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Foto © Karina Ter Ovanesova

Zu wenig gewusst

RETURN
(Jelena Ivanovich)

Besuch am
17. Dezember 2016
(Premiere)

 

Schau­spiel Essen, Box

Die Box ist eine Studio­bühne des Schau­spiels Essen, die gleich gegenüber dem Grillo-Theater liegt. Dort soll heute eine Tanzthea­ter­pro­duktion Premiere haben. Und wie es sich für modernes Tanztheater gehört, trägt sie den krypti­schen Titel reTURN. Eine Produktion, die, so ist in der Vorankün­digung zu lesen, an den Roman Wie der Soldat das Grammofon repariert von Saša Stanišic angelehnt ist. Schlaue Menschen, die den Roman nicht, wohl aber moderne Theater­pro­duk­tionen kennen, winken an dieser Stelle gelassen ab. Menschen, die sich von dem Begriff Tanztheater verführen lassen, bekommen an der Kasse einen Brief ausge­händigt, der an „Für Dir“ adres­siert ist. Der Brief stammt aus dem Jahr 1993 und richtet sich an eine Asija, berichtet von ersten Flücht­lings­er­fah­rungen in Essen und ist von A. unter­zeichnet. Kenner des Romans wissen jetzt, dass es sich bei A. um den Protago­nisten des Romans, Aleksandar, und um seine imaginäre Angebetete handelt. Unkundige nehmen einen ziemlich ungewöhn­lichen Kulturen-Clash zur Kenntnis. Jugosla­wische Jungs, denen das Silves­terfest unbekannt ist, das wäre zu traurig, um wahr zu sein.

Der Beginn der eigent­lichen Aufführung ist für 20 Uhr angesetzt. Zwanzig Minuten später beginnt der Einlass. Eine Erklärung oder gar Entschul­digung braucht man in Essen dafür nicht. Das ist unpro­fes­sionell und über die Maßen ärgerlich. Autofahrer beispiels­weise zahlen für die Verspätung, weil in der Zeit der Weihnachts­märkte an kostenlose oder mindestens preis­werte Parkplätze überhaupt nicht zu denken ist. Da hilft dann auch der vor Beginn der Aufführung angebotene Pflau­men­schnaps gerade gar nicht.

POINTS OF HONOR

Musik
Tanz
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Die Bühne ist spärlich, aber effektiv einge­richtet. Im Hinter­grund eine Projek­ti­ons­fläche, vor der so etwas wie eine Vielzweck­kiste aufgebaut ist. Sie dient als Sitzbank, Tanzfläche, Stauraum und zusätz­liche Projek­ti­ons­fläche für eine Dia-Show. Links vorn ist eine Tafel angebracht, auf der im Laufe der einstün­digen Aufführung ein paar Anmer­kungen verschrift­licht werden. Darunter ein Plastik-Schwein à la Disney auf Rädern, auf dessen Kopf ein Block mit so etwas wie Kapitel­an­gaben angebracht ist. Im Bühnenraum kommen verschiedene Requi­siten zum Einsatz, die nach Bedarf herbei­geholt werden.

Foto © Karina Ter Ovanesova

Wie es sich für ein Kammer­spiel gehört, verwi­schen die Einsatz­ge­biete. Jelena Ivanovic zeichnet für Regie und Choreo­grafie verant­wortlich, das Licht besorgt Daniela Frenzen, für die Musik und den Ton aus dem Lautsprecher sorgt Markus Schmiedel. Auf der Bühne tragen die Tänzerin Yara Eid und die Schau­spie­lerin Silvia Weiskopf ihren Teil zum Gelingen eines sehr poeti­schen Musik­theaters bei. Der Begriff der Tanzthea­ter­pro­duktion wird schnell ad absurdum geführt. Der Tanz trägt hier allen­falls aroma­ti­sierend zum Gesamt­ein­druck bei. Es ist ein Stück wunder­bares Musik­theater. Lange Strecken werden der Übertragung eines Fußball­spiels aus dem Off einge­räumt. Eines Fußball­spiels, das sich während einer der Kampf­pausen in einem der Jugosla­wi­en­kriege zwischen den militä­ri­schen Gegnern ereignet. Eine der stärksten Stellen des Buchs. Und das kann gefallen – wenn man es gelesen hat. Dann versteht man auch ohne Schwie­rig­keiten die teils drastische Sprache.

Andern­falls wird sich auch kaum der sinnfällige Titel erschließen. Die Bewegung auf den verschie­denen histo­ri­schen Ebenen, die Hinwendung zu den Geschichten des Großvaters und die eigenen vorsich­tigen Annähe­rungen in der Gegenwart verdeut­lichen sowohl das „re“ als auch das „turn“. Wer seine Hausauf­gaben nicht erledigt und das Buch vor der Aufführung gelesen hat, bekommt wenig Geleit.

Dem helfen dann die Leistungen von Yara Eid und Silvia Weiskopf. Denn die stehen letztlich für sich. Während Eids tänze­rische Leistungen eher als l’art pour l’art wirken, bestimmt Weiskopf die Handlung mit hervor­ragend vorge­tra­genen Monologen, gleich­gültig, wie viel man davon versteht oder nicht.

Am Ende dieser Stunde, die vom Publikum vor allem wegen der Leistung der Protago­nis­tinnen langan­haltend beklatscht wird, geht man als unbele­sener Zuschauer mit zwiespäl­tigen Gefühlen in die regne­rische Nacht. Hätte man den Roman gelesen haben müssen? Hätte man sich mit den Jugosla­wi­en­kriegen im Vorfeld beschäf­tigen müssen? Oder reichte es, das Schwanken und Austa­rieren der jungen Leute im Bezug zur Geschichte zu erleben? Für Aufklärung könnte Ivanovic sorgen. Die bleibt stumm. Und das, so viel ist gewiss, ist zu wenig.

Michael S. Zerban

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