O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Carl Brunn

Veristische Dreifaltigkeit

IL TRITTICO
(Giacomo Puccini)

Besuch am
15. Januar 2017
(Premiere)

 

Theater Aachen

Nicht oft hat man die Gelegenheit Puccinis Opern­tri­logie in Gänze zu erleben. Das Theater Aachen bietet nun eben diese Chance. Dem Kompo­nisten schwebte die Vision vor Augen, ein tragi­sches, Il tabarro, ein lyrisches, Suor Angelica, und ein komödi­an­ti­sches Stück, Gianni Schicchi, in einem Triptychon zu vereinen.

Thema­tisch haben die drei Einakter offen­sichtlich eines gemeinsam – den Tod. Am heutigen Abend setzt Regisseur Mario Corradi aller­dings eine andere inhalt­liche Verknüpfung in den Vorder­grund: die Mutter­schaft. Der inter­es­sante Ansatz ist jedoch recht oberflächlich umgesetzt. Jeweils szenisch voran­ge­stellt werden Giorgetta, die ihr Kind als überfor­derte Mutter umbringt; Angelica, deren unehe­liches Kind ihr genommen wird und eine frühe Schwan­ger­schaft Laurettas. Die zeitliche Verortung in die 1990-er, 1960-er und 1930-er hat Corradi statt der origi­nalen Zeitan­gaben 1900, 1600 und 1300 gewählt, drama­tur­gisch ein inter­es­santer Gedanke, wirkt aber vor allem in Il tabarro aufge­setzt und unpassend. So startet der Abend mit der szenisch schwächsten Umsetzung. Das Tragische scheint Corradi nicht zu liegen – zu platte Perso­nen­führung, in der die Sänger allein gelassen wirken, hölzerne Bewegungen und abgedro­schene Gesten dominieren das Spiel. Auch das unbeholfene beinahe-Petting des verbo­tenen Liebes­paares kann da nichts mehr retten. Vorteilhaft wirken ebenfalls nicht die Kostüme von Italo Grassi, die mit schlechtem Travestie-Glitter kaum in die 90-er Jahre passen und auf der anderen Seite bieder und zeitlos daher kommen. Man kann von Glück sprechen, dass im zweiten Teil der Trilogie die Titel­partie Angelica im Focus steht, so mutet der Einakter bis auf das Zwiege­spräch von Fürstin zur versto­ßenen Angelica und die possier­liche Eingangs­szene aus dem Kloster­leben wie ein Monolog an – den Irina Popova großartig vorlebt. Corradi geht hier behutsam auf die verklärte Musik ein und erreicht so ein stimmiges Bild. Die Kostüme der Nonnen bestehen aus typischer Ordens­kleidung, wobei die Schwestern als lebendige Bühnen­rahmung fungieren und so Angelica Platz zum Entfalten geben.  Ein Farbklecks ist das Kostüm der Fürstin, das sich kostrast­reich gegen die triste Kloster­kleidung abhebt. Grassi zeichnet auch für die Bühne verant­wortlich, die im ersten Einakter von einem recht­eckigen, von der Decke hängenden Konstrukt dominiert wird, das sich auch in den beiden folgenden Opern wieder­findet. Sonst ergänzen einige Ausstat­tungs­stücke das Bühnenbild, ein Müllcon­tainer beispiels­weise die Hafen­gegend der ersten Oper, ein kleiner Kräuter­garten der Angelica das zweite Bild. Das Sprech­zimmer ist, metapho­risch gelungen, ein fahrbarer Käfig. Als rundes Gesamt­paket gefällt Gianni Schicchi: Die Ausstattung gipfelt in einem überdi­men­sio­nalen Portrait Musso­linis, die Kostüme sind der Zeit des faschis­ti­schen Italiens angepasst und nur stellen­weise leicht überzeichnet, was sich gut mit der heiteren Thematik versteht.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Die spannende musika­lische Vorlage Il tabarros hebt sich glück­li­cher­weise von der langwei­ligen Umsetzung des, sollte man meinen, spannenden Kammer­spiels ab: Hier wird ein Feuerwerk an Nuancen, Inten­sität und Dramatik geboten, das Freude bereitet. Auch mit der sänge­ri­schen Leistung darf man zufrieden sein. Woong-jo Choi verkörpert den betro­genen Michele zwar eher steif, lässt aber in seiner vielschich­tigen Stimme nötige Gefühls­re­gungen wach werden. Linda Ballova als Giorgetta singt ohne Tadel, lässt aber sowohl darstel­le­risch als auch in ihrem strin­genten Sopran ein gewisses Etwas vermissen. Das wiederum bringt Alexey Sayapin als Luigi mit: Tenorale Strahl­kraft und vor allem die darstel­le­rische Überzeu­gungs­kraft machen seine Partien zum Genuss. Leila Pfisters warmem Mezzo­sopran in der Partie der Frugola lauscht man allzu gerne, und auch Patricio Arroyo und Pawel Lawreszuk als Il Tinca und Il Talpa gefallen, ebenso wie die passend besetzten Nebenpartien.

Foto © Carl Brunn

Die als kitschig verschriene Suor Angelica zehrt von einer großar­tigen musika­li­schen Gesamt­leistung: Geradezu himmlische Klänge aus dem Orches­ter­graben und eine emotional invol­vierte Irina Popva als Angelica lassen die Zerris­senheit der seit sieben Jahren im Kloster gefan­genen Mutter lebendig werden. Popova kostet ihren Sopran bis an die Grenzen aus – es gelingt ihr mit dieser leiden­schaft­lichen Zusam­men­arbeit von Stimme und Spiel die überzeu­gendste Gesamt­leistung des Abends, da verzeiht man nur zu gerne ein paar Spitzen in den Höhen. Marion Eckstein als kalte Fürstin macht nicht nur in ihrem Kostüm eine gute Figur, auch gesanglich holt sie das Publikum ab. Suor Genovieffa wird von Katharina Hagopian sympa­thisch und stimmlich reizend verkörpert. Der Opernchor Aachen birgt einiges an Talent, sind doch einige der restlichen Partien aus dem Chor besetzt: Anne Lafeber als Badessa, Margarita Dymshits als Zelatrice, Jolanta Kosira und Corinna Heller als Conversen. Die restliche Schwes­tern­schaft ist mit Prakti­kan­tinnen und einer Stipen­diatin passend besetzt. Als stumme Statis­ten­rolle mimt Latif Condé herzer­wärmend den Sohn Angelicas.

Krönender Abschluss bildet der heitere Teil der Opern­tri­logie: Gianni Schicchi als makabre Komödie entlässt das Publikum nach zwei ernsten, todes­las­tigen Opern in die Freiheit des Lachens. Corradi insze­niert mit sprit­zigen Einfällen und einer wesentlich natür­li­cheren Perso­nen­führung, in der ihm die Sänger­dar­steller mit Esprit entgegen kommen. Allen voran Enrico Marabelli als augen­zwin­kernder Schelm in der Titel­partie, der mit seinem sonoren Bariton und Mut zum stimm­lichen Schalk eine Ideal­be­setzung ist. Seine Tochter Lauretta, von Suzanne Jerosme spritzig gegeben, wird mit dem einzigen obliga­to­ri­schen Szenen­ap­plaus nach einem tadel­losen O mio babbino caro belohnt. Auch in dieser Oper darf Tenor Alexey Sayapin als Rinuccio den Verliebten spielen und das erneut mit Bravour. Leila Pfister mimt launisch die alte und strenge Zita, ihren Gegenpart verkörpert Jorge Escobar als Simone mit Bravour. Nella und Gherardo werden von Katharina Hagopian, erneut wunderbar, und Patricio Arroyo mit schönem Tenor gesungen. Ein markanter Vasilis Tsanaktsidis als Betto von Signa zeigt einmal mehr die Qualität der Chormit­glieder. Marco, von Bariton Michael Terada und Ciesca, von der frechen Kim Savels­bergh überzeugend gegeben, runden mit einem urkomi­schen Pawel Lawreszuk als Magister Spinel­loccio sowie Anatio di Nicolao, Stefan Hagendorn als Pinellino und Fabio Lesuisse als Guccio die gelungene Ensem­ble­leistung ab. Der kleine Tassilo Wettstein als Gherardino ist ein toller Kinder­dar­steller, der mit Mut und Talent seinen Mann auf der Bühne steht.

Kazem Abdullah leitet das Sinfo­nie­or­chester Aachen durch jede Woge der drama­tisch aufge­la­denen Musik aller drei Opern und schafft es, den Kern jeder einzelnen zu treffen: Tragische Größe im Mantel, lyrische und zart-drama­tische Nuancen in Sour Angelica und kecken Witz in Gianni Schicchi – Puccini „at it’s best“. Auch Elena Pierini hat in der Einstu­dierung des Opern­chores Lorbeeren verdient. Das Publikum jeden­falls zeigt sich zufrieden – herzlicher Applaus nach jeder Oper und ein langer Schluss­ap­plaus beenden einen im Gesamt­ergebnis kurzwei­ligen und vor allem an musika­li­scher Bandbreite reichen Opernabend.

 

Miriam Rosenbohm

Teilen Sie O-Ton mit anderen: