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Foto © Will van Iersel

So getan, als ob

POWDER HER FACE
(Thomas Adès)

Besuch am
26. März 2017
(Premiere am 19. März 2017)

 

Theater Aachen

Wer diese Oper gesehen hat, wird sich nach der Opera seria so dringend sehnen wie ein Wüsten­wan­derer nach einem Schluck Wasser. Und kein Mensch braucht mehr die Opera seria. Wenn sich die Boulevard-Oper als neues Genre durch­setzt, wird es Zeit, die Oper abzuschaffen. Wie eine Boulevard-Oper aussieht, kann man sich derzeit in Aachen ansehen.

Eine kleine, verschworene Gemein­schaft findet sich am frühen Sonntag­abend im Zuschau­ersaal des Aachener Theaters ein – der Rest der Menschheit erfreut sich am wunder­schönen Frühlings­wetter oder hat die Berichte zur Premiere gelesen. Etwa ein Viertel der Gemein­schaft wird sich nach der Pause verabschieden.

Der Mythos oder vielleicht die Hoffnung, jede Oper, die nach 1990 kompo­niert wurde, sei an sich schon mal hitver­dächtig, habe schon mal prinzi­piell das Zeug, ein Jahrhun­dert­ereignis zu werden, hält sich hartnäckig, wird aber dadurch nicht richtiger. Fakt ist, die meisten verschwinden nach der Erstauf­führung sang- und klanglos im Orkus. Und das ist gut und richtig so. Vollkommen unver­ständlich, wie sich Powder her Face des Kompo­nisten Thomas Adès und des Libret­tisten Philip Hensher sogar auf zahlreiche deutsche Bühnen hinüber­retten konnte.

POINTS OF HONOR

Musik  
Gesang  
Regie  
Bühne  
Publikum  
Chat-Faktor  

Urauf­ge­führt am 1. Juli 1995 in England, gefeiert als Durch­bruch des damals 24-jährigen Kompo­nisten, nimmt sich die Oper der Herzogin von Argyll an, deren Promis­kuität in einem spekta­ku­lären Schei­dungs­prozess gipfelte. Bekannt wurde die knapp zweistündige Kammeroper durch eine erstmals „gezeigte“ Fellatio-Szene auf der Bühne. Sex auf der Bühne zieht – fast – immer. Wenn nicht gerade die Texte von Hensher vertont werden. Die Geschichte der Oper ist simpel, um nicht zu sagen, von grenzen­loser Banalität. Vorge­stellt wird die Herzogin und ihr Umfeld. Gesungen werden Texte wie „Ihr Wagen wird in einer Stunde hier sein, Madam“. Überhaupt wird „Madam“ sehr oft gesungen. Und so reiht sich eine Nichtigkeit an die andere.

Annähernd zwei Stunden blasen Klari­netten und Saxophone verschie­denster Ausprägung dem Publikum lautes Gequake um die Ohren, durch­brochen von Geräu­schen und selbst­ver­ständlich auch viel Schlagwerk. Nein, das ist keine Musik, die irgend­etwas ablösen kann. Das ist Lärm, der sehr zeitge­nös­sisch zeigt, dass Disso­nanzen und schrille Töne allein nicht die Lösung sind. Auch die Idee, Instru­mente in gleicher Tonart über Stimmen zu legen, zeugt weder von Verständnis von Oper noch von einem sonderlich origi­nellen Einfall. Dass es zum Einstieg – vornehm ausge­drückt – Varia­tionen von Jazz und Boogie und gegen Ende Ausflüge in den modernen Tango gibt, kann die gesamte Geräusch­ku­lisse nicht retten.

Foto © Will van Iersel

Regisseur Ludger Engels entdeckt in den Geräu­schen tänze­rische Elemente, die er mit auf die Bühne nimmt. Manchmal passt das auch. Aber Engels hat sich ohnehin viel einfallen lassen, um das Publikum über die gesamte Länge bei Laune zu halten. Sein wichtigstes Rezept lautet Bewegung. Und wenn es für die Darsteller nicht einmal mehr noch so gewollte Tanzschritte gibt, wird die Drehbühne auch schon mal etwas schneller herum­ge­schoben. Vor einer Ziegel­mauer hat Moritz Junge auf der Drehbühne drei Räume aufgebaut. Ein Schlaf­zimmer, ein Vorzimmer und einen Salon. Genug Platz, um die verschie­denen Räumlich­keiten der Oper anzudeuten. Das Interieur ist plüschig-britisch angelegt. Das passt zum Thema. Dirk Sarach-Craig setzt sehr viel Rotlicht und Halbdunkel ein, was nicht so ganz einleuchtet, denn im Stück geht es ja nicht um ein halbsei­denes Milieu, sondern um die sexuelle Freizü­gigkeit einer Herzogin. Genau diese Freizü­gigkeit bringt Junge, der auch für die Kostüme verant­wortlich zeichnet, ziemlich viel Arbeit. Denn freizügig soll auf der Bühne offen­kundig nichts sein. Man belässt es beim so tun, als ob. Dementspre­chend muss die Unter­wäsche, die hier zahlreich zum Einsatz kommt, alles ziemlich bedecken. Und die Fellatio-Szene? Hier muss der Sänger tatsächlich die Hosen herun­ter­lassen, und die Zuschauer bekommen seinen nackten Hintern zu sehen. Dass die Sängerin hier im falschen Rhythmus singt, ist vielleicht als Ironie zu deuten. Auch die zweite Sängerin muss sich in Unter­wäsche zeigen. Wer mehr nackte Haut sehen will, muss ins Freibad gehen oder Rekla­me­wände anschauen. Und so versi­ckern Erotik oder gar Sex, noch ehe sie auf der Bühne ankommen, obwohl vom Libret­tisten so gedacht.

Gerettet wird der Abend von vier Sängern und einer Schau­spie­lerin, die den 16 Rollen wirklich gekonnt Leben einhauchen. Beginnend mit Jelena Rakič, die sechs Rollen nicht nur fabelhaft bewältigt, sondern ihre schöne Stimme auch sehr gekonnt darauf verwendet, allzu Nichts­sa­gendes zu singen. Auch Eva Bernard macht als Herzogin eine gute Figur. Ihr zur Seite gestellt hat Engels die Schau­spie­lerin Elisabeth Ebeling, die den Glamour der jungen Herzogin als Schat­ten­figur mystisch-ätherisch zur Schau stellt. In Bart Driessen hat die Bernard einen ebenbür­tigen Partner, der in fünf Rollen seine stimm­liche Bandbreite vom runden Bass bis zum unfrei­wil­ligen, weil von der Rolle vorge­schrie­benen Falsett beweist. Sein komödi­an­ti­sches Talent darf Patricio Arroyo in vier Rollen immer wieder andeuten. Die eher kleine Gesangs­rolle bewältigt er ohne Schwierigkeiten.

Erschwert wird die Aufgabe der Sänger von Justus Thorau, der als Erster Kapell­meister des Hauses am Pult des kleinen Orchesters steht und alles daran setzt, den Instru­men­ta­listen möglichst großes Volumen zu verleihen.

Das verbliebene Publikum bemüht sich nach Kräften, sich bei den hervor­ra­genden Darstellern und dem Orchester zu bedanken. Aber die Erschöpfung ist nicht nur den Zuschauern anzumerken, und so sind alle froh, als sie endlich ins Freie strömen dürfen. Man darf denje­nigen, die bis zum Schluss ausge­harrt haben, attes­tieren, dass sie sich für neue Hörein­drücke öffnen. Aber nur, weil etwas neu ist, muss es nicht automa­tisch besser sein. Das hat auch diese Oper wieder gezeigt.

Michael S. Zerban

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