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LOHENGRIN
(Richard Wagner)
Besuch am
9. August 2025
(Premiere am 26. Mai 2018)
Die schwüle Hitze der letzten Tage lässt im Festspielhaus Bayreuth bei Lohengrin wie zur Premiere 2018 auch in diesem Sommer die Schweißperlen fließen. Solche physisch spürbare Duplizität wirkt in der Aufführung, wie ehedem unter dem Dirigat von Christian Thielemann, so unmittelbar und überzeugend, dass man kaum glauben möchte, dass sie schon sieben Jahre zurückliegt.
Am nächsten Tag im vormittäglichen, noch kühlen Hofgarten durchzuatmen und die tags zuvor gesehene Aufführung noch einmal Revue passieren zu lassen, erweist sich als eine überraschend ortspezifische gleichwohl Lohengrin-affine Wahrnehmung. Der zentrale Kanal im Hofgarten – ursprünglich nur für den markgräflichen Hof und seine Gäste reserviert, ab 1790 öffentlich zugänglich – umschließt eine kleine Insel. Auf ihr sind Skulpturen aus der griechischen Mythologie zu sehen. Dominiert von einem Raubvogel, lagert am Rand der Insel in den muskelösen Armen eines Mannes eine junge Frau. Kein Schwan, kein Lohengrin, keine Elsa – allein für einen Moment spannt sich eine assoziierende Brücke zwischen der Lohengrin-Bühne und dem Hofgarten.
Lohengrin IV, die letzte Aufführung 2025 in der Inszenierung von Yuval Sharon, überzeugt, wie gehabt, nur bedingt. Zurückblickend auf die vergangenen sieben Jahre, hat sich die politische Weltlage dramatisch nach einer alle Lebensbereiche deregulierenden Corona-Zeit verändert. Schon die Ouvertüre gibt einer diffusen Spannung Raum, die Sharon mit Versatzstücken von mitunter bemühter political correctness, einer gleichwohl für heute beinahe prophetisch anmutender Perspektive durchsetzten Inszenierung vorzeichnet. Im oft parodierten Vorspiel – das Blech mit sanftem Legato – sublimiert das Festspielorchester geheimnisvoll die Akzente. Dezidiert betonte Generalpausen dehnen die blaue Blume der Lohengrin-Romantik zu einem Klangzauber, der sich nach Sharons Konzeption dem Märchenhaften eigentlich verweigern sollte.
Den weltlichen C‑Dur-Auftakt, der die Vorgeschichte erzählt, zeichnet Thielemann filigran nüchtern mit subtil betontem Pianissimo. Lohengrins von Lichtblitzen umwölkte Landung aus dem universellen Nirwana im düster verhangenen Brabant malt er kontrastierend mit Verve. Die hell leuchtende Verheißungs-Welt des Grals versus die dunkel intrigante Ortrud-Welt. Das märchenhaft Heilige beharrt als ein geheimnisvoll ungenannt Bleibendes, selbstreferentiell nicht Erklärbares. Für die Sehnsucht nach Glück und Liebe gibt es kein belastbares Fundament eines gemeinsamen Lebens.
Von Anfang an läuft Wagners Musik mit Thielemann auf einer eigenen Spur neben Sharons Inszenierung im Blau von Neo Rauchs Bühne. Was für Friedrich Nietzsche „viel blaue Musik“, für Thomas Mann eine „blausilberne Musik“, für Charles Baudelaire das mit keinem Wörterbuch Übersetzbare ist, belichtet Sharon mit einem Mix von Delfter Blau und blauem Neon-Licht. Es scheint, als hätte er sich mit seiner Idee, unbedingt einen ganz neuen Lohengrin zu kreieren, in den Fallstricken des Namens seines Bühnenbildners, des Malers Neo Rauch verheddert.
Mit Neo das Neue per se zu assoziieren, es in der Neon-Signatur des Schwans bildkünstlerisch in der Nachfolge von Bruce Naumans Neon-Narrativen zu reflektieren, geht nicht wirklich auf. Es bleibt letztlich eine blassblau getünchte Attitüde. Neonblaue Rauchkerzen, die nicht wirklich zünden.
Sharons Lesart des Lohengrin im Kontext mit Rauchs Bühnenarchitektur überstimmt Wagners Libretto-Text. Das Lohengrin-Mosaik, zusammengefügt aus Märchen, Teilen von Wolfram von Eschenbachs Erzählung und eigener Fantasie mit einem ausgeprägten Sinn für musikalisch dramaturgische Effekte, verschiebt der Regisseur in eine Welt, die allein durch Fremdenergiezuführung eine glückliche Welt sein kann. Lenins ideologisch bestimmtes Glücksversprechen einer kommunistischen Zukunftsgesellschaft, sie erfülle sich als „Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes“, überdehnt er willkürlich. „Muster visionärer Führer, die ein Ideal verkörpern und doch von Widersprüchen zerrissen werden“, formuliert Sharon im Programmbuch. Eine inszenierte Lohengrin-Weltsicht, die vor allem geschlechtergerecht sein muss, erscheint wie ein blaurot gedrehter Faden, der sich durch die Inszenierung zieht.

Wo Wagner beharrt, und Elsa erhofft – „Es gibt ein Glück, das ohne Reu‘“ –behauptet Sharon emanzipative Vorbedingungen. Lohengrin betritt im Astronauten-Blaumann das in der Königsnachfolge zerstrittene Brabant, wo Elsa als Brudermörderin angeklagt ist. Der Mann aus dem Nichts verschafft Elsa nicht nur Recht, sondern verspricht Glück und Frieden. Von Landvolk und Soldaten – von Rosa Loy in einer Mischung aus einer mittelalterlichen Welt, wie sie in Bildern von Anthonis van Dyck zu sehen sind, und der Epoche Wagners, in deren schweren Kleidern die Zeit wie Blei zu hängen scheint, kostümiert – zuerst bedingungslos als Held gefeiert, säen Telramund und Ortrud den Zweifel. Ein schicksalhaftes Tun, das die Inszenierung in merkwürdige Seilschaften ein- und verbindet.
Sharon widerspricht Wagners Diktion, dass nur, wer ohne Zweifel glaubt, Liebe als etwas Höheres, jenseits des Menschenverstandes, begreifen kann. Bewahrt Lohengrin anfangs Elsa vor dem Feuertod, so glaubt er sie von seinem Glücksversprechen als ewig Namenloser, nur durch martialische Fesselung mit einem feuerfarbenen, Gold gewirkten Seil, mit Gewalt zu überzeugen. In gleicher Weise fesselt Ortrud Telramund nach seiner Demütigung durch Lohengrin, der ihn in einem von Star Wars animierten und von Stuntmen ausgeführten Luftkampf besiegt hat. Sie bindet ihn in dem Selbstversprechen, sich von der Schmach zu befreien.
Seilschaften sind, wie uns die Geschichte bis heute zeigt, auf Dauer nur bedingt konstitutiv. Vor allem, wenn sie sich durch Gewalt selbst legitimieren wollen, müssen sie fast zwangsläufig scheitern. So verflüchtigen sich die Lohengrin-Seilschaften angesichts der blauen Meereswelle, die sich im nächsten Moment über die Bühne zu ergießen und alles mit sich fortzureißen scheint. Rauchs Bildkosmos, von Reinhard Traub illusionistisch in der Art von William Kentridges filmischen Narrationen ins Licht gesetzt, schafft mythische Schattierungen. Sie erinnern gleichermaßen an die von Goethe entwickelten mobilen Kulissen im Theater Bad Lauchstädt wie an die im Teatro Olimpico in Vicenza. Sie zeichnen eine unsichere Grenzlinie von modrigem Schilf zwischen Meer und Land. Das Märchenhafte sublimiert sich in Ahnungen jenseits einer nachbuchstabierbaren Wirklichkeit.
Vor dem Hintergrund des riesig sich wölbenden Bühnenbildes dominiert ein futuristisch anmutender Turm als kleines Kraftwerk. Ein umgekippter Kondensator deutet allerdings schon an, dass hier nichts mehr geht, kein Strom mehr fließt. Das Volk von Brabant flankiert den Raum statuarisch in geometrischer Zentralperspektive, wie zu alten Bayreuth-Zeiten. So wenig beweglich positioniert, changiert der mit dieser Spielzeit von Thomas Eitler de Lint neu formierte Festspielchor jene Wahrnehmungsperspektive in schwankenden Intonationsgrenzen.
Mit einem Schwert, gestaltet als Blitz-Schwert, fällt Lohengrin dem König Heinrich schicksalhaft in den Arm. Mika Kares singt und spielt einen König, der seine Souveränität zu verlieren scheint, mit königlich artikulierendem Bass. Klaus Florian Vogt verkörpert einen Lohengrin, dem man mit der nüchternen Beschreibung Einspringer für den kurzfristig erkrankten Piotr Beczała nur formal gerecht werden kann. Vogts unverkennbar authentischer Tenor malt klangfarbig aus einer leise gestimmten Mitte. Als würde eine Fontäne angestellt, sprudeln die Töne erst sanft, gewinnen zunehmend an Strahlkraft und münden in einen mäandrierenden Erzählstrom. Sharons konzeptionelle Lohengrin-Energie findet in diesem Tenor ein breit gefächertes Energiereservoir. Kraftvoll betonend Lohengrins Beharren, namenlos geliebt und als gefeierter Held akzeptiert zu werden, lyrisch geschmeidig in seinem Werben um Elsas Einverständnis, ihn ohne Namen und Art zu nennen und zu lieben.
Allein, Elsa verweigert den ihr abverlangten Gehorsam: „Ist dies nur Liebe?“ In der Rolle der ungehorsamen Elsa behauptet sich Elza van den Heever souverän. Sie charakterisiert mit ihrem dunkel gefärbten Sopran souverän die stimmlichen Untiefen der Rolle. Elsas Figur bleibt im Ungefähren einer für sie unverständlichen Welt hängen. Es ist, als liefe sie ihrem Ausdruckswillen immer ein Stück nach.
Ohne Ortrud hätte Elsa kaum den Mut, vom Baum der Erkenntnis mit der Gewissheit zu essen und zu schmecken, dass Gott es so nicht gemeint haben kann. Miina-Liisa Värelä verkörpert eine Ortrud, die das Spinnennetz patriarchaler Dominanz hinterfragt. Im Duett mit van den Heever behauptet sie sich mit silbrig changierendem Melos, der in den hohen Registern merkwürdig distanziert klingt.
Friedrich von Telramund als Gefangener seiner selbst ist gleichzeitig auch Gefangener von Ortruds Selbstverständnis als Frau. Olafur Sigurdarson singt mit stilsicherer Verve, wobei ihm die letzte Überzeugungskraft fehlt. Michael Kupfer-Radecky als Heerrufer des Königs reiht sich in die formidable Solisten-Riege wie selbstverständlich ein.
Im Finale lässt die Inszenierung Elsa den verlorenen Bruder in einem grünen Ampelmännchen wiedererstehen. Indem sie das Mystische ins alltäglich Lächerliche dehnt, mag sich mancher auf dem Weg zum Hügel überraschender Wagner-Momente erinnern. „Nun sind sie da! Die Ampelmännchen an drei Fußgängerüberwegen zwischen Innenstadt und Festspielhaus zeigen Richard Wagner“, jubelt das Bayreuther Tagblatt vom 16. Juni dieses Jahres.
Großer Applaus selbstredend sicher auch von jenen, die die Aufführung mit Zuspätkommen und wiederholt mit auf den Holzboden fallenden, laut nachhallenden Gegenständen den Respekt versagt haben.
Peter E. Rytz