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Mit dem belgischen Regisseur Ivo van Hove und unter der musikalischen Leitung von Daniele Gatti präsentiert de Nederlandse Opera nach der vorangegangenen Produktion der Salome aus dem Jahre 2009 in der Sichtweise von Peter Konwitschny in relativ kurzer Zeit eine neue herausragende Interpretation des Staussschen Einakters.
Von Hove ist seit langem erfolgreicher Schauspielregisseur, leitet seit 2001 die renommierte Amsterdamer Toneelgroup und war von 1998 bis 2004 Leiter des Holland Festival. Seine Arbeit ist neben den Beneluxländern in London, Australien, New York und an vielen Orten weltweit hochgeschätzt und viel diskutiert.
Der Regisseur fokussiert streng und konzentriert auf das Menschliche der handelnden Personen, das heißt die typischen und gleichsam unveränderlichen Verhaltensweisen von Charakteren unter ihren vorherrschenden Lebensbedingungen und sozialen Bezügen. Keine der handelnden Personen ist aus sich selbst heraus Unmensch oder Monster, jedoch trägt potentiell jeder diese Entwicklungsmöglichkeit in sich. Auch spielt der oft überstrapazierte Topos weiblicher Hysterie bei der Charakterisierung der Salome in keiner Weise eine so bedeutende Rolle wie in anderen Interpretationen.
Van Hove kann in außerordentlich klarer Form und ohne Belehrung aktuelle Bezüge im Gesellschaftsbild der Vorlage sichtbar machen. Die gilt auch für die Interaktion des Individuums mit der Gesellschaft und umgekehrt. Glänzend unterstützt wird er dabei durch Konzeption und Umsetzung von Bühne und Licht, verantwortet von Jan Versweyveld.
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Die Bühne trennt klar zwischen der Sphäre der Macht im Hintergrund, in der Herodes als Machthaber seines Reiches die politischen und religiösen Fraktionen zusammenzuführen und zu beherrschen sucht. Hier herrscht Luxus pur – jedwedes Symbol von Reichtum und Materialismus wird zur Schau gestellt. Die konkrete räumliche Architektur mag an einen Palast unbestimmter, älterer oder gepflegt-historisierender Architektur erinnern, alle weiteren Elemente, auch die Kostüme von Ann D’Huys sind ausnahmslos neuzeitlich und betont luxuriös gestaltet. Die Szenerie wirkt wie ein Abziehbild einer eitlen, hohlen, ganz auf Materialismus und Gier getrimmten Gesellschaft wie sie etwa von anderen, auch religiösen oder gesellschaftlichen Theoretikern aus dem islamischen Umfeld kritisiert wird.
Der vordere Teil der Bühne wird durch einen schwarzen Rundhorizont begrenzt, der während der Handlung in unterschiedlich großem Format den Blick auf die hintere Sphäre des Machtzentrums sichtbar werden lässt. In der Mitte ist als kreisrundes Loch der Eingang zu Jochanaans Zisterne gelegen. Auf dem Horizont selbst wandert der vielbesungene Mond in allen, auch später blutroten Schattierungen.
Wie in ein schwarzes Loch werden Handlung und Begegnungen der Protagonisten auf dem vorderen Teil der Bühne gesogen. Hier treffen sich alle mit offenem Visier, hier werden die gleichsam privaten Konflikte der dysfunktionalen Herrscherfamilie ausgezankt, hier begegnet Salome Jochanaan, hier wird sie von ihm zurückgewiesen und hier fordert sie seinen Kopf. Hier treffen auch die Vertreter der Juden und anderen Glaubensrichtungen zusammen, um über ihre Lehren zu streiten. Sie wirken ungewöhnlich sachlich und etabliert in ihren modernen Anzügen – ihre Auseinandersetzung interessiert niemanden aus der hier vertretenen Gesellschaft. Sie vertreten alte, vermutlich totdiskutierte Theorien einer vergangenen Elite.
Anders bei Jochanaan. Vor seinem Aussagen und Drohungen fürchten sich viele. Er wendet sich auch besonders denjenigen zu, die ihm zuhören wollen und richtet sich dann ausdrücklich an diese neue Jüngerschaft, wie zum Beispiel immer wieder an den einfachen, ersten Soldaten, der aus Bewunderung seinen Blick gar nicht von Jochanaan abwenden kann. Das mögen eben oft unauffällige, sicherlich nicht aus den etablierten gesellschaftlichen Schichten stammende Charaktere sein. Für die ist er neu, wirkungsstark und unverbraucht. Es ist nicht abzusehen, welche gesellschaftliche und politische Wirkung seine Mission noch haben wird.

Diese Gesellschaft ist nicht geeint. Sie streitet, jeder will seine eigene Idee von Liberalität und extremer Individualität, oder seine eigenen politischen und/oder religiösen Ziele durchsetzen. Und jeder sucht nach seinem eigenen Weg, Einfluss oder Macht zu erringen, seine Ideen umzusetzen. Niemand hört dem anderen zu. Insbesondere alte Eliten haben den Menschen nichts mehr zu sagen.
In diesem Umfeld wächst Salome auf. Ihre Zurückweisung in einer sensiblen Phase ihres fraulichen Reifeprozesses vermag sie sich nur durch Umsetzung sexueller Dominanz und Zerstörung vorzustellen. Am Ende ist sie Fortsetzung und grausame, unmenschliche Steigerung des Charakters ihrer Mutter. Eine moralische Orientierung oder die Leitlinie einer irgend gearteten Menschlichkeit hat sie aus ihrer Herkunft und Umgebung nicht erhalten.
Van Hove vermag durch sensible Personenführung Salomes und äußerlich einfach scheinendes Spiel den Entwicklungsprozess des Mädchens zur jungen Frau und in ihrem Falle zur Selbsterkenntnis ihrer eigenen Macht sowie zur unweigerlichen, lustvollen Anwendung ihrer zerstörerischen Dominanz zu zeigen. Der Regisseur schreckt dabei vor extremen Mitteln nicht zurück: aus der Zisterne kommt Salome der blutüberströmte und in letzten Zuckungen liegende Körper des Propheten entgegen. Sie setzt sich auf ihn wie auf wie ein gehäutetes Tier oder eine Ware, um in dieser dominanten Haltung den Tod des Opfers zu erleben und ihn zu küssen. Die optische Umsetzung ruft Schilderungen in den Medien von Tötungsvideos gefangener Opfer des so genannten Islamischen Staates in Erinnerung.
Zudem werden in Kontrast zum Hauptgeschehen Traumszenen eingebaut, die Handlungselemente zeigen, die sich hätten entwickeln können, wenn alles auch ganz anders gekommen wäre: Salome und Jochanaan sind kurz in selbstvergessener, liebender Umarmung zu sehen, oder wenn der Page in wahrer Todesverachtung die Leiche seines geliebten Narraboth zum ersten und letzten Male küsst.
Der Schleiertanz geht nach anfänglichem Solo der Sängerin in einen kollektiven Todestanz über. Alle lassen sich einbeziehen. Wirkungsvoll werden das Solo der Sängerin mit dem Tanz des Kollektivs und einer im Hintergrund gezeigten Videoproduktion von Tal Yarden, die einen Liebestanz von Salome mit Jochanaan zeigt, kombiniert. Am Ende liegen alle apathisch am Rande der Szene und starren gefühlskalt auf den Prozess des Tötens – und diesmal gibt es keinen Streit und keine Uneinigkeit – auch keinen Einspruch – einzig Herodias steht stolz hinter ihrer Tochter und sieht sich in ihren Forderungen nach dem Tod des Propheten bestätigt. Aber alle tragen die Verantwortung – ob sie es so sehen?
Als die Bühne am Ende wieder einen Blick auf den hinteren Teil freigibt, ist die gesamte Pracht und Symbolik der Palast- und Staatsarchitektur in Schutt und Asche gefallen … – eine solche Zivilisation setzt sich dem eigenen Untergang aus.
In ihrem Debüt an De Nederlandse Opera als Salome gelingt der Schwedin Malin Byström eine grandiose Leistung. Gerade am richtigen Punkt der stimmlichen Entwicklung wagt sie sich an die Rolle der mordenden Prinzessin. Die Stimme hat mühelos die Größe und Kraft, die Riesenpartie zu bewältigen, andererseits verfügt sie noch immer über die Elemente der Jugendlichkeit und Verletzlichkeit, die speziell in dieser Produktion den Charakter so eindrucksvoll und vielschichtig macht. Ihr rückhaltloser schauspielerischer Einsatz lässt den Zuschauer mit Schaudern die Schluss-Szene auf dem sterbenden Jochanaan erleben.
Wie schon in der Produktion in 2009 ist Doris Soffel Herodias. Die unübertreffliche Mischung von stimmlich geschicktem Einsatz ihres Materials zusammen mit der Unerbittlichkeit ihres Spiels machen sie in nicht wenigen Teilen des Abends zum Zentrum des Geschehens. Lance Ryan gibt mit großer darstellerischer Demut, jedoch stimmlich in bester Form, ihren Ehemann-Schwächling Herodes, der durch seine Unfähigkeit und charakterliche Schwäche erheblichen Anteil an der Entwicklung dieser heute so genannten dysfunktionalen Beziehung gibt. Evgeny Nikitin ist Jochanaan. Sein von Natur aus eher hoch liegender Bariton wird durch die von Dirigat und Szene geforderte klare Diktion besonders herausgefordert. Das Ergebnis ist umwerfend: Die Gewalt seiner Mission und die blinde Unerbittlichkeit seiner Botschaft kommen stimmlich ergreifend über die Rampe – das überzeugende Spiel auch im Kontrast zu den Liebesszenen mit Salome im Zwischenspiel und der Videoeinspielung geben dem Sängerdarsteller ein verführerisches Format. Als Narraboth und Page der Herodias überzeugen Peter Senn und Hanna Hipp.
Das Judenquintett ist mit Dietmar Kerschbaum, Marcel Reijans, Mark Omvlee, Marcel Beekman und Alexander Vassiliev wunderbar und einfühlsam besetzt. Die Nazarener von James Creswell und Roger Smeets überzeugen in wunderschöner Stimmführung und zurückhaltender Gestaltung.
Das Koninkliijk Concertgebouworkest mit seinem Chefdirigenten Daniele Gatti finden eine komplett neue Klangwelt in der vielgespielten Partitur. Es stehen nicht dissonanzreiche Tonballungen im Vordergrund. Auch wird soweit wie möglich auf das Ausspielen übergroßer und voluminöser Klangbögen verzichtet. Stattdessen herrscht in Teilen die Agogik der Parsifal-Partitur, die ein inneres Erglühen der Musik bewirkt, auf deren Klangstrukturen die Sänger ihre eigene (Sprech-)Gesangsdiktion finden und zum Ausdruck bringen müssen. Sie haben damit eine andere, eigenständigere Verantwortung für die Rationalität oder Irrationalität ihrer Inhalte. Nicht nur die gesangliche Gestaltung wird damit eigenständiger, auch die Textinhalte bekommen eine andere, interpretationsbezogene Bedeutung.
Zusammen mit der packenden szenischen Umsetzung gelingt hier letztendlich eine sensible, nachgerade beängstigend aktuelle gesellschaftliche Studie.
Politische Dimension aus dem Orchestergraben also? – In dieser Amsterdamer Produktion gelingt das durch die außerordentliche Geschlossenheit des Konzeptes auf der Bühne und im Graben.
Nach dem Fallen des Vorhangs nimmt – ungewöhnlich genug – zunächst Daniele Gatti mit seinem brillanten Orchester den tosenden Beifall entgegen. Bei Erscheinen von Malin Byström springt ihr das Auditorium kollektiv entgegen – eine standing ovation von außerordentlicher Herzlichkeit. Bei den vielen Bravi für alle anderen Mitwirkenden auf der Bühne sticht die Begeisterung für Doris Soffel hervor. Das Regieteam wird mit lautstarken, einhelligen und langanhaltenden Begeisterungsstürmen empfangen.
Ein glanzvoller Abend für Hollands große Oper.
Achim Dombrowski