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FÜRST IGOR
(Alexander Borodin)
Besuch am
26. Februar 2017
(Premiere am 10. Februar 2017)
Schon für den Komponisten war Fürst Igor ein Schmerzenskind. Der vielbeschäftigte Naturwissenschaftler Alexander Borodin, der neben seinen vielfältigen Lehr- und Forschungsaufgaben auch komponierte, arbeitete nicht weniger als 18 Jahre an seiner auf einer Legende aus dem zwölften Jahrhundert basierenden Oper, ohne sie schließlich vor seinem Tod beenden zu können. Immer wieder ließ er das Werk liegen und widmete sich anderen Kompositionen. Nikolai Rimski-Korsakow und Alexander Glasunow haben die Partitur schließlich vollendet. Diese Fassung ist heute in Russland gebräuchlich und gehört zum Kernrepertoire der russischen und osteuropäischen Opernhäuser.
Der Regisseur der Amsterdamer Produktion, Dmitri Tcherniakov, ordnet diverse Teile des Werkes in sinnhafter Folge neu, und fügt am Ende den kompositorischen Beitrag Borodins zu einer von den weiteren Komponisten des „Mächtigen Häufleins“ Cui, Mussorgsky und Rimski-Korsakow ursprünglich gemeinsam geplanter, aber nicht vollendeter Ballettoper Mlada ein.
Auf diese Weise ist Tcherniakov in der Lage, das Psychogramm des Feldherrn und Fürsten Igor in den Mittelpunkt zu stellen. Er zeigt unmittelbar nach der Kriegsweihe und Verabschiedung der Soldaten über das gesamte Bühnenportal projizierte Videos, die angstvolle Mienen von Soldaten, Kriegshandlungen mit Explosionen und tote oder schwerverletzte und gezeichnete Gesichter zeigen.
| Musik | ![]() |
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| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
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Die unmittelbar anschließende Handlung wirkt wie ein quasi-filmischer Fiebertraum eines mit dem Tode ringenden Kriegsversehrten, der unter anderem in einer unwirklich-schönen Landschaft voller tiefrot glühender Mohnblumen zur Musik der aus der Oper bekannten Polowetser Tänze junge, unschuldig tanzende Leute friedlich und unbekümmert zu erleben oder erträumen scheint. Auch weitere Handlungselemente, die die Zuneigung liebender Paare zeigen oder auch die in ihrer Absicht ironisch-herzlich wirkende Einladung des Khans Kontsjak, spielen in diesem vom Regisseur selbst entworfenen, unwirklichen Mohnblumenfeld.
Im Gegensatz dazu steht der Fortgang der Geschichte an der Heimatfront. Sie spielt im realen Raum einer funktionalen Halle, die allen möglichen Zwecken als Versammlungsort dienen kann. Hier übernimmt ein ursprünglich von Igor auf Zeit eingesetzter, diktatorischer und frauenschändender Prinz das Regime und versteht es in kurzer Zeit, das schwankende Volk hinter sich zu scharen. Nach der Niederlage, die in krachender Realität die Versammlungshalle unter Beschuss zusammenstürzen lässt, verbleibt zunächst ein verzweifeltes, gelähmtes und apathisches Volk zurück. Geborstene Dächer und Trümmerschutt überhäufen die Bühne.
Igor, der schon vor dem Kriegszug Zeichen von Angstzuständen oder Irritationen zu erkennen gab, sieht sich nach dem Traum einer friedlichen Vision im Angesicht des eigenen Nahtodes nunmehr in der Pflicht, seinem Volk den Weg in eine neue, andere Zukunft zu weisen. Er besinnt sich wie unter Zeitlupe und startet den beschwerlichen Wiederaufbau. Ob er dem Weg in eine glückliche Zukunft vertrauen kann oder doch nur der ewige Kreislauf von Aufbau und Zerstörung bevorsteht? Der Fürst mag sich wohl die Frage selber nicht beantworten zu können.
Das äußerliche Erscheinungsbild der Tcherniakovschen Produktionen ist in der Regel ausgesprochen realistisch gestaltet. Bühne, Kostüme und Licht tragen aber inhärent und für den aufmerksamen Betrachter eine Fülle von Komponenten, die mindestens auf eine zweite psychologische Ebene verweisen oder auf das Unterbewusstsein zielen. Der Realität ist nicht immer zu trauen und bewährte Sichtweisen scheinen untergraben. Atemberaubend in dieser Produktion das tief blutrote, unübersehbare Feld der Mohnblumen, die einen ganzen, unfassbaren Kosmos tiefer menschlicher Emotionen und Erfahrungen in sich zu tragen und an ein weites Spektrum menschlicher Bedürfnisse und Bedrohungen zu rühren scheinen.
Tcherniakov arbeitet bei den Kostümen und beim Licht mit seinen langjährigen Partnern Elena Zaitseva und Gleb Filshtinky zusammen. Für die Videoprojektionen zeichnet S. Katy Tucker und für die Choreografie Itzik Galili verantwortlich. Eine so gelungene Umsetzung erfordert von allen Beteiligten außerordentliche Konzentration und emotionale Hingabe, um einen solchen Grad an Wirkung zu erzielen.
Die Inszenierung kam bereits 2014 als Koproduktion mit der Metropolitan Opera mit großem Erfolg in New York heraus. Das Sängerensemble ist in wichtigen Rollen unverändert.

Überwältigend mit sensibler, aber markanter und kraftvoller Stimmgewalt Ildar Abdrazakov als Fürst Igor. Der Sänger ist in jeder Form der Wanderung auf dem feinen Grad zwischen der Rolle als Volkstribun und eines verletzlichem Individualisten gewachsen. Die Stimme besitzt alle Facetten eines mitreißenden und wohlklingenden Timbres, das wirkungsvoll und anscheinend spielerisch von machtvoller Ansprache großer Menschengruppen zu innerlich-bewegten Tönen der Introspektion wechseln kann. Darüber hinaus vermag Abdrazakov durch ein raumgreifendes, jedoch nie forciertes Spiel die schillernde Psyche des Hauptdarstellers mit ergreifender Geste auszufüllen.
Oksana Dyka als Jaroslavna überzeugt durch das typisch russische Soprantimbre mit leicht stählerner Färbung in der Höhe. Wiewohl stimmlich auf vergleichbarem Niveau mit dem Igor Abdrazakovs, vermag sie in darstellerischer Hinsicht nur wenig zu überzeugen.
Eine weitere Prachtvorstellung in stimmlicher Kraft und Sicherheit sowie Lust an darstellerischer, ironisch-dunkler Gestaltung zeigt Dmitri Ulyanov in der Doppelrolle von Igors Gegenspielern Prinz Galitsky und Khan Kontsjak. Man hat nachgerade das Gefühl, der Sänger hätte glatt noch eine dritte Rolle spielerisch verkraftet, wenn dies nur jemand vorgeschlagen hätte.
Der zuverlässige Pavel Cernoch in der Partie des Vladimir, Sohn des Khans, und die exzellente Agunda Kulaeva als gewissermaßen das Paar einer Zukunftsvision vertraten, die wohl Igor als Teil seiner zerbrechlichen Vision vor Augen haben mag, wenn er seien zaghaften Wiederaufbau beginnt.
Herausragend auch die nicht zu unterschätzenden Rollen der Opportunisten Skoela und Jerosjka von Vladimir Ognovenko und Andrei Popov. Auch hier sind souveräner Gesang mit komödiantischem Spiel auf höchstem Niveau gepaart. Dasselbe gilt für Ovloer von Vasily Efimov.
Die großen Aufgaben des Chores sind im Amsterdamer Haus in den bewährten Händen von Ching-Lien Wu. Nicht nur gibt es balsamischen, russisch-dunklen und auch aufbrausenden Gesang zu hören, sondern zusätzlich überzeugt auch das intensive und mit Freude umgesetzte Spiel, das der präzise arbeitende Regisseur mit dem Ensemble erarbeitet hat.
Die Amsterdamer Oper verfügt nicht über ein eigenes Hausorchester. Für Fürst Igor spielt das Rotterdamer Philharmonische Orchester, das unter der Leitung von Stanislav Kochanovsky den Klangfarben dieser russischen Repertoireoper wunderbar gerecht wird. Man merkt den Musikern die Freude am Spielen deutlich an. Ob wohl das langjährige Chefdirigat Valery Gergievs in den spezifisch russischen Färbungen noch durchklingt?
Die Oper in Amsterdam betreibt ein striktes Stagione-Prinzip, wobei die jeweiligen Produktionen nicht selten in nur einer Serie mit etwa fünf bis acht Vorstellungen in nur einer einzigen Spielzeit gegeben werden. Dazu werden in der Regel die ersten Künstler, insbesondere Sänger, weltweit eingeladen. Das Ergebnis lässt sich jedenfalls auch in dieser Produktion wieder bewundern.
Das Publikum feiert alle Sänger, Chor, Dirigent und Orchester mit langanhaltendem und herzlichem Applaus.
Achim Dombrowski