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Mitleid mit dem Mächtigen

BORIS GODUNOW
(Modest Mussorgski)

Besuch am
1. Oktober 2016
(Premiere)

 

Staats­theater Nürnberg

Peter Konwit­schny scheut den Tod seiner Protago­nisten und lässt sie oft abwei­chend von der Vorlage ins Weite entkommen. So auch in der Neupro­duktion, die jetzt in Nürnberg die Saison eröffnet hat. Boris Godunow stirbt nicht, sondern hängt sprich­wörtlich seine Zaren­krone an den Haken, um in luftiger Urlau­ber­kla­motte zu neuen Gefilden im Exil zu entfliehen.

Voran­ge­gangen ist ein verzeh­render Aufstieg und Fall des tatari­schen Adligen Boris Godunow, der von der staats­tra­genden Schicht der Bojaren berechnend zum Zaren bestimmt wird. Anschließend darf das geknechtete und immer teilnahmslose Volk, unter Gewalt­an­dro­hungen zum Kasper­le­theater herbei­ge­rufen, ihn schließlich zum Zaren wählen. Die Bojaren und unter ihnen der Intrigant Schuisky – mit eigenen Hoffnungen auf die Zaren­krone – verstehen jedoch, Boris wiederholt mit der Ermordung des angeblich recht­mä­ßigen Thron­folgers, des heiligen Dimitri, in Verbindung zu bringen, so dass Boris sich unter dem Überdruck der Stimmung im Volke gegen ihn aus der Macht- und Zaren­rolle ins Exil zurückzieht.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Er hat weder Halt im Kreis der Bojaren noch im Volk, obwohl er es ganz offenbar zu goldenen wirtschaft­lichen Zeiten geführt hat.

Foto © Ludwig Olah
Foto © Ludwig Olah

Kasper­le­theater und goldene Zeiten sind bei Bühne und Kostümen von Timo Dentler und Okarina Peter sowie der Licht­ge­staltung von Olaf Lundt wörtlich zu nehmen. Zum einen dirigiert der Adel das Volk von einem überdi­men­sio­nierten Kasper­le­theater, das am Ende der Krönungs­szene in einer krachenden Implosion zusam­men­fällt und als beherr­schendes Theater­re­quisit auf der Bühne lange gegen­wärtig bleibt.

Zum anderen ist das Volk in kreischend goldene Kleider und fast ebenso goldblonde Perücken gekleidet und mit nichts mehr als den neuesten Konsu­mat­tri­buten oder allen­falls den eigenen Kindern beschäftigt. Keinerlei politi­sches Interesse oder auch wenigstens nur eigen­mo­ti­vierte Anteil­nahme vermögen es zu bewegen, sich in die Position des Macht­habers und Volks­lenkers hinein­zu­ver­setzen oder gar eine Achse zum Schutz der eigenen Inter­essen mit ihm zu bilden.

Und dann ist da noch die Religion bezie­hungs­weise die Kirche: Pimen ist keines­falls ein zurück­ge­zo­gener Mönch, sondern der Anführer einer eigenen Unter­grund­armee, der seine Gefolgs­leute mit einem Kreuz die Tätowie­rungen und Zugehö­rig­keits­merkmale seiner Truppe in den Körper brennt. Auch diese Gruppe vertritt ihre eigenen, unkon­trol­lier­baren Interessen.

In dieser Einsamkeit zwischen der macht­gie­rigen Adels­schicht, die sich über Schuisky die Kontrolle über die histo­rische Deutung des angeb­lichen Zaren­mordes sichert, und einem gänzlich gleich­gül­tigen Volk kann ein Macht­haber nur verzweifeln – eine Situation unend­licher Traurigkeit und Aussichts­lo­sigkeit – für die betrof­fenen Menschen, und ganz ohne Hoffnung für die Zukunft jedweden aufge­klärten gesell­schaft­lichen Systems. Boris als Herrscher kann nur das Weite suchen.

Ein einzelner Außen­seiter, der Blödsinnige, ist anders. Er bewegt sich am Rande der Gesell­schaft, entzieht sich ihren Verfüh­rungen. Er ist der einzige, der das Schweigen bricht. Für einen kurzen Augen­blick sind der Narr und Boris eng zusammen, bis der Blödsinnige kurz danach ermordet wird. Sein Blut schmiert Boris seinem abseh­baren Nachfolger Schuisky wie die Weitergabe der Schuld ins Gesicht – kein nachfol­gender Macht­haber wird dieser Last entfliehen. Es bleibt nur offen, ob er ein Schuld­emp­finden und das Gefühl der großen Verlas­senheit wie Boris überhaupt entwi­ckeln wird.

Nie hat man die Hinter­gründe und Dynamiken des Dramas in einer so klaren, auch heute relevanten Parabel erleben können, und das ganz ohne platte zeitge­schicht­liche Bezüge, die doch vielfach gegeben wären.

Gespielt wird die Urfassung von 1869 in einer packenden, pausen­losen, nur zweistün­digen Version.

Die Oper Nürnberg ist in der Lage, alle Partien aus dem eigenen Ensemble zu besetzen. Allen voran der Boris des Nicolai Karnolsky – mit kernigem Organ, in jeder Situation flexibler Stimm­führung und außer­or­dent­licher Veraus­gabung beim inten­siven Spiel. Schuisky wird in ebenso großar­tiger Stimm­ge­staltung und verschlagen-darstel­le­ri­scher Wirkung von David Yim verkörpert. Pimen von Alexey Birkus überzeugt als versehrter Krieger und Unter­grund­führer mit nachgerade dämoni­scher Stimm­gewalt. Man kann an dieser Stelle unmöglich allen Leistungen des Ensembles gerecht werden. Stell­ver­tretend für das große und überzeu­gende Ensemble seien bei den Männern der Grigori von Tilmann Unger, Missail von Yongseung Song und Jens Waldig genannt. Bei den Frauen überzeugen Michaela Maria Mayer als Xenia, Ida Aldrian als Fjodor und Solgerd Islav als Wirtin.

Der Chor und Extrachor des Staats­theaters Nürnberg zusammen mit dem Kinderchor des Lehrer­ge­sangs­vereins Nürnberg unter der Einstu­dierung von Udo Reinhart, Tarmo Vaask und Klaus Bimüller geben den Chorszenen Gewicht und werden den anspruchs­vollen Partien in jeder Nuance gerecht. Chöre und Solisten zeichnen sich durch die in Konwit­schny-Insze­nie­rungen übliche rückhaltlose Spiel­freude aus, die die Ensembles des Altmeisters unermüdlich und immer wieder aufs Neue auszeichnet.

GMD Marcus Bosch und seine Mannschaft, die Staats­phil­har­monie Nürnberg, entwi­ckeln ein vielschich­tiges und in den solis­ti­schen wie den Chorszenen drama­tisch-dynami­sches Klangbild, das allen Facetten dieser epischen Chor-Oper wie auch dem vom Regisseur verfolgten Parabel­cha­rakter glänzend entspricht. Besonders eindrucksvoll die großen Szenen, in welchen die Glocken zum Einsatz kommen, die auch in den Orches­ter­stimmen wiederklingen.

Dem Opernhaus in Nürnberg kann man zu diesem Saison­start nur gratu­lieren.  Die Produktion ist in Zusam­men­arbeit mit dem Theater Lübeck und Göteborgs Operan entstanden. Im weiteren Verlauf der Spielzeit wird die in Wien und Lübeck bereits erfolg­reich über die Bretter gegangene Version von Konwit­schnys Attila zu sehen sein. In der nächsten Spielzeit plant das Team Konwit­schny und Bosch die Soldaten von Zimmermann. Nürnberg darf also gespannt bleiben.

Achim Dombrowski

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