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Nicht oft hat man die Gelegenheit Puccinis Operntrilogie in Gänze zu erleben. Das Theater Aachen bietet nun eben diese Chance. Dem Komponisten schwebte die Vision vor Augen, ein tragisches, Il tabarro, ein lyrisches, Suor Angelica, und ein komödiantisches Stück, Gianni Schicchi, in einem Triptychon zu vereinen.
Thematisch haben die drei Einakter offensichtlich eines gemeinsam – den Tod. Am heutigen Abend setzt Regisseur Mario Corradi allerdings eine andere inhaltliche Verknüpfung in den Vordergrund: die Mutterschaft. Der interessante Ansatz ist jedoch recht oberflächlich umgesetzt. Jeweils szenisch vorangestellt werden Giorgetta, die ihr Kind als überforderte Mutter umbringt; Angelica, deren uneheliches Kind ihr genommen wird und eine frühe Schwangerschaft Laurettas. Die zeitliche Verortung in die 1990-er, 1960-er und 1930-er hat Corradi statt der originalen Zeitangaben 1900, 1600 und 1300 gewählt, dramaturgisch ein interessanter Gedanke, wirkt aber vor allem in Il tabarro aufgesetzt und unpassend. So startet der Abend mit der szenisch schwächsten Umsetzung. Das Tragische scheint Corradi nicht zu liegen – zu platte Personenführung, in der die Sänger allein gelassen wirken, hölzerne Bewegungen und abgedroschene Gesten dominieren das Spiel. Auch das unbeholfene beinahe-Petting des verbotenen Liebespaares kann da nichts mehr retten. Vorteilhaft wirken ebenfalls nicht die Kostüme von Italo Grassi, die mit schlechtem Travestie-Glitter kaum in die 90-er Jahre passen und auf der anderen Seite bieder und zeitlos daher kommen. Man kann von Glück sprechen, dass im zweiten Teil der Trilogie die Titelpartie Angelica im Focus steht, so mutet der Einakter bis auf das Zwiegespräch von Fürstin zur verstoßenen Angelica und die possierliche Eingangsszene aus dem Klosterleben wie ein Monolog an – den Irina Popova großartig vorlebt. Corradi geht hier behutsam auf die verklärte Musik ein und erreicht so ein stimmiges Bild. Die Kostüme der Nonnen bestehen aus typischer Ordenskleidung, wobei die Schwestern als lebendige Bühnenrahmung fungieren und so Angelica Platz zum Entfalten geben. Ein Farbklecks ist das Kostüm der Fürstin, das sich kostrastreich gegen die triste Klosterkleidung abhebt. Grassi zeichnet auch für die Bühne verantwortlich, die im ersten Einakter von einem rechteckigen, von der Decke hängenden Konstrukt dominiert wird, das sich auch in den beiden folgenden Opern wiederfindet. Sonst ergänzen einige Ausstattungsstücke das Bühnenbild, ein Müllcontainer beispielsweise die Hafengegend der ersten Oper, ein kleiner Kräutergarten der Angelica das zweite Bild. Das Sprechzimmer ist, metaphorisch gelungen, ein fahrbarer Käfig. Als rundes Gesamtpaket gefällt Gianni Schicchi: Die Ausstattung gipfelt in einem überdimensionalen Portrait Mussolinis, die Kostüme sind der Zeit des faschistischen Italiens angepasst und nur stellenweise leicht überzeichnet, was sich gut mit der heiteren Thematik versteht.
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Die spannende musikalische Vorlage Il tabarros hebt sich glücklicherweise von der langweiligen Umsetzung des, sollte man meinen, spannenden Kammerspiels ab: Hier wird ein Feuerwerk an Nuancen, Intensität und Dramatik geboten, das Freude bereitet. Auch mit der sängerischen Leistung darf man zufrieden sein. Woong-jo Choi verkörpert den betrogenen Michele zwar eher steif, lässt aber in seiner vielschichtigen Stimme nötige Gefühlsregungen wach werden. Linda Ballova als Giorgetta singt ohne Tadel, lässt aber sowohl darstellerisch als auch in ihrem stringenten Sopran ein gewisses Etwas vermissen. Das wiederum bringt Alexey Sayapin als Luigi mit: Tenorale Strahlkraft und vor allem die darstellerische Überzeugungskraft machen seine Partien zum Genuss. Leila Pfisters warmem Mezzosopran in der Partie der Frugola lauscht man allzu gerne, und auch Patricio Arroyo und Pawel Lawreszuk als Il Tinca und Il Talpa gefallen, ebenso wie die passend besetzten Nebenpartien.

Die als kitschig verschriene Suor Angelica zehrt von einer großartigen musikalischen Gesamtleistung: Geradezu himmlische Klänge aus dem Orchestergraben und eine emotional involvierte Irina Popva als Angelica lassen die Zerrissenheit der seit sieben Jahren im Kloster gefangenen Mutter lebendig werden. Popova kostet ihren Sopran bis an die Grenzen aus – es gelingt ihr mit dieser leidenschaftlichen Zusammenarbeit von Stimme und Spiel die überzeugendste Gesamtleistung des Abends, da verzeiht man nur zu gerne ein paar Spitzen in den Höhen. Marion Eckstein als kalte Fürstin macht nicht nur in ihrem Kostüm eine gute Figur, auch gesanglich holt sie das Publikum ab. Suor Genovieffa wird von Katharina Hagopian sympathisch und stimmlich reizend verkörpert. Der Opernchor Aachen birgt einiges an Talent, sind doch einige der restlichen Partien aus dem Chor besetzt: Anne Lafeber als Badessa, Margarita Dymshits als Zelatrice, Jolanta Kosira und Corinna Heller als Conversen. Die restliche Schwesternschaft ist mit Praktikantinnen und einer Stipendiatin passend besetzt. Als stumme Statistenrolle mimt Latif Condé herzerwärmend den Sohn Angelicas.
Krönender Abschluss bildet der heitere Teil der Operntrilogie: Gianni Schicchi als makabre Komödie entlässt das Publikum nach zwei ernsten, todeslastigen Opern in die Freiheit des Lachens. Corradi inszeniert mit spritzigen Einfällen und einer wesentlich natürlicheren Personenführung, in der ihm die Sängerdarsteller mit Esprit entgegen kommen. Allen voran Enrico Marabelli als augenzwinkernder Schelm in der Titelpartie, der mit seinem sonoren Bariton und Mut zum stimmlichen Schalk eine Idealbesetzung ist. Seine Tochter Lauretta, von Suzanne Jerosme spritzig gegeben, wird mit dem einzigen obligatorischen Szenenapplaus nach einem tadellosen O mio babbino caro belohnt. Auch in dieser Oper darf Tenor Alexey Sayapin als Rinuccio den Verliebten spielen und das erneut mit Bravour. Leila Pfister mimt launisch die alte und strenge Zita, ihren Gegenpart verkörpert Jorge Escobar als Simone mit Bravour. Nella und Gherardo werden von Katharina Hagopian, erneut wunderbar, und Patricio Arroyo mit schönem Tenor gesungen. Ein markanter Vasilis Tsanaktsidis als Betto von Signa zeigt einmal mehr die Qualität der Chormitglieder. Marco, von Bariton Michael Terada und Ciesca, von der frechen Kim Savelsbergh überzeugend gegeben, runden mit einem urkomischen Pawel Lawreszuk als Magister Spinelloccio sowie Anatio di Nicolao, Stefan Hagendorn als Pinellino und Fabio Lesuisse als Guccio die gelungene Ensembleleistung ab. Der kleine Tassilo Wettstein als Gherardino ist ein toller Kinderdarsteller, der mit Mut und Talent seinen Mann auf der Bühne steht.
Kazem Abdullah leitet das Sinfonieorchester Aachen durch jede Woge der dramatisch aufgeladenen Musik aller drei Opern und schafft es, den Kern jeder einzelnen zu treffen: Tragische Größe im Mantel, lyrische und zart-dramatische Nuancen in Sour Angelica und kecken Witz in Gianni Schicchi – Puccini „at it’s best“. Auch Elena Pierini hat in der Einstudierung des Opernchores Lorbeeren verdient. Das Publikum jedenfalls zeigt sich zufrieden – herzlicher Applaus nach jeder Oper und ein langer Schlussapplaus beenden einen im Gesamtergebnis kurzweiligen und vor allem an musikalischer Bandbreite reichen Opernabend.
Miriam Rosenbohm