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LA CLEMENZA DI TITO
(Wolfgang Amadeus Mozart)
Besuch am
9. Juli 2017
(Premiere am 6. Juli 2017)
Wenn zu den Sommerfestspielen im Festspielhaus von Baden-Baden Mozart gespielt wird, liegt es immer in der Luft: Es ist so schwül, dass das Gewitter greifbar ist. An diesem Tag findet es nur emotional auf der Bühne statt. Denn in Mozarts Oper La Clemenza di Tito kochen vor allem die Emotionen hoch, während an eigentlicher Handlung ja relativ wenig passiert. Der für seine Milde gepriesene römische Kaiser Titus sucht eine Kaiserin und hat sich ausgerechnet eine Frau, Vitellia, zu seiner Feindin gemacht, weil er sie nicht als erstes gefragt hat. Vitellia stiftet Sextus zum Attentat auf den Kaiser an. Der steckt nun in einem emotionalen Dilemma. Einerseits ist er der Vitellia aus Liebe total hörig, anderseits ist er der beste Freund des Kaisers. Er entscheidet sich für die Liebe, doch der Anschlag misslingt. Sextus wird verhaftet, verschweigt Vitellias Anstiftung, da die inzwischen zur Kaiserin erwählt wurde. Nun ist es an Vitellia, Größe zu zeigen, und sie offenbart alles. Der milde Kaiser verzeiht alles und jedem. Im Mittelpunkt der Oper steht das Wechselbad der Gefühle. Alle durchleben es: Vitellia, die zwischen Liebe, Verachtung und Rache hin und her schwankt. Titus, der seinen Freund schützen will und gleichzeitig Gesetze einhalten muss. Sextus, zwischen Liebe und Freundschaft hin und her gerissen und immer davon abhängig, wie Vitellia gerade Meinung und Plan ändert.
Apropos Planänderung: Wie fast immer, so dreht sich auch in diesem Sommer das Besetzungskarussell. Ursprünglich ist Sonya Yoncheva für die Vitellia vorgesehen, aber nun erwischt es ausgerechnet die prominenteste Einspringerin an der Oos. Die Sopranistin, die schon manches Mal für Diana Damrau oder Anna Netrebko übernommen hat, muss aus gesundheitlichen Gründen selbst passen. Dafür kommt man in den Genuss von Marina Rebeka, eine unglaublich charakterstarke Sängerin, die selbst in einer konzertanten Aufführung vor dem Notenständer eine Furie mit Fallhöhe verkörpert. Süffisant spielt sie mit den Gefühlen des Sextus, begegnet der vermeintlichen Konkurrentin Servillia mit Stutenbissigkeit und ist am Ende tief betroffen, als sie ihren Fehler einsieht. Das Ganze garniert sie mit einer in allen Lagen wunderbar geführten Stimme, die bis in die Höhen hinein ein schönes Leuchten mitbringt. Aber selbst sie muss sich im Wettstreit um die Auszeichnung Stimme des Abends knapp geschlagen geben. Denn Joyce DiDonato befindet sich in einer fast überirdischen Form, die das Publikum zu Ovationen hinreißt. Nach ihren beiden Arien geht es minutenlang nicht mehr weiter, bis die Zuschauer sich wieder beruhigt haben. Was soll man bei dieser Interpretation herausstellen, wo man, um fair zu sein, alles erwähnen müsste? Vielleicht das wichtigste: Bei aller technischer Präzision steht da kein Automat auf der Bühne, sondern ein Mensch, der seine Gefühle in jeder Phrase den Zuhörern mitteilt. Eigentlich müsste an diesem Abend die Oper Sextus heißen, was ja auch vom Libretto unterstützt würde.
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Hinzu kommt aber, dass sich der Kaiser, in diesem Fall Rolando Villazón, immer noch zu Recht großer Beliebtheit erfreut, seine vokale Herrschaft aber im Sinken begriffen ist. Selten hat man Villazón so angespannt erlebt. Die Höhe möchte in der besuchten Vorstellung gar nicht recht greifen, er traut sich zu transponieren. Leider kann er nur kurz das Feuer abrufen, das ihn sonst so auszeichnet. Wenn Titus versucht, die Beweggründe des Sextus zu verstehen, da bricht es aus Villazón heraus. Da riskiert er den ein oder anderen gequetschten Ton, um die Wirkung zu erzeugen, die er eigentlich immer hatte. Er – das Zugpferd der Einspielungen bei der Deutschen Grammophon, die in diesem konzertanten Rahmen entstehen – war, egal ob als Belmonte, Don Ottavio, Ferrando und zuletzt Don Basilio – nie der beste Sänger, aber der mit dem größten Herzblut. Das nächste Projekt wird dann ein Experiment. In der Zauberflöte soll er nächstes Jahr anstatt wie geplant Tamino den Vogelfänger Papageno singen. Aus der Sicht des Publikumslieblings gewiss eine passende Entscheidung. Vokal wird man abwarten müssen. Kommt neben seiner Karriere als Intendant, Autor und Regisseur nun noch der Bariton hinzu? Auffallend ist bei seinem Titus jetzt schon, dass die Mittellage dunkler und voller geworden ist.

Man kann nur hoffen, dass die Tontechnik seinem Titus etwas unter die Arme greifen kann, denn es wäre schade für den Rest der Musiker, die im Stande sind, eine Referenzleistung zu vollbringen. Tara Erraught wertet die eher kleine Rolle des Annius mit ihrem runden, klangschönen Mezzosopran auf. Regula Mühlemann bringt als Servilla das schwebende Element der unschuldigen Weiblichkeit mit ins Ensemble. Adam Plachetka strahlt die Autorität des Prätorianers Publio in jedem Tone aus. Das sind auf den Punkt besetzte Rollen, die sich wunderbar in das Ganze einfügen. Das gilt auch für den RIAS Kammerchor in der Einstudierung von Denis Comet, der sehr schnell klarmacht, warum sich der Dirigent Yannik Nézet-Séguin diesen Klangkörper gewünscht haben soll.
Der designierte Chef der Metropolitan Opera und spiritus rector des Mozart-Zyklus bei der Deutschen Grammophon vollbringt auch beim Titus zusammen mit dem Chamber Orchester of Europe eine Großtat und bricht eine Lanze für diese Oper. Denn im Vergleich zu den anderen Mozartwerken, die bislang aufgeführt wurden, ist nicht zu übersehen, dass der Kartenverkauf nicht ganz so erfolgreich gelaufen ist. Dem Titus mag das Zündende, Unterhaltsame beispielsweise eines Figaro abgehen. Aber mit welcher Brillanz Mozart diese emotionalen Auseinandersetzungen komponiert hat, das wird an diesem Abend mehr als deutlich. Da unterscheidet Nézet-Séguin zwischen innerer Reflektion und Entscheidungen, die nach außen getragen werden. Unglaublich, wie sich Sänger und Musiker zu intimen, ruhigen Momenten hinreißen lassen, die nie zerdehnt wirken.
Das Orchester genießt die wunderbaren Farben der Musik merklich, lässt bei aller Pracht auch genügend Räume für Zwischenstimmen. Das weiche Legato liegt ihm ebenso wie die kaiserliche Pracht und die scharf gestochene Rasanz. Der Höhepunkt der Ensembleleistung: Das Finale des ersten Aktes, wo alle glauben, ihren Freund, den Kaiser verloren zu haben. Eine düstere, requiemhafte Stimmung senkt sich herab und jegliche Hoffnung auf die Zukunft geht verloren.
Das Publikum findet zum Glück schnell in die Realität zurück und geizt weder nach dem ersten noch nach dem zweiten Finale mit Applaus. Obwohl DiDonato, Rebeka und Nézet-Séguin ausgelassen bejubelt werden, bekommt jeder Solist, aber auch Chor und Orchester mehr als nur lauten Applaus von einem aufmerksamen Publikum, das die Leistungen über den ganzen Abend zu würdigen weiß. Die gute Stimmung schwappt auch auf die Bühne über, wo sich Villazon über den mehr als nur gut gemeinten Beifall freut und dankbar in den Zuschauerraum lächelt. Als der hünenhafte Plachetka den kleinen Nézet-Séguin bei einer Umarmung in die Höhe hebt, gibt es für die gute Laune kein Halten mehr.
Christoph Broermann