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DREI SCHWESTERN
(Peter Eötvös)
Besuch am
24. August 2025
(Premiere am 8. August 2025)
Die Bühne ist ein einziger Trümmerhaufen, als ob eine Bombe eingeschlagen hätte. Kaputte Gleise, die aus einem Tunnel kommen, spannen sich über die breite Bühne der Felsenreitschule. Dazwischen Betonbrocken, in der Mitte die Reste eines Spitalzimmers mit einem Krankenbett, daneben eine reglose Gestalt, an der ein Kind rüttelt, bald liegt eine alte Frau darin. Auf der Bühne von Rufus Didwiszus entzündet sich immer wieder an verschiedenen Stellen Feuer. Stumme, völlig zerzauste – für die Kostüme zeichnet Emma Ryott verantwortlich – gezeichnete Figuren tauchen aus dem Nichts auf und torkeln zwischen der feingekleideten Gesellschaft herum. Die Protagonisten langweilen sich, und es wird viel gesoffen: Das alles soll offenbar die Ereignislosigkeit der Provinz, das Leben als Warteraum, aber auch das stetige Fließen der Zeit spiegeln. Die Oper Tri sestri – drei Schwestern – von Péter Eötvös, basierend auf dem gleichnamigen Drama von Anton Tschechow, beinhaltet ja auch genau dieses Thema: Drei Schwestern, die sich in der ereignislosen Provinz fadisieren und unter anderem davon träumen, wieder nach Moskau zurückzukehren.

Der Komponist hat das Stück des russischen Dramatikers zerlegt und gemeinsam mit Claus Henneberg neu zusammengebaut: In einen Prolog und drei Sequenzen, in denen zunächst Irina, dann ihr Bruder Andrei und schließlich Mascha im Mittelpunkt stehen und die Geschichte aus den verschiedensten Gesichtspunkten zeigen. Das Ende wird zu Beginn zelebriert, wenn die drei Schwestern von der Schönheit der Musik schwärmen. Das Phänomen Zeit wird in der surrealen Inszenierung bei den Salzburger Festspielen von Evgeny Titov in ein Bild von lähmender Endlosigkeit gesetzt. Über jede, kurz aufflammende Leichtigkeit wird sofort eine dicke Tuchent der Melancholie, Resignation und böser Vorahnung gebreitet.
Im Graben spielt das eher klein besetzte Klangforum Wien unter Maxime Pascal, das seine komplexen Klänge ideal vermittelt. Die Sänger werden von einem zweiten, weitaus größeren Bühnenorchester, das von Alphonse Cemin geleitet wird, hinter der Szene in die klangliche Zange genommen. Eötvös‘ Musik ist meist ein elegisches Fließen, ein Sehnsuchtssog, der berührt. Neben weichen lyrischen, weit aufgefächerten Phasen erzeugt sie einen großen Variantenreichtum von simpler Geräuschkulisse bis zur tumultöser Ruppigkeit.
Die 1998 in Lyon uraufgeführte und danach international recht häufig aufgeführte Oper wurde als Gastspiel erst einmal in Wien 2002 im Theater an der Wien bei den Wiener Festwochen gezeigt. Wie damals, so auch diesmal und wie vom Komponisten vorgesehen, werden die drei Schwestern jeweils von drei Countertenören gesungen. Dennis Orellana ist eine jugendlich mädchenhafte Irina mit blühendem Sopran. Cameron Shahbazi singt die Mascha mit expressiver Ausdruckskraft und auch Prägnanz bis in große Tiefen seines Mezzos. Aryeh Nussbaum Cohen ist eine melancholische und auch gouvernantenhafte Olga. Jacques Imbrailo ist der ideal besetzte, gehörnte Bruder Andrei. Ein weiterer Countertenor ist noch Kangmin Justin Kim als keifende und bissige, aber strahlend singende Natascha, eine Mischung aus Matrone und Domina. Mikolaj Trabka weckt als Baron Tusenbach massiv Irinas Hoffnungen. Sein Anschmachten ist von belkantesker Schönheit. Ivan Ludlow ist der markige Offizier Werschinin. Anthony Robin Schneider punktet als Soljony mit schwarzer Bassestiefe, Andrei Valentiy als tapsiger Kulygin und Jörg Schneider als schrulliger Doktor.
Das Publikum spendet reichlich Beifall.
Helmut Christian Mayer