seit 1980 führt Udo Schmidt-Steingraeber das Unternehmen inzwischen in der sechsten Generation, während die siebte Generation bereits in den Startlöchern steht. Das Steingraeber-Haus ist eines der wenigen weitgehend original erhaltenen Bauten des Rokoko in Bayreuth. Der markgräfliche Camerier von Liebhardt errichtete 1754 das prunkvolle Palais, das Eduard Steingraeber 1871 kaufte und zum kunstsinnigen Ausdruck des erfolgreichen Klavierfabrikanten machte.
So wurde der Rokokosaal – er ist bis heute original erhalten – mit einem entsprechenden Flügel ausgestattet, heute „Liszt-Flügel“ genannt, denn Liszt war im Salon des Steingraeber-Hauses oft zu Gast und spielte dort zusammen mit Freunden. Die Zimmerflucht im Erdgeschoss eignete sich, damals wie heute, hervorragend zur Präsentation von Pianos, während das ehemalige Gesindehaus inzwischen als Flügelhaus mit drei Auswahlsälen fungiert. Zudem finden jährlich rund 70 Konzerte und Veranstaltungen mit renommierten Künstlern und angehenden Meisterpianisten im sogenannten Kammermusiksaal statt. Und in eben jenem Kammermusiksaal findet an diesem Abend vor rund 70 Zuschauern ein Konzert statt.

Zu Gast sind Musiker des Brandenburgischen Staatsorchesters Frankfurt, die Sopranistin Nadja Kristi, der Bariton und Kammersänger Roman Trekel, sowie der Pianist und Komponist David Robert Coleman, der auch die musikalische Leitung des Abends innehat. Bevor es losgeht, begrüßt zunächst als Hausherr der Grandseigneur des Steingraeber-Hauses, Udo Schmidt-Steingraeber, sehr herzlich die Gäste. Dann ist es an Bahr, inhaltlich in den ersten Teil des Abends einzuführen und dabei näher auf die gespielten Werke von Siegfried Wagner einzugehen, sind sie doch auch den vielen Festspielgästen eher nicht bekannt, da bis heute Siegfried Wagner als Komponist im Schatten seines schier übermächtigen Vaters steht.
Das erste Werk des Abends trägt zwar seinen Namen, aber es ist wohl eine der schönsten Orchesterwerke, die Richard Wagner komponiert hat, das Siegfried-Idyll, in der Urfassung Tribschener Idyll mit Fidi-Vogelgesang und Orange-Sonnenaufgang, als Symphonischer Geburtstagsgruss. Seiner Cosima dargebracht von Ihrem Richard genannt. Richard Wagner komponierte das rund zwanzigminütige Orchesterwerk heimlich im Jahr 1870. Er schrieb das Werk für seine Frau Cosima zur Erinnerung an die Geburt ihres ersten Sohnes Siegfried, auch Fidi genannt. Uraufgeführt wurde es im engsten Familienkreis am Weihnachtstag 1870, der zugleich Cosimas 33. Geburtstag war, durch zwölf Mitglieder des Zürcher Tonhalleorchesters. Die Uraufführung fand auf einer Treppe in Wagners Landhaus Tribschen bei Luzern statt, wobei die engen Platzverhältnisse eine Kammerbesetzung nötig machten. Da die Komposition als Geschenk für Cosima gedacht war, verweigerte sie lange die Veröffentlichung des Werkes.
Der Name der symphonischen Dichtung hängt nicht nur mit Wagners Sohn zusammen, sondern natürlich auch mit seinem Musikdrama Siegfried, der dritte Teil des Ring des Nibelungen. Wagner verwendet vornehmlich Motive aus diesem Musikdrama. Es handelt sich um seinen einzigen Beitrag zur Gattung der symphonischen Dichtung. Wagner bezeichnete die Komposition als sein einziges Orchesterwerk, für das er ein vollständiges Programm vorlegen könnte. Das Siegfried-Idyll, in E‑Dur komponiert, besticht vor allem durch idyllisch-verklärte Klangfarben. Eine Live-Aufführung ist für jeden Wagner-Freund ein besonderes Erlebnis.

Das an diesem Abend vorgetragene Arrangement für Klavierquintett stammt von Alfred Pringsheim, einem ganz speziellen Freund Richard Wagners, der vor allem durch eine einzige Anekdote zweifelhafte Berühmtheit erlangte. Auf dem Grünen Hügel war am 16. August 1876 das neue Festspielhaus eingeweiht worden, zum ersten Mal gab es den kompletten Zyklus Der Ring des Nibelungen zu sehen und zu hören. Ein paar Tage später saßen in der Bierkneipe Angermann Sänger, Musiker, Bühnenarbeiter und die von weit her angereisten Bewunderer von Richard Wagner. Unter ihnen ein Mann der allerersten Stunde. Alfred Pringsheim, 25, Doktor der Mathematik, ein ausgezeichneter Pianist und Arrangeur. Zudem war er schwer reich, er hatte seinerzeit den Bau des Hauses durch den Kauf von gleich drei Patronatsscheinen unterstützt. Schon Wochen vorher war Pringsheim nach Bayreuth gekommen, Wagner persönlich hatte ihm erlaubt, bei den Proben mit dabei zu sein. An jenem Abend floss das Bier in Strömen, und einer der vielen nicht mehr ganz nüchternen Gäste nannte mit lauter Stimme Wagner einen „neutönerischen Schwindel“, mit einem einzigen Strauß-Walzer könne man die ganze Gesellschaft vom Hügel herunterholen. Alfred Pringsheim verbot dem Mann die respektlose Rede, worauf sich ein weiterer Streiter zu Wort meldete, der Berliner Professor und Shakespeare-Experte Friedrich August Leo, auch er eigens zur Premiere angereist. Leo fragte Pringsheim, wieviel er denn schon getrunken habe, dass er so einen Unsinn rede, und wenn er nichts vertrüge, solle er es doch lassen. Die Kellnerin hatte gerade frisch gefüllte Bierkrüge auf die Tische gestellt, und als der „Professor Leo“ zum „Doktor Pringsheim“ sagte, er sei ja nicht einmal satisfaktionsfähig, griff sich Pringsheim einen Krug und schmiss ihn quer über den Tisch dem Professor Leo an den Kopf, so dass der zu Boden ging und aus der Nase blutete. Während Freunde ihn versorgten, kabelten auch schon die Journalisten an die Redaktionen: „In den Straßen von Bayreuth fließt bereits Blut!“ Ein anderer dichtete für sein Blatt den schönen Vers: „Wo sich Aug‘ und Ohren laben, will die Nase auch was haben.“ Und weil der Krug, den Pringsheim geworfen hatte, bei den Einheimischen „Schoppen“ hieß, nannte man Pringsheim fortan den „Schoppenhauer“. Falls Pringsheim geglaubt haben sollte, Wagner würde ihm seinen selbstlosen Einsatz womöglich danken, da lag er falsch. Der Familie Wagner war die Sache peinlich, und Pringsheim wurde nie wieder nach Wahnfried eingeladen.
Nun hat eben jener „Schoppenhauer“ Pringsheim das wunderbare Siegfried-Idyll für Klavierquintett arrangiert. Neben dem Klavier kommen Cello, Geige und Bratsche zum Einsatz, David Robert Coleman leitet das Quintett vom Flügel aus, wunderbar einsehbar durch den Deckenspiegel. Es ist eine zunächst zarte, fast schon schüchtern anmutende Annäherung an Wagner, mit vereinzelten Stakkato-Passagen, die auf dem ersten Blick mit dem Stück fremdeln lassen. Ob da Pringsheim in seinem Arrangement etwas zu mathematisch ans Werk gegangen ist? Am Schluss wird es fast unangenehm laut und ein wenig scharf. Das ist kein Idyll-Klang mehr, eher ein Geschrammel, vielleicht lässt es das Arrangement oder die Akustik des Saals auch nicht anders zu. Die stärksten Momente hat das Quintett, wenn es im zarten Piano spielt.
Der Schwerpunkt des Kammerkonzertes liegt in beiden Teilen bei Arien aus Opern von Siegfried Wagner. Neben seinem Einsatz für die Bayreuther Festspiele als Regisseur und Leiter war er auch kompositorisch tätig. Er schuf 17 Opern, zu denen er nach dem Vorbild seines Vaters selbst die Libretti schrieb, sowie konzertante und symphonische Werke. Einen durchschlagenden Erfolg auf deutschen Bühnen erzielte er jedoch nicht. Schon seine erste Oper Der Bärenhäuter wurde 1899 von der Kritik verrissen. Dass Siegfried Wagner als Sohn eines musikalischen Genies sich ebenfalls als Komponist betätigte, stieß auf große Skepsis. Dabei hatte er gar nicht vor, den Ring des Nibelungen fortzuschreiben oder ein zweites „Bühnenweihfestspiel“ vorzulegen. Klug hatte er sich das Märchen zur Stoffquelle auserkoren und versuchte mit dem bescheidener gedachten Format der „Volksoper“ aus dem übermächtigen Schatten des Vaters herauszutreten. Dabei sorgten Titel wie An allem ist Hütchen schuld oder Das Märchen vom dicken fetten Pfannekuchen nicht nur für Spott und Häme, sondern täuschten auch eine infantile Harmlosigkeit vor, die Siegfrieds Libretti gar nicht einlösten. Lediglich seine erste, 1899 in München uraufgeführte und sofort im In- und Ausland nachgespielte Oper Der Bärenhäuter entsprach dem selbstgesteckten Ziel der Volkstümlichkeit. Statt den erfolgversprechenden Kurs weiterzuverfolgen, erzählte Siegfried Wagner immer komplexere Geschichten voll düsterer Symbolik, indem er Märchenmotive zu ganz neuen Zusammenhängen verknüpfte. Verstörende Themen wie Abtreibung und Kindsmord, Hexenprozesse und soziale Ächtung spiegeln wohl seine Selbstwahrnehmung als Außenseiter in einer moralisch verlogenen Gesellschaft wider. Zum Kassenschlager taugten derartige Opern allerdings nicht: Siegfried gelangte immer mehr zur Überzeugung, nur noch für „das Schubfach“ zu komponieren. Allerdings nicht ohne Hoffnung, dass seine Werke einst doch noch gehört würden. Doch dem Komponisten fehlten sowohl die Innovationskraft seines Vaters als auch die Naivität seines Lehrers Humperdinck. Nun, an diesem Abend gibt es einige Ausschnitte aus seinen zum größten Teil unbekannten Werken.
Als erstes zu hören ist die Arie der Verena aus seiner dritten Oper Der Kobold, op. 3, 1903, Uraufführung am 29. Januar 1904 in Hamburg. Doch die bedeutungsschwangere wie in ihrer Moral fragwürdige Geschichte, in der die unschuldige Verena, die die umherirrende Seele eines von ihren Vorvätern getöteten Kindes durch den eigenen Opfertod erlöst, weder als Drama noch als Märchen überzeugen. Die wenigen Ansätze zu einer glaubhaften Personenschilderung macht die Sprache von Wagners Libretto zunichte. Die Sopranistin Nadja Kristi interpretiert die dramatische Arie mit großem Gestus und etwas schrill in den Höhen, dafür mit einer schönen warmen Mittellage. Die in Kursk geborene Sopranistin absolvierte ihr Studium im Fach Operngesang an der Hochschule für Musik „Hans Eisler“ in Berlin und war darüber hinaus Stipendiatin der Bayreuther Festspiele. Heute tritt sie vorwiegend als Konzertsängerin in Erscheinung. Am auffälligsten an ihr ist ihr glitzerndes, goldfarbenes Spiegelkleid, das ihr die Aura einer großen Diva verleiht, deren Anspruch sie sängerisch aber nicht immer erfüllen kann.
Dann zieht so etwas wie ein Hauch von Bayreuth ins Steingraeber-Haus. Roman Trekel, einst umjubelter Wolfram von Eschenbach im Tannhäuser und Heerrufer des Königs im Lohengrin, stand von 1996 bis 2007 auf der Bühne des Festspielhauses, zunächst als Konrad Nachtigal in den Meistersänger von Nürnberg, dann in den beiden genannten Rollen. Und noch immer singt Trekel, der jetzt auch vermehrt als Konzertsänger in Erscheinung tritt, Wagner. Ab September ist er wieder der Donner im Rheingold an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin unter Christian Thielemann. Viele CD-Einspielungen zeugen vom umfangreichen Schaffen des großartigen Baritons. Trekel eröffnet seinen Reigen mit der Arie des Konrad aus der Oper Bruder Lustig, op. 4, 1904, die nichts mit dem gleichnamigen Märchen zu tun hat. Es ist Siegfried Wagners vierte Oper, am 13. Oktober 1905 in Hamburg uraufgeführt. Trekel singt die Arie wunderbar kraftvoll und ausdrucksstark. Eine sehr ergreifende Arie, die an diesem Abend zum ersten Mal Gänsehautgefühl vermittelt. Wiederum in Hamburg, am 21. Januar 1908, wurde die nächste Oper Siegfried Wagners uraufgeführt, sein Sternengebot op. 5, 1906. Nadja Kristi singt daraus die Schlussarie der Agathe. Diese Arie liegt Kristi deutlich besser, und sie geht sie sehr lyrisch an. Zum Schluss des ersten Teils erklingt aus der Oper Sternengebot das Herzensgebot in einem Arrangement für Klaviertrio von Carl Kittel. Das Werk ist wunderschön elegisch, fast zum Träumen, und in dem Stück präsentiert sich Siegfried Wagner als Romantiker.
Zu Beginn des zweiten Teils, der wieder inhaltlich von Achim Bahr eingeführt wird, steht Franz Liszt mit einem kurzen, aber sehr bewegendem Stück auf dem Spielplan: Am Grabe Richard Wagners. Es ist eine einsätzige Komposition für Streichquartett, die Liszt 1883 zu Ehren seines Schwiegersohns Richard Wagner schrieb. Das Werk wurde aber erst 1951 veröffentlicht. Das Stück beginnt mit dem „Excelsior!“-Motiv aus Liszts Werk Die Glocken des Straßburger Münsters, das Wagner in seinem Parsifal verwendete. Am Ende des Stücks erklingt eine gedämpfte Erinnerung an die Gralsglocken. Liszt widmete das Werk dem Gedenken an Wagner, der am 13. Februar 1883 gestorben war. Und die Musiker um David Robert Coleman spielen es sehr getragen.

Die nun folgenden Arien entstammen wiederum aus den eher unbekannten Opern Siegfried Wagners. Es beginnt Trekel als Osmund aus der Oper Rainulf und Adelasia. Op. 14, 1922, die erst am 4. Oktober 2003 in Metzingen uraufgeführt wurde. Es ist eine Anspielung auf Richard Wagners Oper Tristan und Isolde, aber auch auf Isolde, Richard Wagners erste gemeinsame Tochter mit Cosima, dessen Vaterschaft bis zuletzt verleugnet wurde und Gegenstand eines aufsehenerregenden Prozesses war. Auch in dieser Arie zeigt Trekel sein großartiges Können als Spezialist für ausdrucksstarke, deklamatorische Arien und Lieder.
„Tod, erhabenes Schweigen, geheimnisvolles Übergehen, vor dem gewaltigen Tor ehrfurchtsvoll wir stehen“, so der Beginn der Arie, von Trekel mit großer Inbrunst und Dramatik vorgetragen. Anschließend kommt es zu dem einzigen Duett des Abends. Kristi singt ein trauriges, leicht atonales Lied der Prostituierten Autonoë aus der Oper Die heilige Linde, op. 15, 1927. Auch dieses Werk wurde erst lange nach Siegfried Wagners Tod konzertant uraufgeführt, nämlich am 17. Oktober 2001 in der Philharmonie Köln. Kristi und Trekel zeigen in dem ungewöhnlichen Duett, wie angenehm sich ihre Stimmen ergänzen können.
Die letzte Arie des Abends gehört Trekel als Baumeister Argimund aus der Oper Wahnopfer, op. 16, 1928, die Siegfried Wagner zu Lebzeiten nicht vollendet hat und deren Fragment am 10. Juni 1994 auf Schloss Heidecksburg in Rudolstadt uraufgeführt wurde. Die von Trekel vorgetragene Schlussarie entstammt nicht im Original aus dieser Oper, sondern wurde erst nach Wagners Tod aus Skizzenmaterial ergänzt. Schuld und Sühne, Wahn und Aberglauben bilden auch im Wahnopfer wieder die Grundpfeiler der Handlung. Trekel singt wieder markant ausdrucksstark und emotional die Arie, deren Worte einen gefangen nehmen können und in der Diktion an der einen oder anderen Stelle an seinen übermächtigen Vater Richard Wagner erinnert:
„Hinter uns liegt das Tor der Tränen, das nie unser Auge mehr erschaut. Vor uns wölbt ein andres sich: dem großen Meister, der es erbaut, dem stürzt es nimmer ein. Ein gewaltig‘ Gewölbe, sternbesät, von stämmigem Unterbau getragen, hierdurch die Wandrung geht. Wer reines Herzens, darf es wagen, es führt in ein gesegnet Land: das Tor der Hoffnung ist es benannt, durch Leiden gereinigt, in Liebe geeinigt!“
Auch eine Uraufführung darf an diesem Abend nicht fehlen. Der Pianist und Komponist David Robert Coleman, Jahrgang 1969, hat eine Hommage an Siegfried Wagner für Klavier und Horn geschrieben mit dem simplen Titel Prelude for SW. Coleman studierte Klavier, Dirigieren und Komposition am Royal College of Music London sowie Musikwissenschaft am King’s College Cambridge. Weitere Kompositionsstudien erfolgten bei George Benjamin in London und Wolfgang Rihm in Karlsruhe. Seit 2010 ist er an der Staatsoper Unter den Linden tätig. Im März 2012 wurde seine neue Orchestrierung/Fassung des dritten Aktes von Alban Bergs Lulu im Rahmen von deren Neuproduktion an der Staatsoper im Schiller-Theater unter der Leitung von Daniel Barenboim uraufgeführt. Prelude for SW ist ein wildes atonales Klavierstück, schräg, sperrig, mit gegensätzlichen Hornrufen. Man erkennt plötzlich Siegfrieds Hornruf aus Richard Wagners Siegfried und Götterdämmerung, der dann sofort wieder verfremdet wird, vielleicht eine Anspielung auf die unterschiedliche Ausrichtung der beiden Komponisten Vater und Sohn. Das Stück ist ein wilder Ritt, virtuos vorgetragen vom Komponisten David Robert Coleman am Steingraeber-Flügel und dem Hornisten Falk Höhna, das zurecht viel Applaus vom Publikum erhält.
Zum Schluss des Abends gibt es eine weitere Uraufführung. Der dritte Satz von Siegfried Wagners C‑Dur-Sinfonie mit dem Beinamen Hans im Glück und Bezug zum gleichnamigen Märchen, wird hier als Klavierseptett in einem Arrangement von Coleman gespielt, mit Coleman am Flügel und Musikern des Brandenburgischen Staatsorchesters Frankfurt. Das Septett ist ein schöner, romantischer und beglückender Schluss eines ganz besonderen Kammerkonzertes, das vor allem unbekannte Musik Siegfried Wagners in den Vordergrund stellt, eingerahmt von Werken seines Vaters Richard und seines Großvaters Franz Liszt. Ein ansprechendes Kontrastprogramm zu den Richard-Wagner-Festspielen auf dem benachbarten Grünen Hügel.
Andreas H. Hölscher