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Erlösung zwischen Hamam und Kirchenkuppel

PARSIFAL
(Richard Wagner)

Besuch am
27. Juli 2017
(Premiere)

 

Bayreuther Festspiele, Festspielhaus

Nach Stefan Herheims brillanter, aber auch ideolo­gisch überfrach­teter Parsifal-Insze­nierung nimmt sich Uwe Eric Laufen­bergs im letzten Jahr aus der Taufe gehobene Deutung gewöh­nungs­be­dürftig schlicht aus. Das führte zu gewissen Enttäu­schungen. Aller­dings läuft man Gefahr, ihm Unrecht zu tun, misst man ihn an der Bilderflut Herheims, die in ihrer Fanta­sie­fülle den Blick weniger auf das Werk als auf die Rezep­ti­ons­ge­schichte richtete. Eine Ästhetik, mit der auch Barrie Koskys neue Meister­singer-Umdeutung nicht nur eine erstaunlich große Begeis­terung auslöste, sondern im illustren Kreis erlauchter Profes­soren, darunter auch der langjährige Stutt­garter Intendant Klaus Zehelein, im Rahmen eines Sympo­sions in der Villa Wahnfried eine Diskussion auslöste, die sich wie selbst­ver­ständlich vom Werk abhob und nur noch um Fassetten der Insze­nierung kreiste.

Die Lobes­hymnen auf Uwe Eric Laufen­bergs Parsifal-Sicht fielen in diesem Kreis mit Sicherheit beschei­dener aus. Doch ohne die wenig origi­nelle und brave Insze­nierung ungewollt aufwerten zu wollen, muss man Laufenberg ein größeres Interesse an dem Stück selbst beschei­nigen, als es Kosky und auch Herheim erkennen lassen.

Gleichwohl: Einen Markstein in der Bayreuther Rezep­ti­ons­ge­schichte bildet die Arbeit nicht. Was das Refle­xi­ons­niveau angeht, lässt sie sich zwischen der Bilderbuch-Ästhetik Wolfgang Wagners und der Meta-Perspektive Herheims ansiedeln. Christoph Schlin­gen­siefs sehr private „Nahtod“-Analyse nimmt eine Sonder­stellung ein.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Uwe Eric Laufenberg möchte den Blick auf das Stück zurück­lenken und den religi­ons­kri­ti­schen Ansatz heraus­stellen. Wagner mahnt schließlich den Verlust an Empathie, an Mitleids­be­reit­schaft der christ­lichen Religionen an. Ein Verlust, der zu brutalen, menschen­ver­ach­tenden Perver­sionen und Kriegen geführt hat. Laufenberg erweitert diese Botschaft auf den Islam, klammert die dritte große monothe­is­tische Religion, das Judentum, freilich aus. Wir sehen im ersten Akt die Grals­ritter als frömmelnde Betbru­der­schaft, die nur an ihr Weiter­leben denkt und die Leiden ihres mit Dornen­krone und Wundmalen geschun­denen Königs Amfortas brutal verschärft, indem sie seine Wunde gewaltsam öffnet und ein Blutbad auf einem Opfer­stein anrichtet. Vom Gral und himmli­scher Erleuchtung ist nichts zu sehen. Der Blutrausch wird zum Lebenselixier.

Angesiedelt ist das Geschehen in einem von Gisbert Jäkel ziemlich grob gestal­teten, von einer Kuppel überhöhten Kirchenraum, wie man ihn, wenn auch filigraner, vom Dom zu Siena und auch von islami­schen Moscheen kennt. Im zweiten Akt sind die Wände mit orien­ta­li­schen Arabesken verziert und die Blumen­mädchen erscheinen tief verschleiert, bevor sie ihre Hüllen fallen lassen und Parsifal in einem Dampfbad leicht geschürzt zu verführen versuchen. Klingsor, der Herr über den Harem, geilt sich derweil an einer Sammlung christ­licher Kreuze auf, geißelt sich und frönt christ­licher Arten und Unarten. Bigot­terie in fortge­schrit­tenem Stadium. In dieser wüsten Mischung freilich eher verwirrend als erhellend.

Botschaften, die aller­dings substan­tiell vom Stück getragen werden. Auch wenn Laufenberg manches platte Klischee aus dem Theater­fundus bemüht, hat er die Perso­nen­führung und die Charak­te­ri­sierung der Figuren gegenüber dem Vorjahr doch merklich präzi­siert. Dennoch: Das Bild von Amfortas als Christus-Allegorie wird überstra­pa­ziert, die Badeszene im Hamam ist banal angelegt, Parsifals Eroberung des Speers mutet geradezu unbeholfen an.

Elena Pankratova mit Kind – Foto © Enrico Nawrath

Mag man Laufen­bergs Diagnose der ethisch entwur­zelten Religionen noch folgen, bleibt er uns Wagners Gegen­entwurf nach wie vor schuldig. Was bewirkt denn Parsifals „Mitleids­geste“ und Erlösungs­handlung bei Laufenberg? Keine Reinigung der Religionen, sondern die Menschen distan­zieren sich davon, werfen Kreuze, Kelche und andere Insignien in den Sarg Titurels und wandeln einer ungewissen Zukunft entgegen. Einer von Religionen befreiten Welt, die dadurch mehr Empathie verspricht? Dieser Frage entzieht sich Laufenberg, so dass Wagners verklä­rende Schluss­musik die hoffnungs­volle Antwort geben muss.

Gewonnen hat der Parsifal auf jeden Fall an musika­li­scher Überzeu­gungs­kraft. Wunder durfte man von Hartmut Haenchens Dirigat im letzten Jahr angesichts knapper Proben­zeiten nicht erwarten. Er sprintet nach wie vor eine halbe Stunde schneller durch den ersten Akt als seinerzeit James Levine, lässt es auch diesmal nicht an drama­ti­scher, mitunter plakativ opern­hafter Schlag­kraft vermissen, doch entlockt er dem Festspiel­or­chester erheblich mehr an jenen weltent­rückten Klang­farben und entma­te­ria­li­sierten Zwischen­tönen, die nur im Bayreuther Festspielhaus zu erleben sind. Hier wirkt sich die gegenüber dem Vorjahr großzü­gigere Probenzeit wohltuend aus.

Publi­kums­liebling Klaus Florian Vogt wechselt in diesem Jahr vom Parsifal zum Walther von Stolzing. Mit Andreas Schager nimmt ein Tenor seinen Platz ein, der die Partie mit erheblich mehr jugend­lichem Impetus und vor allem größerer stimm­licher Strahl­kraft ausstattet als Vogt und sich damit auch für die ganz großen Tenor-Partien auf dem Grünen Hügel empfiehlt. Klaus Florian Vogt mag derzeit als Lohengrin unerreichbar sein. Sein für die meisten Wagner-Partien zu lyrischer und weicher Tenor, zu denen auch der Parsifal und der Walther zu zählen sind, schränken seinen Einsatz­radius erheblich ein. Darin ist er Andreas Schager deutlich unterlegen.

Eine ganz große Leistung vollbringt erneut Georg Zeppe­nfeld als vorbildlich dekla­mie­render Gurnemanz, und Elena Pankratova überzeugt wie im letzten Jahr als stimm­ge­waltige und dennoch diffe­ren­ziert gestal­tende Kundry. Einen stimmlich etwas schüt­teren Eindruck hinter­lässt dagegen Ran McKinny als Amfortas, während Derek Welton als Klingsor erheblich mehr an dämoni­scher Hinter­grün­digkeit ausstrahlt als sein Vorgänger Gerd Grochowski. Eine Klasse für sich stellt wie gewohnt der Festspielchor dar, so dass der Parsifal insgesamt den musika­li­schen Aufwärts­trend der Bayreuther Festspiele unterstützt.

Insgesamt begeis­terter Beifall für alle Betei­ligten, in den sich einige wenige und recht zahme Buh-Rufe für das szenische Team mischen.

Pedro Obiera

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