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AIDA
(Giuseppe Verdi)
Besuch am
10. August 2025
(Premiere am 16. Juni 2023)
Verona von seiner besten Seite: Herrlichstes Sommerwetter lässt die Besucher bei gerade noch erträglichen Temperaturen in den zahlreichen Straßencafés der Piazza Bra vor der Vorstellung ein leichtes Mahl genießen. Ein Lokal nach dem anderen schließt sich an der Schattenseite aneinander an. Die Namen der Pizzas auf den Speisekarten sind übrigens den Opern entnommen, Tosca, Rigoletto heißen sie, und natürlich Radames, die mit Sardellen, Kapern, roten Zwiebeln und Mozzarella daherkommt. Der König zwischen all den Restaurants und Cafés ist das Vittorio Emmanuele, nach dem König Italiens von 1861 bis 1878 benannt, der sich im Risorgimento zu einer Symbolfigur entwickelt. Der Ausruf „Viva Verdi!“ aus jener Zeit scheint an den zu der Zeit schon beliebten Komponisten zu erinnern, bedeutet aber eigentlich: Vittorio Emanuele Re d’Italia, Viktor Emanuel König von Italien. Das Gasthaus sticht unter den anderen Lokalen durch weiße Tischdecken und sehr beflissene Ober heraus. Unter den hohen Arkaden stehen die Tische mit angenehmem Sprühnebel darüber zur Erfrischung der Gäste. Im Inneren glaubt man sich an die Jahrhundertwende zurückversetzt,1895 ist das Etablissement gegründet worden. In getäfelten Räumen hängen weiße Murano-Kristallleuchter, alles ist edel und gepflegt. Hier kehren die Solisten aus der Arena nach der Vorstellung ein, ein Begleiter bringt die Sängerinnen durch die Menge zum Platz, ruft immer wieder. „Signore e Signori: Aida!“ Das hat schon was, und ehe man sich versieht, sitzt man zwei Tische neben Maria José Siri, der Aida des Abends. Natürlich ist das Speiselokal das teuerste am Platz, aber im Café sind selbst hier die Preise durchaus akzeptabel. Wie überhaupt Essen gehen in Italien immer noch günstiger ist als in Deutschland.
Im Herzen der Arena selbst laufen Getränkeverkäufer mit eisgekühlten Boxen herum, hier zahlt man mehr als draußen, finanziert aber vielleicht einem jungen Menschen die Ausbildung. Man tut gut daran, viel Wasser zu sich zu nehmen, bei Zehntausenden von Menschen kommt es bei hohen Temperaturen immer wieder zu Hitzschlägen. Dann aber sind die Helfer sehr schnell zur Stelle und geleiten den Betroffenen die halsbrecherischen Stufen hinunter nach draußen. Man sollte sich gut überlegen, wo man in der Arena sitzen möchte, sehr steil gehen die Ränge ohne Handlauf hoch. Ist man nicht so gut zu Fuß, wählt man besser Plätze im Parkett oder ganz unten in den Rängen. Dadurch, dass der äußere Ring der Arena irgendwann weggebrochen oder abgebaut worden ist, kann man auch zu den oberen Stockwerken nur über die inneren Treppen kommen.

Wie bei Aida, die an diesem Abend vor ausverkauftem Zuschauerraum stattfindet. Stefano Poda, der wie bei Nabucco auch hier mit seinem Assistenten Paolo Giani Cei bei der Regie, Kostümen, Licht und Choreografie zusammengearbeitet hat, liefert auch hier eine fast gläserne, lichtdurchflutete Ästhetik. Eine große Hand aus weißen Drähten dominiert die Bühnenmitte, davor erstreckt sich eine riesige Fläche aus spiegelnden Metallplatten. Die Ränge hinter der Bühne werden für das Spiel manchmal miteinbezogen. Seitlich stehen auf großen Stäben Hände in schwarz und weiß, die immer wieder herumgetragen werden, die die verfeindeten Gruppen symbolisieren und unter anderem die Hinwendung zu der großen, von innen zu beleuchtenden Silberkugel zeigen, einem Ballon, der über der großdimensionierten Hand aufsteigt. Laser vervollkommnen das Spektakel und verbinden die Arena mit dem Himmel. „Kristall-Aida“ wird die Produktion auch genannt. 400 Mitwirkende in 4000 Kostümen werden von Poda und Cei in fesselnder Choreografie bewegt, der Triumphzug gerät mit allen Mitwirkenden wirklich sehr beeindruckend, umso mehr, als man den immensen freien Platz vor der Hand gut nutzen kann. Die kann entsprechend der Handlung bewegt werden, ähnlich wie auf der Bregenzer Seebühne bei Stölzls Rigoletto. Sie zeigt mal zum Himmel, mal greift sie gierig nach den Protagonisten, Die Kostüme sind vorwiegend in Weiß und Silber gehalten, später kommen knallige Farbakzente dazu. Zur Ouvertüre schwingen weißgewandete Statisten leuchtende Laserschwerter, später kommen herrlich mystische Gestalten mit schnabelförmigen Köpfen und wallenden Gewändern dazu, wohl den Gott Thot, Gott der Weisheit aus dem alten Ägypten, darstellend, wobei ja im Vulkantempel zu Memphis Schöpfergott Ptah angebetet wird. Mit wenigen Allusionen gelingt es dem Regisseur, in einer modernen Hightech-Umgebung das alte Ägypten zu evozieren. Sehr archaisch wirkt das und ist absolut fesselnd.

Dazu kommt ein Sängerensemble, das vom ersten Moment an begeistert. Allen voran Maria José Siri, die mit wunderbarer, sehr differenzierter Verdi-Stimme, viel Gefühl und sagenhaften Pianotönen die Aida singt. Scheinbar mühelos bewältigt sie die große Partie. Immer auch intensive Charakterdarstellerin auf der großen Bühne, einerseits untergebene Sklavin, andererseits aufopferungswillige, liebende Frau.
Ihr gegenüber steht mit gut geschärftem, absolut gut tragendem Mezzosopran Agnieszka Rehlis, die eine gefährliche und machtbesessene, aber auch in ihrer Verletztheit weiche Amneris singt. Bei sehr guter Tiefe bringt sie eine intensive Dramatik auf die Bühne und ist ein passender Gegenpol zur Aida von Siri. Als Radamès zeigt sich Yusif Eyvazov gleich zu Beginn, nachdem Simon Lim ihn mit sonorem Bass angesprochen hat. Sein insgesamt etwas sprödes Timbre vergisst man schnell, wenn man hört, wie intensiv und kraftvoll er die Partie durchsteht, ohne Ermüdungserscheinungen zu zeigen. Er singt mit großem Ton und großer Geste, bei der man nicht immer weiß, ob die vom Regisseur so geplant ist. In den Duetten mit Aida weiß er aber auch zarte Töne anzuschlagen. Ramaz Chikviladze gibt einen auch auf der großen Bühne gut hörbaren, autoritären König.
Daniel Oren dirigiert das Orchestra di Fondazione Arena di Verona mit scharfem Blick zu seinen Musikern, immer auf Ausgleich bedacht. Da wird besänftigt, gefordert und den Sängern zugewandt jeder schwierige Einsatz gegeben. Bei den Pianostellen ist er ganz bei den Sängern und begleitet sie gut zurückgenommen. Er ist bei den Festspielen immer wieder dabei, kann die besonderen Gegebenheiten der Lokalität sehr gut einaschätzen und das Orchester entsprechend abmischen. Seine Aida ist musikalisch von großer Intensität und tiefer emotionaler Deutung.
Der Chor unter der Einstudierung von Roberto Gabbiani macht an diesem Abend seine Sache sehr gut und rundet den Gesamteindruck einer festspielwürdigen und absolut lohnenswerten Produktion zusätzlich ab. Sie steht bis Ende August noch drei Mal auf dem Spielplan.
Jutta Schwegler