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Foto © Ennevi Foto

In der Welt der Atome

NABUCCO
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
9. August 2025
(Premiere am 13. Juni 2025)

 

Fonda­zione Arena di Verona

Es ist eine kalte Welt, in der Herrscher Nebukad­nezar, bei Verdi auf Italie­nisch Nabucco genannt, seine Macht ausübt. Die Zuschauer im immer noch brütend heißen Verona blicken auf eine kalte, in grau und silberg­lit­zernden Farben gehaltene Bühne. Im Hinter­grund stehen rechts und links zwei Sphären aus einem Kern, der strahlen kann und leuch­tenden Bahnen, die sich ständig drehen. Eine Treppe in der Mitte führt unter einer riesigen Sanduhr hindurch, ein Text über die Eitelkeit der Welt, die Vanitas, läuft auf ihr im Video ab, manchmal auch sieht man Wellen oder Licht­bahnen. Diese Sanduhr explo­diert im Finale des vierten Aktes, eine Atomwolke evozierend.

Foto © Ennevi Foto

Laut Regisseur Stefano Poda liegt die Hoffnung der Menschheit in der Zukunft, in der Wieder­ver­ei­nigung des durch den Menschen gespal­tenen Atoms, wie es das Programmheft berichtet. Dazu schafft das Licht­design, das mit der Regie­as­sistenz, den Kostümen und der Choreo­grafie bei Paolo Giani Cei liegt, mit Lasern eine „Kathe­drale aus Licht“, die den einge­schlos­senen Seelen den Weg aus der Dunkelheit zeigen sollen, den Fokus auf der geistigen Katharsis legend, so Poda. Dem Zuschauer bleibt an diesem Abend die finale Synthese verwehrt, irgend­etwas scheint die Bahn der Sphären blockiert zu haben.

Nabucco ist eine Choroper, verschiedene Massen­szenen sind möglich. Im Libretto angegeben sind babylo­nische und hebräische Soldaten, Leviten, hebräische und babylo­nische Frauen, Magier, Große des König­reiches Babylon, Menschen aus dem Volk und andere. Das bietet dem ambitio­nierten Regisseur und seinem Assis­tenten eine Vielfalt von Möglich­keiten, auch den Chor wirkungsvoll einzu­setzen. Überhaupt ist die Choreo­grafie wirklich sehr gut gelungen und packt einen beim Zusehen völlig. Allein ungefähr fünfzig Ballett­tänzer mimen einen Florett­kampf, es ist sehr viel Bewegung auf der Bühne, immer wieder treten neue Forma­tionen auf, neue Kostüme ziehen den Blick auf sich, die verschie­denen Gruppen charak­te­ri­sierend. Das ist inter­essant und beein­dru­ckend zu sehen, macht es aber auch schwierig, in dem Getümmel einzelne Figuren auszu­machen, oftmals gehen sie regel­recht in der Masse unter, und man fragt sich, woher der gesungene Ton kommt.

Foto © Ennevi Foto

Der Chor unter der Leitung von Roberto Gabbiani bleibt sänge­risch an diesem Abend etwas unter einer Höchst­leistung. Das Va pensiero, mit Sanduhren in der Hand gesungen, erwirkt natürlich Beifall, der bleibt jedoch von standing ovations weit entfernt, so wird das Stück nicht wie üblich wiederholt. Auch sonst ist der Chor oftmals nicht ganz homogen. Dirigent Pinchas Steinberg legt am Pult des Orchestra di Fonda­zione Arena di Verona eine sehr diffe­ren­zierte, insgesamt eher ruhige, überlegte Lesart des Stückes vor. Die Musiker spielen mit sattem Klang und zeigen bei den großen Fortissimo-Stellen Schärfe und Wucht.

Luca Salsi als Nabucco bringt mit seinem mächtigen Bass eine ehrfurcht­ge­bie­tende Figur auf die Bühne der Arena. Er wirkt am Anfang etwas poltrig und vibra­toreich, setzt aber später seine farben­reiche Stimme betont lyrisch und weich ein, wo es nötig ist. Francesco Meli als Ismaele hat manchmal etwas Schwie­rig­keiten, über die Rampe zu kommen, zeigt aber einen hellen und weichen Tenor bei guter Diktion. Alexander Vinogradov als Zaccaria, der Anführer der Judäer, offenbart die russische Schule mit sonorem Bass, schönem Timbre und viel Charisma. Mezzo­so­pra­nistin Anna Werle singt als Fenena nicht sehr durchsetzungsfähig.

Die Abigaille von Olga Maslova, die für die ursprünglich vorge­sehene Anna Netrebko den Abend gestaltet, lodert drama­tisch auf, energie­ge­laden verkörpert sie die zutiefst verletzte Rivalin und bringt als einzige der Sänger an diesem Abend das absolute Arena­gefühl. Hinzu kommen herrliche Piani und eine intensive Bühnen­präsenz, die sie zum Star des Abends machen. Am Ende erhält sie absolut verdient den größten Applaus.

Mit der neuen Insze­nierung hat Regisseur Poda eine Inter­pre­tation gefunden, die gerade in den Monaten der auch in Europa wieder aufflam­menden Konflikte sehr aktuell wirkt und zum Nachdenken anregt, auch wenn man nach wie vor bei einzelnen antise­mi­ti­schen Sätzen im Libretto zusammenzuckt.

Jutta Schwegler

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