Auf den Zahn gefühlt

DER GOLDENE DRACHE
(Peter Eötvös)

Besuch am
9. Dezember 2016
(Premiere)

 

Südthü­rin­gi­sches Oper Frankfurt, Bocken­heimer Depot

Peter Eötvös zählt zur ersten Riege zeitge­nös­si­scher Kompo­nisten für die Bühne. Der rührige Komponist und nicht minder omniprä­sente Dirigent gilt als Tausend­sassa und kann sich über inter­na­tionale Präsenz nicht beklagen. Auch seine 2014 urauf­ge­führte Schim­mel­p­fennig-Adaption Goldener Drache war ein großer Erfolg bei Presse und Publikum. Die Wieder­auf­nahme der Urauf­füh­rungs­in­sze­nierung im Bocken­heimer Depot, dem reizvollen Ambiente der Außen­spiel­stätte der Frank­furter Oper, kann das in vielen Punkten bestätigen.

Eötvös hat sich selbst Schim­mel­p­fennigs Theater­stück angenommen, es wesentlich gekürzt, Texte verdichtet und so ein Tableau geschaffen, das eine Carte blanche für die Regis­seurin Elisabeth Stöppler war, mit der er vor der Urauf­führung in engem Austausch stand und die dann gemeinsam dieses Kammer­spiel mit gerade mal 5 Sänger­dar­stellern in insgesamt 18 Rollen zusammen generiert haben. Man darf also davon ausgehen, dass diese szenische Reali­sation durchaus den Absichten des Kompo­nisten entspricht.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Schim­mel­p­fennigs gleich­na­miges Theater­stück Der Goldene Drache ist seit der Urauf­führung 2009 sehr erfolg­reich. Den Autor zählt man zu den derzeit angesagten seiner Zunft. Das Anliegen, ein Stück über illegale Einwan­derung und deren Proble­matik zu schreiben, ist ehrenwert und sehr zeitgemäß. Doch mutet die Geschichte um einen illegal einge­wan­derten, in dem engen  China-Vietnam-Thai-Schnell­re­staurant  arbei­tenden kleinen Chinesen doch etwas seltsam an. Schließlich schaffen es ausge­rechnet Einwan­derer aus Fernost doch am besten, sich in Mittel­europa zu integrieren und sind selten für die ständig schwe­lende Integra­ti­ons­de­batte relevant.

Foto © Barbara Aumüller

Dieser Chinese hat höllische Zahnschmerzen, die er aufgrund seines Status nicht medizi­nisch behandeln lassen kann. Der Zuschauer wird Augen­zeuge, wie in der Mitte des Stücks der kariöse Zahn gezogen wird. Mitar­beiter des Restau­rants vollführen das dilet­tan­tisch, was letzt­endlich zum Verbluten des Leidtra­genden führt, das sein Leben kosten wird. Eine Geschichte, die auch Gogol gefallen hätte.

Die mangelnde Relevanz dieser Einwan­de­rungs­gruppe wirft die Frage auf, ob es hier wirklich um ein Problem von heute geht, oder vielmehr um einen Anlass eines Theater­stoffs von heute, der zwar prächtig unterhält, aber nicht wirklich aufrüttelt und einen nicht wirklich nachdenklich macht.

Trotz großen Respekts vor der Leistung aller Betei­ligten verfehlt dieser Abend deswegen etwas seine Wirkung, weil das Thema der illegalen Einwan­derung nicht ergreift, sondern es en passant mit Mitteln der Groteske und des Slapsticks nur antippt.

Eötvös stellte beim Kompo­nieren des Goldenen Drachen fest, dass er nun doch ein Musik­theater und keine Kammeroper schaffen wollte. Der Unter­schied könnte in der inneren Haltung zum Theatra­li­schen liegen. Eötvös wollte leben­diges Theater schaffen. Seinen fünf Sängern verlangt er deswegen extreme schau­spie­le­rische Aufgaben auf der einen Seite und dialo­gi­sches Singen unter Vermeidung längerer arioser Verdich­tungen auf der anderen Seite ab. Nur der unter den fünf hochklas­sigen Protago­nisten besonders heraus­ra­gende Bariton Holger Falk und die Sopra­nistin Karen Vuong dürfen am Ende des Abends Opern­haftes demons­trieren: Linien, Gefühle, Kontem­plation. Ironi­scher­weise sind das die besten und berüh­rendsten Augen­blicke des Abends.

Wenn man aber diese Eigen­schaften nicht als Fundament eines überzeu­genden Musik­thea­ter­abends zugrunde liegt, ist Eötvös‘ Goldener Drache ein witzig ironi­sches und überaus unter­halt­sames Werk, das schon in seiner Virtuo­sität gefällt. Eöstvös‘ Musik kann vieles: sie funkelt, schnurrt, reibt und gelegentlich imitiert sie auch Fernöst­liches, langweilig ist sie nie. Der Stock­hausen-Schüler ist ein erfah­rener Musik­theater-Komponist  und überzeugt einmal mehr als Postmo­derner, der die Avant­garde zwar kennt, ihr aber nicht mehr traut. Das ist erfri­schend und macht seine Musik lebendig.

Dabei bleibt die Textver­ständ­lichkeit überdurch­schnittlich hoch. Die beiden älteren Sänger, die „Frau über 60“, Mezzo­so­pra­nistin Hedwig Fassbender, und der „Mann über 60“, Charak­ter­tenor Hans-Jürgen Lazar, sowie „der Mann“, Bariton Holger Falk, alle drei schon bei der Urauf­führung dabei, vermögen es überzeugend, dem Witz und der grotesken Überzeichnung gerecht zu werden. Da versteht man wirklich jedes Wort und empfindet Vergnügen an den darge­stellten vielfäl­tigen Rollen, die die drei virtuos ausspielen. Auch sänge­risch können sie als Ideal­be­set­zungen punkten. Chapeau.

Dieser Qualität werden „die junge Frau“, Sopra­nistin Karen Vuong, und der Tenor Ingyu Hwang als „der junge Mann“ nicht ganz gerecht. Beide übernehmen die beiden Partien neu, sind beide sänge­risch auch durchaus hochklassig, aber die Textver­ständ­lichkeit erreicht nicht das Niveau ihrer Kollegen. Das wäre kein wesent­liches Problem, wenn man die Produktion übertitelt hätte, wie das mittler­weile fast an jedem Stadt­theater auch bei deutsch­spra­chigen Opern geschieht. Doch Eötvös und Stöppeler wollten darauf verzichten. Die Lösung sollte sein, alle fünf Sänger in der Klang­regie von Norbert Ommer zu verstärken, was aber nur bedingt funktio­niert. Sprachwitz muss man verstehen, sonst ist seine Wirkung verpufft. So trübt dieses Manko unnöti­ger­weise den ansonsten gelun­genen Abend.

Stöpplers Insze­nierung in der Einheits­bühne von Hermann Feuchter gefällt. Die Regis­seurin bringt es fertig, 90 Minuten packendes Theater zu schaffen, das nie langweilt, sondern überdies spannend und im guten Sinne auch unter­haltsam ist. Der Bühnen­hin­ter­grund eines sicher vier Meter großen Drachens ist ein gelun­gener Kontra­punkt zu den sehr realis­ti­schen Settings auf der Bühne, wobei man auch mit etwas weniger Müll und Unrat hätte auskommen können. Ein beson­derer Moment ist das lautlose Zurück­fahren der Hinter- von der Vorder­bühne in der Abschiedsarie des „Kleinen“, was einen unerwar­teten, aber berüh­renden Raumeffekt bewirkt. Etwas gewöhnlich und zu konven­tionell geraten dagegen die Kostüme von Nicole Pleuler, die zwar für die 18 Rollen dienlich und praktisch sind, aber eine ästhe­tische Handschrift über das Übliche hinaus doch missen lassen.

In der Reihe Heimspiele, einer einmo­na­tigen Residenz vor Ort des Ensemble Modern, kann man sich von den Quali­täten dieses hervor­ra­genden Ensembles für moderne Musik unserer Tage einmal mehr überzeugen. Das in Frankfurt behei­matete Ensemble und Kopro­duzent ist der Garant für die hohe Qualität des Abends. Hier von Kontra­bass­kla­ri­nette bis Piccolo über Hammond­orgel und ein reiches Arsenal an Schlagwerk besetzt, verfügt das 16-köpfige Ensemble in allen Bereichen über Musiker, die in der Lage sind, den hohen Anfor­de­rungen der Partitur gerecht zu werden. Sie sind die heimlichen Stars des Abends: Allein der Souve­rä­nität des Ensembles zu lauschen, lohnt das Kommen. Sein Debüt als Dirigent dieser Oper gibt an diesem Abend Nikolai Petersen, junger Kapell­meister der Frank­furter Oper, der souverän zwischen Bühne und Sängern vermittelt und über das nötige Know-how des Dirigierens dieser komplexen Partitur verfügt. Ein gelun­gener Einstand.

Trotzdem wirken Applaus und Zuspruch nach der Vorstellung etwas gehemmt, wenn man von einem übereif­rigen Vorklat­scher mal absieht, dessen unsen­sibles Reinjohlen unmit­telbar nach den leisen Schluss­takten doch etwas deplat­ziert daherkommt.

Fazit: Bewegendes Musik­theater auf hohem Niveau mit minimalen Einschrän­kungen. Ob der Goldene Drache ins Reper­toire eingehen wird, werden sicher weitere Insze­nie­rungen zeigen. Es wäre wünschenswert.

Herbert Rolle

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