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Kein Durchbruch

SIEGFRIED/​DIE GÖTTERDÄMMERUNG
(Richard Wagner)

Besuch am
1./3. August 2017
(Premiere)

 

Bayreuther Festspiele, Festspielhaus

Gegner und Fans lieferten sich nach der Götter­däm­merung zwar nicht mehr ein derart an infan­tilen Fanatismus grenzendes Bravo- und Buh-Duell wie in den Vorjahren. Doch Frank Castorfs proble­ma­tische Insze­nierung des Bayreuther Nibelungen-Rings spaltet das Publikum selbst in ihrem fünften und letzten Jahrgang tief und unver­söhnlich. Castorf genoss dieses lautstarke Theater im Theater sichtlich und applau­dierte den Buh-Rufern aufmun­ternd. In Erinnerung bleiben wird der Ring durch seine wuchtigen, filmreifen, aber auch ablen­kenden Bühnen­bauten von Aleksandar Denić, die im Siegfried in einer Mount Rushmore nachemp­fun­denen Porträt­ga­lerie kommu­nis­ti­scher Licht- und Schat­ten­ge­stalten wie Marx, Lenin, Stalin und Mao gipfeln und sich in der Götter­däm­merung, dem szeni­schen Tiefpunkt der Produktion, in zersplit­terter Belie­bigkeit zwischen tristen DDR-Fassaden und dem New Yorker Börsen-Tempel verlieren. Bühnen­land­schaften von einer übermäch­tigen Dominanz, in denen die Sänger optisch kaum noch wahrzu­nehmen sind. Bilder, die der oberfläch­lichen Konzeption des Rings als Saga der Öl-Multis zwar ein illus­tra­tives Profil verliehen, Castorf in seinem dispa­raten, den Vierteiler eher spren­genden als verei­ni­genden Werk-Verständnis noch verstärken.

POINTS OF HONOR

Musik     
Gesang     
Regie     
Bühne     
Publikum     
Chat-Faktor     

Inter­es­santer fielen ohnehin die musika­li­schen Akzente aus, die der mit sieben langen Werken dicht bestückten Premie­ren­woche mehr Glanz­punkte bescherten als in den Vorjahren. Im Ring erreichte man nach einem durch­schnittlich besetzten Rheingold in nahezu allen Haupt­partien ein festspiel­wür­diges Niveau. Höhepunkte mit Camilla Nylund als Sieglinde und Chris­topher Ventris als Siegmund, der Brünn­hilde von Catherine Foster, dem Siegfried von Stefan Vinke, Stephen Milling als Hagen, John Lundgren als Wotan und dem scharf charak­te­ri­sie­renden Andreas Conrad als Mime standen relativ wenige schwache Leistungen gegenüber. Und Marek Janowskis schwung­volles Dirigat überspielte zwar manche Feinheit, vor allem in der Walküre, ließ aber im klugen Umgang mit drama­ti­schen Steige­rungen und nötigen Ruhepunkten die immense Werkkenntnis des Dirigenten in jedem Takt erkennen.

Die größten Diskus­sionen löste natürlich die Neuin­sze­nierung der Meister­singer von Nürnberg von Barrie Kosky aus. Nach Stefan Herheims Parsifal ein weiterer handwerklich brillant ausge­führter, aber konzep­tionell fragwür­diger Versuch, die Diskussion um die dunkle Vergan­genheit der Bayreuther Festspiele auf die Bühne zu verlagern, der die Festspiel­leitung Jahrzehnte lang aus dem Weg gegangen ist. Eine Diskussion, die jedoch im Theater zu verzerrten Deutungen der Stücke führt und anderswo geführt werden müsste. Mittler­weile wird die hemmungslose Vermengung von Werk und braun gefärbter Rezep­ti­ons­ge­schichte so selbst­ver­ständlich akzep­tiert, dass selbst ein so kundiger Theatermann wie der ehemalige Intendant der Stutt­garter Staatsoper, Klaus Zehelein, in einem Symposium zum Thema Wagner im Natio­nal­so­zia­lismus im Kontext der Meister­singer apodik­tisch und unwider­sprochen die These verkündet: „Hier geht es um Vernichtung“. Gemeint ist natürlich die Vernichtung der Juden. Die Frage, ob es in dem Stück um die Prophetie des Holocausts gehe oder lediglich in der Insze­nierung, wurde erst gar nicht gestellt.

Foto © Enrico Nawrath

So heftig um die Insze­nierung disku­tiert wird, so sehr kann man sich auch in den Meister­singern über glänzende vokale Leistungen freuen mit Michael Volle als Hans Sachs, Johannes Martin Kränzle als Beckmesser und Daniel Behle als David an der Spitze. Und auch Tristan und Isolde mit Stephen Gould und Petra Lang in den Titel­partien sowie der Parsifal mit Georg Zeppe­nfeld als Gurnemanz und Andreas Schager in der Titel­rolle sorgten für ein stabiles gesang­liches Niveau. Am Dirigen­tenpult gehört eindeutig Christian Thielemann der Sieger­lorbeer, der im Tristan drama­ti­schen Gehalt und klang­liche Delika­tesse so ideal und ausge­wogen zum Ausdruck bringt wie keiner seiner Kollegen. An die Bayreuther Akustik gewöhnt, hat sich im zweiten Jahr Hartmut Haenchen als zuver­läs­siger Parsifal-Dirigent, während der Bayreuther Neuling Philippe Jordan den Meister­singern noch eine Menge an Detail­arbeit schuldig geblieben ist.

Im kommenden Ring-losen Jahr steht ein neuer Lohengrin mit Christian Thielemann am Pult an. Yuval Sharon wird Regie führen, Neo Rauch das Bühnenbild erstellen. Die promi­nente Besetzung führen Roberto Alagna als Lohengrin, Anja Harteros als Elsa, Waltraud Meier in der Rolle der Ortrud und der Publi­kums­liebling dieses Jahres, Georg Zeppe­nfeld, als König Heinrich an. Neben den neueren Produk­tionen der Meister­singer, des Tristan und des Parsifal wird der Spielplan durch die Wieder­be­lebung der eigentlich längst abgelegten Holländer-Insze­nierung von Jan Philipp Gloger aufge­füllt. Und drei separate Auffüh­rungen der Walküre mit Plácido Domingo am Dirigen­tenpult dürften die Kurio­si­tä­ten­sammlung der Festspiele bereichern.

Pedro Obiera

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